Was das Karriereende für Fußballer bedeutet

Das wahre Leben

Der Weg in die Karriere nach der Karriere ist für viele Fußballprofis schwierig, denn sie bereiten sich nicht ausreichend auf diese Zeit vor. Wie es auch anders geht, zeigt Werders U23-Torwart Tobias Duffner.
18.11.2018, 16:17
Lesedauer: 7 Min
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Das wahre Leben
Von Marc Hagedorn

Am liebsten Trainer bei einem Profiklub. Oder Manager. Auch Experte beim Fernsehen wäre eine Alternative. „Bei Sky können aber nur zwei, drei Leute sitzen“, sagt Ulf Baranowsky. Ulf Baranowsky ist Geschäftsführer der VDV, der Vereinigung der Vertragsfußballer, also der Gewerkschaft der Profifußballer. Es gehört zu seinem Job, Wahrheiten auszusprechen, die seine Klienten nicht so gern hören. Sehr viele Fußballprofis würden nach dem Ende ihrer Karriere nur zu gern im Business bleiben. Das Problem: Die Zahl an freien Trainer- und Managerstellen ist überschaubar, und als Qualifikation reicht es heute nicht mehr aus, einen großen Namen zu haben. Ulf Baranowsky und seine Kollegen arbeiten deshalb daran, bei Fußballprofis frühzeitig ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, einen Plan B für die Karriere nach der Karriere zu machen.

Wenn Baranowsky von seiner Arbeit erzählt, landet er irgendwann immer bei einem Werderaner: bei Tobias Duffner. Der 34-Jährige ist seit acht Jahren Torwart bei Werders U23, meist als Ersatzmann, ab und an auch als Nummer eins. Duffner ist Fußballprofi, er verdient seinen Lebensunterhalt mit Fußballspielen – und schreibt nebenbei an seiner Doktorarbeit. Baranowsky nennt Duffner „unseren Leuchtturm“. Weil der Torwart frühzeitig erkannt hat, wie wichtig es ist, einen Plan zu haben, wenn es mit der großen Profikarriere nicht klappt.

Der Faktor Glück

Wenn es nach Tobias Duffner gegangen wäre, hätte er heute mindestens ein paar Bundesligaspiele gemacht, tatsächlich kommt er auf 31 Einsätze in der dritten Liga, 18 Regionalliga-Spiele und etwas mehr als 100 Spiele in diversen Oberligen. „Natürlich hatte ich größere Träume“, sagt Duffner, „aber heute mit 34 weiß ich, was dazu gehört, was Leute gemeint haben, wenn sie von Glück und glücklichen Umständen gesprochen haben.“ Den richtigen Klub zur richtigen Zeit, den richtigen Trainer im richtigen Moment, die beste Form in dem Augenblick, in dem man endlich die Chance bekommt, sein Können zu zeigen, das richtige Timing kurz gesagt. Tobias Duffner hat in seiner Zeit vor Werder bei Holstein Kiel II, Kickers Emden, VfR Neumünster, SV Ahlerstedt/Ottendorf und TuRu Düsseldorf sowie den Bremen nahen Oberligisten SC Weyhe und Brinkumer SV gespielt. „Schon mit sieben habe ich zu meinen Eltern gesagt: Ich will Abitur machen und Fußballprofi werden“, sagt Duffner. Nach dem Abitur hat er gleich angefangen zu studieren. „Ich bin so erzogen worden: Du weißt nie, ob es mit der Karriere klappt. Ob du gesund bleibst. Es kann schnell vorbei sein. Ein Plan B gibt Sicherheit.“

Wenn alle angehenden und gestandenen Fußballprofis so denken würden wie Tobias Duffner, hätten Ulf Baranowsky und seine Kollegen weit weniger Arbeit. Der Blick von außen aufs Profigeschäft geht so: Die Spieler werden verehrt, verdienen unerhört viel Geld, fahren tolle Autos, wohnen in noch tolleren Häusern und haben schöne Frauen. Baranowskys Blick geht so: Nur zehn Prozent aller Profis haben am Ende ihrer Karriere ausgesorgt. Nicht einmal 20 Prozent können auf eine abgeschlossene Berufsausbildung bauen. Nicht selten folgt am Ende der Profilaufbahn das böse Erwachen.

Eine Untersuchung der Fifpro, einer internationalen Spielervertretung, hat herausgefunden, dass ein Drittel aller ehemaligen Fußballprofis nach Karriereschluss Symptome von Depressionen und Suchterkrankungen zeigen. „Viele Ehen gehen kaputt, der gewohnte Lebensstandard geht flöten, man steht nicht mehr im Fokus, es gibt keine Einladungen mehr“, sagt Baranowsky. „Viele sind darauf nicht vorbereitet.“

Die Spielergewerkschaft geht deshalb in die Nachwuchsleistungszentren der Profiklubs, vernünftige Schulabschlüsse sind hier inzwischen Standard. Immerhin zwei von drei angehenden Profis haben heute Abitur oder Fachabitur. Trotzdem sieht sich die VDV, einst vom damaligen Werder-Kapitän Benno Möhlmann mitgegründet, in der Pflicht, Eltern, Vereinsverantwortliche, Trainer und nicht zuletzt die Spieler selbst für das Thema berufliche Zukunft zu sensibilisieren. Nur fünf Prozent aller Spieler aus den Fußballinternaten schaffen den Sprung in die Bundesliga.

Die Pleite droht

Übrig bleiben 95 Prozent, für die zweite und dritte Liga sowie Regional- oder Oberliga die Zukunft sind. Baranowsky kann zig Beispiele aufzählen. „Drittligaspieler, 32, Hauptschulabschluss, keine Berufsausbildung, zwei Kinder – da ist am Ende der Karriere Druck auf dem Kessel: die Miete, die Leasingrate fürs Auto“. 3000 Euro netto sind für einen 19-Jährigen, der in der zweiten Mannschaft eines Bundesligisten in der Regionalliga spielt, gutes Geld. Aber wer es bis Mitte 20 nicht nach oben schafft, der verdient mit 30 irgendwann 800, 900 Euro oder weniger bei einem Regionalligisten. „Viele schieben das Thema Karriere nach der Karriere vor sich her“, sagt Baranowsky, „andere können vom Fußball nicht loslassen.“ Jeder vierte Fußballprofi, so schätzt man, ist wenige Jahre nach Karriereende pleite. Unter Zweit- und Drittligaprofis schaffen nach einer Untersuchung der Universität Jena 20 Prozent den Sprung ins Berufsleben nicht, sondern müssen von Sozialleistungen leben.

„Die Träume sind größer als der Realismus“, sagt Prof. Dr. Dirk Mazurkiewicz von der Hochschule Koblenz, die gemeinsam mit der Spielergewerkschaft die aktuellste Studie zu diesem Thema durchgeführt hat. Die sogenannte „Bildungstendenzstudie“ ist vor einigen Monaten in ihrer dritten Auflage erschienen, nach ersten Umfragen im Jahr 2012 und 2015. 230 Profis aus der ersten, zweiten und dritten Liga gaben diesmal Auskunft, sie sind im Schnitt 24 Jahre alt und deutsch. „Die Anzahl derer, die im Profifußball unterkommen, ist sehr gering“, sagt Mazurkiewicz. „Die Fehleinschätzung des aktiven Spielers lautet meistens: Mein jetziger Status wird mir helfen, im Nachgang Fuß zu fassen.“ Der große Name mag hier und da immer noch Türen öffnen, aber um sich gegen jüngere und oft besser ausgebildete Konkurrenz durchzusetzen, reicht das alleine nicht. Selbst wenn die Zahl an Jobs in der Fußballbranche zugenommen hat.

In den Bereichen Recht, Finanzen, Medien, Ticketing und Marketing sind in den vergangenen Jahren direkt in den Klubs und in deren Umfeld viele Stellen entstanden. Kleiner Haken: Sie setzen eine entsprechende Ausbildung voraus, die viele Profifußballer nicht nachweisen können. Die VDV hat deshalb mit Bildungspartnern Programme zur Qualifizierung aufgelegt, unter anderem den Sportfachwirt IHK. Werders Sportchef Frank Baumann, Gladbachs Geschäftsführer Max Eberl oder Hoffenheims Sportdirektor Alexander Rosen haben diese Ausbildung absolviert.

Ebenfalls im Kommen sind Qualifikationen wie der „zertifizierte Sportmanager“ der ESM-Academy. Das staatlich anerkannte Hochschulzertifikat ist ein Online-Studium, geht über zwei Semester (zwölf Monate) und endet mit einer Hausarbeit und dreistündigen Klausur. Zu den Absolventen gehören die ehemaligen Werder-Profis Zlatko Junuzovic, Tim Borowski und Clemens Fritz, auch Sven Ulreich, Rene Adler, Cacau oder Stefan Kießling haben parallel zu ihrer Karriere diese Fortbildung gemacht. Sie ist ein Baustein auf dem Weg ins Leben nach der Karriere. Immerhin rund 35 Jahre sind es für die Ex-Fußballer noch bis zum Eintritt in die Rente.

Die Geschäftsideen der Profis

Spieler, die parallel zu ihrer Laufbahn Geschäftsideen umgesetzt haben, gab es immer und gibt es immer noch. Auch bei Werder. Clemens Fritz etwa betreibt gemeinsam mit seinem langjährigen Freund und Zimmergenossen bei Werder, Per Mertesacker, seit 2011 eine Immobilienfirma (CP Immobilien), „eine solide Geldanlage“, nannte Fritz das einmal. Werder-Heimkehrer Martin Harnik hat im Sommer mit Daniel Ginczek in Stuttgart ein Steakhaus, den „Meat Club“, eröffnet. Und Werders Innenverteidiger Sebastian Langkamp führt gemeinsam mit seinem Bruder Matthias, früher Profi in Karlsruhe und Wolfsburg, auf Mallorca die Firma „El Conserje“, die Fincas an Urlauber vermietet.

„Es fällt nicht vom Himmel, wenn Spieler nach ihrer Karriere erfolgreich sind“, sagt Baranowsky. Profis wie Fritz, Borowski, Mertesacker oder Langkamp galten und gelten als Typen, die über den Tellerrand schauen. Ex-BVB-Profi Marc-Andre Kruska, der bis zum Sommer bei Werders U 23 spielte, hat eine Ausbildung in einem Autohaus gemacht, heute kann er studieren. Markus Krösche, 1999 mit Werders A-Junioren deutscher Meister, ließ sich später als Profi im Zuge von Verhandlungen beim SC Paderborn die Freistellung für sein BWL-Studium vertraglich zusichern.

Um zwei Jobs zu schaffen, bedarf es viel Disziplin und Organisationstalent. Während seines Management-Fernstudiums pendelte Tobias Duffner, der auch Sportfachwirt IHK ist, sieben, acht Wochenenden im Jahr zwischen Bremen und London, musste Studium, Spiel und Seminar oft an einem Wochenende unter einen Hut bringen. Ihm macht das Spaß, als Fußballer gibt es immer wieder Phasen des Leerlaufs, die er als Lehr- und Lernzeit nutzt, „ich war außerdem nie einer, der froh war, nur Fußballspielen zu müssen und bis zwölf Uhr in der Koje liegen zu können“, sagt er. Er war mit dieser Einstellung zu Beginn seiner Karriere meist Einzelkämpfer, heute versucht er bei Werder, „die jungen Dachse zu animieren, sich Gedanken über eine Zukunft abseits vom Fußball zu machen“.

Im Fußballgeschäft würde Duffner selbst trotzdem gern bleiben, wenn er seine Doktorarbeit Anfang des nächsten Jahres geschrieben hat. Nicht als Trainer, das weiß er sicher. Nicht als Experte, dafür ist er zu unbekannt. Aber irgendwo im Management, da würde er gern unterkommen. In seiner Doktorarbeit geht es um Fußball und Wirtschaft. Um strategische Partnerschaften von Vereinen und Unternehmen. Darum, was die Fans davon halten. Ein komplexes Thema also, für das Duffner mit Firmenchefs und Fans gesprochen hat. Es war immer klar, dass seine Arbeit etwas mit Fußball zu tun haben würde. „Denn Fußball“, sagt Tobias Duffner, „Fußball ist und bleibt meine Leidenschaft.“

Was Werders Double-Sieger von 2004 heute machen, lest ihr hier.

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