Niederlage gegen Schalke in der Analyse Das Pressing macht den Unterschied

Schalke lässt Werder mit seiner Aggressivität und Intensität gegen den Ball nicht zur Entfaltung kommen und profitiert letztlich auch von schlampigen Bremern, die ihre Ideen nicht sauber genug umsetzen.
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Von Stefan Rommel

Umstellungen auf beiden Seiten: Werder-Trainer Florian Kohfeldt nahm im Vergleich zur Partie in Gladbach zwei Wechsel vor. Ludwig Augustinsson kam zu seinem Saisondebüt und verdrängte Marco Friedl auf die Bank, dazu ersetzte Philipp Bargfrede den leicht erkrankten Leo Bittencourt, der ebenfalls auf der Bank Platz nahm. Auch Schalke wechselte auf zwei Positionen, für Alessandro Schöpf und Weston McKennie begannen Matija Nastasic und Mark Uth.

Während Schalke seiner Viererkette treu blieb und in einem 4-4-2 mit Raute startete, stellte Kohfeldt seine Mannschaft etwas um: Nuri Sahin füllte die Abwehrreihe auf, Werder verteidigte vor Jiri Pavlenka also mit Theo Gebre Selassie, Milos Veljkovic, Sahin, Sebastian Langkamp und Augustinsson. Davor teilten sich Bargfrede, Maximilian Eggestein und Davy Klaassen im Dreier-Mittelfeld die Positionen auf, während Milot Rashica und Yuya Osako den Angriff bildeten.

Passiv und zögerlich

Werder ging im 3-5-2 bei eigenem Ballbesitz und mit einer etwas veränderten Ausrichtung in die Partie. Die Mannschaft überließ Schalke in der Anfangsphase den Ball und zog sich in der Regel bis zur Mittellinie zurück. Torsicherung war oberstes Gebot, aus dieser tieferen, kompakteren Position sollte über schnelle Umschaltmomente Torgefahr erzeugt werden. Allerdings offenbarte der Plan in der Umsetzung Schwachstellen: Die Mannschaft verknüpfte die geforderte Kompaktheit mit einer zu großen Portion Passivität und Zögern.

Im Anlaufen wurde der Gegner in überschaubarer Intensität nur gelenkt, aber nicht wirklich aggressiv und frontal attackiert. Es fehlte die Geschlossenheit gegen den Ball, um auch mal Ballgewinne aktiv zu erzwingen. In den wenigen Umschaltmomenten blieb das meiste Stückwerk, weil sich Werder zwar Räume auf den Flügeln boten, Schalke aber sowohl im Gegenpressing als auch im Rückzugsverhalten sehr aufmerksam war und fast keine gefährlichen Angriffe zuließ.

Die Kreativen ins Spiel gebracht

Die Gäste machten es ihrerseits deutlich besser, weil sie mit den Ideen ihres Trainer David Wagner sorgfältiger umgingen. Die Mannschaft baute mit drei Spielern und einem Sechser davor tief auf und hatte so keinerlei Probleme, die beiden Bremer Angreifer zu umspielen. Durch die sehr hoch postierten Außenverteidiger wurden Gebre Selassie und Augustinsson auf Höhe der Bremer Abwehrkette gebunden und damit jede Menge Platz geschaffen für Amine Harit sowie vor allen Dingen für Uth. Der spielte nicht, wie vor Spielbeginn vielleicht vermutet, als zentrale Spitze, sondern tauschte mit Benito Raman. Uth schlich immer wieder in den tiefen und freigeräumten Halbräumen herum, um dort leicht anspielbar zu sein und Tempo in die Angriffe zu bringen.

Schalke hatte deutlich mehr vom Spiel und zeigte die reifere Anlage, ohne dabei gefährlich zu werden. Vielmehr war die Partie in den ersten 20, 25 Minuten ein Belauern, was eher den Gästen entgegen kam, die ballsicherer wirkten und Werder nur sehr wenige längere Ballbesitzphasen gönnten. Grund dafür war das im Vergleich zum Gegner viel aggressivere und auch mutigere Pressing. Schalke lief hoch im Feld an und war mit seinen durchschiebenden Spielern immer gleich auf dem Sprung. Werder hatte deshalb nur selten mal Ruhe am Ball. Die Bremer verpassten zu oft den Moment, aus diesen engen Situationen auf die ballferne Seite herauszuverlagern und kamen mit ihren Angriffen deshalb nicht besonders weit. Das wurde auch kaum besser, als Kohfeldt nach etwa 20 Minuten auf Viererkette umstellte und Sahin neben Bargfrede ins Mittelfeld beorderte. Ein Schuss von Eggestein aus 20 Metern war nicht zufällig die beste Bremer Torchance der ersten Halbzeit.

Umstellung greift nur bedingt

Zwar wurden durch den vierten Mittelfeldspieler nun Harit und Uth besser kontrolliert, es schlichen sich nach und nach aber Fehler im Spiel gegen den Ball ein, weshalb Schalke mit einer verdienten Führung in die Pause ging. Den Warnschuss durch Daniel Caligiuris Pfostentreffer registrierte die Mannschaft offenbar nicht. In dieser Szene stellte sich Werder im Zustellen bei einem Schalker Abstoß richtiggehend plump an und wurde mit zwei simplen Spielzügen förmlich überrannt.

Kurz vor der Pause war ein schlampiges Gegenpressing der Ausgangspunkt für die Schalker Führung und es zeigte sich ein anderer Unterschied zwischen beiden Mannschaften: Während Werder bei seinen ohnehin schon wenigen Angriffen kaum Personal in den gegnerischen Strafraum bekam und eigentlich immer in deutlicher Unterzahl agieren musste, rückte Schalke mutiger nach. Bei Harits Treffer waren fünf Schalker Spieler im Strafraum. Dass Gebre Selassie nicht attackierte und Pavlenka irritiert einen Moment zögerte, passte ins Bild.

Ramans Pressing als Symbol

Kohfeldt zog Sahin nach der Pause auf die Zehn und spielte fortan mit Raute, aber auch in dieser Grundformation blieben die Bremer Schwächen bestehen, während Schalke zunächst in allem schneller, wacher, konzentrierter, robuster, genauer, schlicht besser agierte als Werder. Raman, der wirklich jedem einzelnen Ball im Vollsprint nachging, belohnte sich beim 2:0 für seinen großen Aufwand und nutzte einen simplen technischen Fehler von Langkamp. Der Schalker zeigte dabei jene Entschlossenheit und Hartnäckigkeit, die man sich auch von den Bremer Spielern erhofft hätte.

Kohfeldt reagierte sofort und brachte Claudio Pizarro für Sahin. Pizarro reihte sich im Angriff ein, ließ sich aber auch immer wieder fallen. Werder war jetzt etwas griffiger und mutiger und kam zu zwei guten Chancen. Rund 20 Minuten vor dem Ende nahm Kohfeldt Bargfrede runter und brachte mit Johannes Eggestein den nächsten Offensivspieler. Wagner brachte McKennie für Uth. Johannes Eggestein ging auf die Achter-Position seines Bruders, der wiederum die Sechs übernahm. Schalke agierte mit McKennie neben Omar Mascarell, also mit zwei engen Viererketten und Harit auf der Zehn davor. McKennie stabilisierte die Schalker Mannschaft mit seiner körperbetonten Spielweise in einer Phase, in der die gute Struktur etwas verloren ging und Werder zumindest ansatzweise Druck aufbauen konnte.

Schalke spielt es schlau zu Ende

Schalke blockte Schuss um Schuss von außerhalb des Strafraums, den einen innerhalb des Sechzehners schoss Pizarro drüber. Der erste gravierende Fehler der Gäste sorgte dann aber doch für den Anschlusstreffer. Schalke verschob mal wieder extrem zur Ballseite, Suat Serdar ließ Gebre Selassie bei der Verlagerung aus den Augen und plötzlich war Werder im gegnerischen Strafraum in Überzahl. Schalke schaffte es aber, anders als in einigen Partien zuvor, in der Schlussphase ruhig zu bleiben und den Ball so weit weg wie möglich vom eigenen Tor zu halten. Werder stellte mit Benjamin Gollers Einwechslung auf 3-4-3 um und spielte fast nur noch lange Bälle in die Spitze - die Schalke aber zumeist problemlos verteidigen konnte. Die Bremer konnten keinen Druck mehr aufbauen, die erwartete Drangphase blieb komplett aus. Stattdessen spielte Schalke die Partie gelassen runter und musste nur noch bei Rashicas Drehschuss in der Nachspielzeit zittern.

Insgesamt geht der Schalker Sieg in Ordnung, weil die Gäste nicht nur bissiger waren, sondern auch die bessere Spielanlage zeigten. Erstaunlich, wie schnell sich Schalke unter Wagner gefunden hat und in Teilbereichen schon wie eine Spitzenmannschaft agiert. Werder dagegen konnte sich im Gegensatz zu den meisten Spielen der vergangenen Wochen kaum Torchancen erspielen. Das lag zum einen an einigen Problemen im Ballbesitz, zum anderen aber auch an Schalkes Intensität im Pressing - dem Schlüssel für den Spielausgang.

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