Analyse des Dortmund-Spiels

Das Offensivspiel wird zur Mammutaufgabe

Werder verteidigt gegen Borussia Dortmund lange Zeit sehr gut, reißt sich dann aber wieder alles selbst ein und scheitert am Ende am weiterhin größten aller Probleme: Dem Spiel im gegnerischen Drittel.
23.02.2020, 12:36
Lesedauer: 6 Min
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Von Stefan Rommel
Das Offensivspiel wird zur Mammutaufgabe

Werders Davie Selke im Duell mit Dortmunds Emre Can.

nph / Tauchnitz

Werder-Trainer Florian Kohfeldt änderte seine Startelf im Vergleich zum Leipzig-Spiel auf drei Positionen: Ömer Toprak, Ludwig Augustinsson und Davie Selke rückten in die Mannschaft, der letzte Kevin Vogt, Maximilian Eggestein (gesperrt) und Marco Friedl (Bank) mussten weichen. Beim BVB schickte Lucien Favre die selbe Mannschaft ins Rennen, die unter der Woche PSG geschlagen hatte.

Beide Mannschaften vertrauten auf dem Papier der selben Grundordnung: Mit Ball in einem 3-4-3, gegen den Ball im 5-2-3 oder wie öfter beim BVB im 5-4-1. Werder ordnete sich dabei mit Milos Veljkovic, Toprak und Niklas Moisander in der Dreierkette an, Theo Gebre Selassie und Augustinsson waren die beiden Flügelspieler. Die Doppel-Sechs kam - ohne die gelernten defensiven Mittelfeldspieler Philipp Bargfrede, Nuri Sahin, Maximilian Eggestein und Kevin Möhwald - etwas exotisch daher: Neben Davy Klaassen rückte Lero Bittencourt ins defensive Zentrum. Milot Rashica und Yuya Osako teilten sich die Flügelangreifer- beziehungsweise Zehnerpositionen und Selke agierte als zentraler Angreifer.

Gutes Defensivkonzept

Grundsätzlich griff Werder im Spiel gegen den Ball auf einige Elemente aus dem Pokalspiel vor zweieinhalb Wochen zurück: Rashica und Osako hatten die Aufgabe, immer auch Dortmunds Doppel-Sechs im Blick zu haben und wenigstens mit dem Deckungsschatten dabei zu arbeiten. Die Halbverteidiger, besonders Veljkovic, rückten auch mal aus der Abwehrkette heraus, um ihren direkten Gegenspieler zu verfolgen. Die veränderte Anlaufhöhe und auch -intensität verschoben aber die Aufgabenverteilung im Vergleich zum Pokalspiel dann doch ein bisschen.

Werder attackierte den BVB in einem hohen Mittelfeldpressing und rückte dafür auch mit seinen Sechsern Bittencourt und Klaassen höher auf die Dortmunder Sechser auf, sobald der eigene ballnahe Zehner im Sprint auf einen Dortmunder Halbverteidiger rückte. Mit dem Zuspiel auf einen Halbverteidiger jenseits der Mittellinie startete das Pressing. Selke machte sofort den Rückpassweg auf den zentralen Innenverteidiger Mats Hummels zu, um den er sich auch immer dann kümmerte, sobald Hummels an den Ball kam, um lange Zuspiele hinter die eigene Abwehrlinie zu verhindern. Der ballnahe Zehner lief dann den Halbverteidiger am Ball an, der Flügelverteidiger rückte sofort auf sein Dortmunder Pendant auf und die Sechser machten die Passoptionen ins Zentrum dicht. Die Bremer Spieler blieben dabei stets eng aneinandergebunden

Es entstanden immer wieder klare Mannorientierungen, was gegen eine flinke Mannschaft mit tollen Einzelspielern wie den BVB zu einem großen Problem werden könnte - für Werder in der ersten Halbzeit aber jederzeit beherrschbar blieb. Die Bremer Spieler waren jederzeit aufmerksam und gallig im Zweikampf. Das Timing in den direkten Duellen war sehr gut, die gegenseitige Absicherung ebenfalls. Und auch das Ziel, Bälle in höheren Zonen zu erobern, wurde ein paar Mal erreicht. Besonders Bittencourt hatte dabei gute Momente, überhaupt zeigte der auf der eher ungewohnten Position ein ordentliches Spiel.

Dortmund lernt aus dem Pokalspiel

Allerdings spielte die veränderte Ausrichtung der Borussia Werder auch in die Karten. Anders als im Pokalspiel standen beim BVB Kontrolle und Sicherheit über allem anderen. Die Mannschaft minimierte das Risiko im eigenen Ballbesitz, hatte immer mindestens drei Spieler zur tiefen Absicherung und genügend um den Ball, um Bremer Konter besser zu verteidigen als zuletzt. Eine Schlüsselrolle kam den Flügelangreifern Thorgan Hazard und Jadon Sancho zu. Im Pokalspiel fielen die Flügelangreifer und auch Flügelspieler Achraf Hakimi im Pressing und Gegenpressing noch viel zu oft durch, das heißt: Starteten sie im Anlaufen zu spät, riss das ein Loch ins Dortmunder Pressing und die Angreifer waren aus dem Spiel, unfähig, den Anschluss an den Rest der Mannschaft dann wiederherzustellen.

Nun blieben die beiden und auch Hakimi, der es mit der Defensivarbeit nicht immer so ernst nimmt, aber immer in den Aktionen, arbeiteten auch noch weiter mit, wenn sie mal überspielt waren. Dazu hielten Axel Witsel und Emre Can sehr gut das Zentrum. So wenig wie der BVB vor das Bremer Tor gelangte, so wenig schaffte es auch Werder kontrolliert in die gefährliche Zone. Dafür blieb die zentrale Anlaufstelle auf der Zehn nicht gut genug von Rashica oder Osako besetzt. Es entstanden stattdessen immer wieder Pattsituationen im Mittelfeld, es gab auf beiden Seiten keine Tiefe im Spiel und weil Haaland bei Toprak und Selke bei Hummels komplett abgemeldet waren, konnten beide Mannschaften auch mit langen Bällen in die Spitze nicht gefährlich werden.

Bis auf einen Bremer Durchbruch über rechts und einer fehlender Abschlussaktion und einer potenziell sehr gefährlichen Staffelung auf der anderen Seite, als sich alle drei Innenverteidiger auf eine Seite ziehen ließen und Augustinsson nicht mehr rechtzeitig schließen konnte (Haaland dann aber im Abseits stand), verteidigten beide Teams ausgesprochen konzentriert und ohne Fehler - weshalb es überhaupt keine nennenswerten Chancen gab.

Zagdou und die Flügelverteidiger machen Druck

In der zweiten Halbzeit wurde die Partie schnell etwas offener. Dortmunds Flügelspieler schoben höher nach, Werder fand in den Umschaltmomenten zwei, drei Mal über den Zehnerraum ins Tempo, offenbarte dann aber auch sein derzeit größtes Problem: Diese an sich gut initiierten Angriffe wurden nicht gut ausgespielt. Das lag zum einen daran, dass der BVB stets in Überzahl agierte, zum anderen aber auch an einer gewissen Ungeduld und einem seltsamen Aktionismus, besonders von Rashica, der aus unmöglichen Positionen ins Dribbling ging oder einfach nur aufs Tor schoss.

In der Defensive bekam Werder immer mehr Probleme mit dem weiträumigen Spiel von Dortmunds Flügelangreifern. Sancho und Hazard waren ständig unterwegs, überluden auch mal eine Seite extrem und kamen dann im Zusammenspiel mit den auf oder einrückenden Flügelspielern nicht nur in Überzahlsituationen, sondern endlich auch hinter die Bremer Abwehrlinie. Eingefädelt wurden diese Angriffe immer öfter vom heimlichen Spielmacher Dan-Axel Zagadou, der ziemlich überzeugend in die eigentlich für Hummels angedachte Rolle schlüpfte und Werders Pressing mit starken Vertikalpässen direkt in die Spitze einige Male sauber aushebelte. Der Gegentreffer nach einem Standard war gegen einen an diesem Tag eher auf Kontrolle und Sicherheit ausgelegten BVB natürlich pures Gift.

Dortmunder Kontrolle, Bremer Ratlosigkeit

In der Folge entwickelte sich ein Spiel wie zuletzt in Leipzig: Der Gegner ging allenfalls mit einem sehr dosierten Risiko auf das nächste Tor, setzte stattdessen eher auf lange Ballzirkulationen und Spielkontrolle und ließ Werder am langen Arm verhungern. Eine an sich ungefährliche Sequenz am rechten Flügel machte ein Kommunikationsproblem zwischen Augustinsson und Moisander erst scharf, Hakimi entwischte im Rücken und brach durch und legte den Rückpass auf den sich absetzenden Haaland perfekt ab. Damit war die Partie Mitte der zweiten Halbzeit eigentlich schon gelaufen.

Kohfeldt, der schon vor dem Treffer den angeschlagenen Bittencourt vom Platz nehmen wollte, reagierte unmittelbar danach, brachte Johannes Eggestein und stellte auf 5-3-2 um. Klaassen war nun alleiniger Sechser, Osako und Eggestein davor auf der Acht, Rashica rückte zu Selke in den Angriff.

Dortmund spielte ungeachtet dessen weiter sein Pensum runter und kam über Hakimi gegen den müder werdenden Augustinsson ein paar Mal gefährlich durch. Ansonsten blieb Dortmund aber eher zurückhaltend und leistete sich keine Fehler. Kohfeldt versuchte mit der Einwechslung von Joshua Sargent für Veljkovic und einer erneuten offensiven Umstellung auf Viererkette und die Raute davor einen letzten Impuls zu setzen, gegen den an diesem Tag aber wie schon gegen Paris sehr reifen BVB änderte auch diese Maßnahme das Spiel nicht mehr.

Der Schlüssel liegt im letzten Drittel

Dortmund spielte einen sehr erwachsenen Fußball, ließ sich anders als im Pokalspiel auf keine Hektik und keinen Schlagabtausch ein, sondern wartetet geduldig auf die Fehler des Gegners - die bei Werder derzeit früher oder später zu erwarten sind - und hatte dann, anders als Werder, im letzten drittel auch die entsprechenden Möglichkeiten. Werder hatte wie in Leipzig starke Sequenzen gegen den Ball, bekam das Zentrum zu und Dortmunds Dribblings und deren Geschwindigkeit gut unterbunden. Aber das reicht einfach nicht, um remis zu spielen, geschweige denn eine Partie auch mal wieder zu gewinnen.

Das Hauptproblem bleibt die Offensive. Gegen Dortmund war auch mit der Rückkehr des etatmäßigen Flügelverteidiger-Duos Gebre Selassie und Augustinsson schon wieder mehr Zug nach vorne zu spüren, ein paar lange vermisste Aufbausequenzen mit dem Spiel über den Dritten und Überladungen am Flügel. Das reicht dann, um einigermaßen sauber und kontrolliert ins Übergangsdrittel zu gelangen - es reicht aber derzeit nicht, um dann in der gefährlichen Zone vor dem gegnerischen Tor aufzutauchen. Das Spiel im letzten Drittel bleibt nicht tauglich für Bundesligafußball. Aber ohne Abläufe gibt es keine Torchancen, ohne Torchancen keine Tore, ohne Tore keine Siege und ohne Siege keinen Klassenerhalt.

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