Dutt über seine Zeit bei Werder "Das war ein brutales Paket"

Robin Dutt hat im Interview mit dem WESER-KURIER erstmals ausführlich über seine Zeit bei Werder gesprochen. Der Ex-Trainer glaubt, dass er zu früh gehen musste und noch viel erreicht hätte.
24.07.2017, 19:51
Lesedauer: 7 Min
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Von Christoph Sonnenberg

Herr Dutt, nach Ihrer Zeit in Bremen und Stuttgart ist es etwas ruhiger um Sie geworden. Was machen Sie derzeit?
Robin Dutt: Ich betätige mich als Berater in verschiedenen Projekten. Sowohl im Beirat einer E-Sports-Agentur als auch als Experte für Amazon. Die haben die Bundesliga-Audiorechte für das Internet erworben. Dort bin ich auch als Co-Moderator tätig. Außerdem spreche ich gerade mit einem Investor, der im Ausland einen Hotelkomplex mit Sportcenter aufbauen will, über eine Expertise von mir. Mit allen Partnern ist aber vertraglich vereinbart, dass ich aussteigen kann, falls ein interessantes Angebot aus dem operativen Geschäft kommt.

Wie ist es dazu gekommen?
Affin bin ich schon länger, mit meinem Sohn zocke ich Fifa auf der Playstation. Dann habe ich begonnen, mich mit dem Markt auseinander zusetzen. Über einen privaten Kontakt bin ich mit einer E-Sports Agentur zusammengekommen. Es ist ein Milliardenmarkt, global. In Holland und Frankreich muss jeder Erstligist auch ein E-Sports-Team haben. Deutschland hinkt da hinterher, obwohl es hier mehr Gamer als Fußballer gibt. Es geht um die Generation, die unsere Zukunft mitgestaltet. Es könnte sein, dass sie irgendwann im Stadion fehlt, weil wir sie nicht abholen. Also sollten wir das tun.

Wo liegt die Schnittmenge zum realen Fußball?
Es gibt viele. Erstens: die Zielgruppe der 14- bis 30-Jährigen. Fußball ist der gemeinsame Ansatz, wir bringen sie zusammen. Zweitens: neue Märkte. Eine China-Tour wie mit Werder 2014 ist mit hohem Aufwand für die Mannschaft verbunden. Hätte Werder ein E-Sports Team, könnten die sich jeden Tag international mit Klubs duellieren, vor einem Millionen-Publikum. In China, in Südamerika, überall wäre so die Marke präsent. Drittens: Taktik. Junge Gamer werden früh mit Taktiken und verschiedenen Systemen konfrontiert. Auch an der Konsole kann sowohl ballbesitz- oder pressingorientiert gespielt werden. Und nicht zuletzt Sponsoren. Es gibt nur noch wenige Marketingabteilungen, die im Fußball aktiv ist, ohne ein Budget auch für E-Sports zu haben.

Was ist Ihre Aufgabe?
Wollen wir beispielsweise eine Liga aufbauen, stelle ich Kontakte her und werde Testimonial. Ein Ziel ist es auch, das erste Leistungszentrum für E-Sportler aufzubauen. Ein Bundesliga-Leistungszentrum würde sich von dem eines E-Sports kaum unterscheiden, nur dass anstatt einem Rasenplatz, Konsolen gebraucht werden.

Haben Sie Reaktionen aus dem realen Fußball bekommen?
Sehr viele, aus allen Bereichen, mein Telefon stand gar nicht mehr still. Der ein oder andere Kollege hat sicher leise in sich hineingeschmunzelt, weil er nichts damit anfangen kann. Ich finde es spannend und glaube, dass ich einige Ansätze auch als Trainer im realen Fußball übernehmen könnte.


Im realen Fußball sind Sie nicht aktiv?
Im letzten Jahr habe ich die Zeit auch genutzt, meine Spielphilosophie „upzugraden“. Bei Fußballklubs aber auch in anderen Sportarten. Ich war in England unterwegs, Frankreich, Spanien und der Schweiz. Es ging nach einer Ist-Analyse um neue Impulse. So habe ich mir unter anderem neue Trainingsmethoden erarbeitet, die es ermöglichen im hohen Tempo gute und schnelle Entscheidungen auf dem Platz zu treffen.

Und jetzt wollen Sie diese bei einem Verein umsetzen?
Nur bei einem Verein, der Lust hat, über den Tellerrand zu schauen. Das typische Stellenmuster will ich nicht mehr erfüllen. Kommen, der neue Messias sein, keine Zeit für die Spielerentwicklung zu haben und nach einem Jahr wieder gehen. Ein Klub müsste bereit sein, innovativ zu denken, modern zu denken, neue Wege zu gehen, Beharrlichkeit zu haben. Man muss das Marketing von RB Leipzig nicht mögen, inhaltlich machen sie aber vieles richtig.

Wie meinen Sie das?
Es muss Standards geben. Wenn ein Trainer zwei Spezialisten mehr braucht, muss er sie bekommen. Da dürfen 300 000 Euro für einen Erstligisten kein Thema sein, angesichts von Ablösesummen über viele Millionen. Muss man erst den Aufsichtsrat fragen, wenn es um 10 000 Euro für Equipment geht, läuft etwas schief. Ein Klub braucht Top-Spezialisten, um den hohen Anforderungen und Erwartungen gerecht zu werden.

Sie sind seit einem Jahr raus aus der Bundesliga. Fallen Trainer oder Sportdirektoren nach einer gewissen Zeit vom Karussell?
Man rutscht aus dem Blickpunkt, damit muss jeder für sich selbst umgehen. Ich habe großen Spaß an meiner Kernkompetenz, sowohl der Job Trainer als auch als Manager. Aber ich definiere mich nicht ausschließlich darüber, ich hatte ja auch ein Leben, bevor ich Trainer wurde. Es ginge aber auch ohne Fußball.

Was fehlt Ihnen am Fußball?
Gar nicht so sehr die Bühne Bundesliga, ich könnte auch in der Dritten oder Vierten Liga arbeiten oder einem kleinen Land. Mir fehlt die Teamarbeit. Würde ich dauerhaft als Berater arbeiten, würde ich mir sofort ein Team zusammenzustellen, um Meetings zu haben und gemeinsam Pläne zu schmieden.

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China ist der neue große Markt. Kommt das für Sie infrage?
Ich hätte auf den Zug aufspringen können und will es nicht ausschließen. Momentan ist es mir zu weit weg von meinem Lebensmittelpunkt.

Gab es Angebote, bei denen Sie ernsthaft überlegt haben?
Eins hätte ich gemacht, aber da sind wir nicht zusammengekommen. Es war ein Klub im europäischen Ausland, der international ­gespielt hat. Ein Job als Trainer und Manager.

Welchen Job favorisieren Sie: Trainer oder Manager?
Da möchte ich mich nicht festlegen. In England beispielsweise ist der Trainer oft auch der Manager. Mir hat beides Spaß gemacht, auch wenn ich natürlich immer als Trainer denken werde.

Es ist ein Trend zu erkennen: Immer jüngere Trainer kommen in die Bundesliga. Wie bewerten Sie das als älterer, erfahrener ­Trainer?
Ich finde gut, dass junge, neue Gesichter kommen. Ganz neu ist der Trend ja nicht. Dutt, Slomka, Labbadia, Klopp, Tuchel waren damals auch eine junge Generation. Damals um die 40, jetzt sind die neuen Trainer halt Mitte 30. Einige dieser neuen Generation werden sich durchsetzen, einige werden gehen. Ein paar alte Trainer werden zurückkommen, ein paar nicht. Eins sollte nicht übersehen werden.

Was meinen Sie?
Ein bisschen geht unter, dass die ersten sechs, sieben Klubs der Tabelle erfahrene Trainer hatten. Ancelotti, Tuchel, Hasenhüttl, Streich, Stöger, Hecking, dazwischen war mit Nagelsmann nur ein junger Trainer.

Kommen wir zu Ihrer Zeit bei Werder. Wie haben Sie die Entlassung im Rückblick empfunden?
Ich war sehr enttäuscht, dass wir uns schon nach neun Spieltagen der zweiten Saison getrennt haben. Thomas Eichin war es, der mir mitgeteilt hat, dass es nicht weiter geht. Bei Werder habe ich aber früh Strömungen gespürt, die ich bis heute nicht begreife.

Was meinen Sie damit?
Genau benennen kann ich es nicht. Ich war vermutlich noch nicht Werderaner genug, um es zu verstehen. Ich weiß aber, dass Thomas Eichin die Entscheidung nicht leicht gefallen ist.

Sind Narben geblieben?
Nein, aber ich finde es schade, weil wir eine langfristige Planung hatten. Einen Verein zu übernehmen, der viele Jahre von einer Trainerikone wie Thomas Schaaf geprägt war, ist von Haus aus keine leichte Aufgabe. Vor dem Auftakt wurden mit De Bruyne und Sokratis auch noch zwei der besten Spieler verkauft. Trotzdem landeten wir mit zwölf Punkten Vorsprung im gesicherten Mittelfeld. Für das erste Jahr finde ich das nicht so schlecht. Aus meiner Sicht hat meine erste Saison zu wenig Anerkennung gefunden. Dann sind wir nach einer super Vorbereitung mit fünf Niederlagen und vier Remis gestartet…

Viele Spieler haben von Ihrer Rhetorik geschwärmt, der Vor- und Aufbereitung des Trainings. Warum blieb dennoch der Erfolg aus?
Weil der Weg zu früh unterbrochen wurde. Nach wie vor bin ich überzeugt, dass wir den Weg erfolgreich gegangen wären. Und was genau heißt erfolgreich? Das heißt, bei den vorhandenen finanziellen Mitteln sicher nicht, den internationalen Wettbewerb auszurufen. Es war nicht mein Anliegen, Werder klein zu machen, ich weiß um die Größe des Vereins. Ich weiß aber auch, welch ein Rucksack die Tradition an Erwartungshaltung mit sich bringt. Die Herausforderung mit den damaligen finanziellen Mitteln für Werder hieß, auch in den nächsten zehn Jahren noch in der Bundesliga gesetzt zu sein.

Diese Zielsetzung wollen Sponsoren, Medien und Fans nicht hören.
Und schon gar nicht von einem auswärtigen Trainer. (lacht) Es wäre hilfreich gewesen, wenn zwei, drei Klubgrößen das sportgesellschaftlich in der Stadt eingeordnet hätten. Stattdessen war ich vom ersten Tag das Sprachrohr des Klubs und musste über Zukunft, Gegenwart, Tradition und alles weitere sprechen. Da war nur noch Thomas Eichin an meiner Seite. Das war ein brutales Paket. Und dann musste ich mir anhören, Werder klein zu reden. Dabei sage ich niemals etwas gegen den Verein, bei dem ich arbeite.

Hätten Sie die Zielsetzung anders formulieren sollen?
Ich hätte auf die Summe hinweisen können, die uns zur Verfügung gestellt wurde. Acht Millionen waren es, glaube ich, die wir ausgeben durften. Das ist nicht viel. Aber dann kam erst der Nachsatz: Zuerst sollten wir die acht Millionen durch Verkäufe einnehmen. Da hätte jemand die Messlatte runternehmen müssen, damit ich es als Trainer nicht zu schwer habe. Am besten jemand, der eine hohe Akzeptanz im Werder-Umfeld genießt.

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Hat es eine Rolle gespielt, dass Sie keine Werder-Vergangenheit hatten?
Mir hat es total gefallen in Bremen, deshalb bin ich aber noch lange kein Werderaner. Aber jeder muss die Chance bekommen, sich dorthin zu entwickeln. Man bekommt keinen fertigen Trainer, der sofort akzeptiert wird, kompetent ist, sich im Werder-Umfeld bewegt, im Viertel wohnt – das gibt es nicht. Es muss die Vision geben, ein langfristiges Trainer-Modell aufzubauen.

Fehlte Ihnen Akzeptanz im Klub oder der Stadt?
Nein. Ein kleiner Teil der Fans hat zum allerersten Mal nach der Niederlage gegen Köln protestiert. Im Stadion gab es nicht ein Plakat gegen mich und Pfiffe auch nicht. Wertschätzung habe ich immer gespürt. Das Phänomen Werder ist im Zusammenhang mit mir ganz schwer zu erklären. So hart die Entlassung später für Viktor (Skripnik/Anm. d. Red.) war, hat es mir geholfen, über meine hinwegzukommen. Wenn es sogar so einem Vorzeige-Werderaner so ergeht, brauche ich mich nicht zu wundern.

Sie waren in Freiburg, Leverkusen, Bremen Trainer, Sportdirektor beim DFB. Was ist das Besondere an Werder?
Die familiäre Professionalität. Werder ist von den Werten und der Mentalität wie Freiburg. In seinem Handeln eher wie Stuttgart oder der HSV. Pendelt sich Werder in der Mitte ein, ist es ein Traumverein. Aber Werder ist schon jetzt ein klasse Verein.

Nach Ihnen kamen mit Skripnik und Alexander Nouri zwei Trainer aus der Werder-Familie. Geht es nur so in Bremen?
Es wäre die falsche Herangehensweise. Ein Klub muss ein Konzept haben und der Trainer muss zum Anforderungsprofil passen. Hat ein Trainer Fachkompetenz im technisch-taktischen Bereich, der Trainingssteuerung, Mannschaftsführung und ein wenig mediale Kompetenz, sollte man ihn verpflichten. Egal, ob er aus der U 23, U 19 oder der Schweiz kommt. Werderaner zu sein, hilft in dem Job am Ende nicht.


Die Fragen stellte Christoph Sonnenberg.

Robin Dutt war in seiner Karriere als Trainer und Manager ­immer für Überraschungen gut. Vor Kurzem kam eine weitere hinzu, der 52-Jährige sitzt nun im ­Beirat eines E-Sports-Unternehmens. Im Interview mit dem WESER-KURIER in Stuttgart spricht Dutt aber auch erstmals ausführlich über seine Zeit bei Werder.

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