Bundesliga-Kolumne von Christian Stoll

Den Herren in Frankfurt fehlt es an Mut und Mumm

Christian Stoll kritisiert das Verhalten der Deutschen Fußball Liga (DFL) scharf. Die Verantwortlichen haben jedweden Kontakt zum Fußball-Fußvolk verloren, schreibt Werders Stadionsprecher in seiner Kolumne.
16.03.2020, 11:37
Lesedauer: 2 Min
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Von Christian Stoll
Den Herren in Frankfurt fehlt es an Mut und Mumm

Christian Stoll ist Stadionsprecher bei Werder.

WESER-KURIER

Ganz ehrlich, ich weiß gar nicht, was ich sagen beziehungsweise schreiben soll zu dem, was da in Fußball-Deutschland gerade vor sich geht. Die Vorgänge der vergangenen Tage zeigen mir nur ganz deutlich eines: Die Verantwortlichen in der Frankfurter Schneise haben jedweden Kontakt zum Fußball-Fußvolk verloren. Und damit auch zu den Dingen, die im Leben wirklich wichtig sind, nämlich angesichts von Covid-19 schlicht und ergreifend die Gesundheit und damit das Leben selbst. Den DFL-Herren um Christian Seifert ging es doch tatsächlich fast bis zum Schluss nur darum, Geisterspiele „haste was kannste“ durchzusetzen, damit die Sponsoren im TV zumindest auf ihre Kosten kommen unter dem Motto „Money makes the world go round“. Erst sehr spät wurde der Spieltag dann doch noch abgesagt.

Die DFL ist mit ihrer Zuständigkeit für die Bundesligen eins und zwei die Cash-Cow des DFB, der neuerdings über einen Präsidenten mit gesundem Menschenverstand verfügt. Aus der Stellungnahme des Freiburgers Fritz Keller zum Wochenende war denn auch zwischen den Zeilen deutlich zu lesen: Ende mit dem Unsinn, Schluss mit der Wettbewerbsverzerrung, die Bundesliga gehört zumindest unterbrochen und möglichweise sogar vorzeitig abgepfiffen.

Welcher wahre Fußball-Fan will bitte Mönchengladbach gegen Köln in einem toten Stadion am Fernsehen erleben? Oder das Derby der Derbys an der Ruhr oder den Länderspiel-Klassiker Deutschland gegen Italien am kommenden Wochenende? Nein, die hohen Herren in Frankfurt machen sich tüchtig Gedanken über Hand-und Armstellung beim Elfmeter, aber Mut und Mumm wie die Eishockeyjungs war bis zum Wochenende totale Fehlanzeige.

Oben sticht unten

In unserem Bremer Fall kommt erschwerend hinzu, dass der alerte Herr Seifert auch noch versucht hat, seine ureigene Verantwortung Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte zuzuschieben. Kern-Aussage: Die Behörden hätten schließlich das letzte Wort. Da kann man nur sagen: Gott sei Dank sticht oben immer noch unten. In einer konzertierten Aktion haben Gesundheit, Inneres und Präsident des Senates entschieden: Am Montag kein Fußball ohne Kulisse im Weserstadion. Basta. Und vielleicht - wer weiß das schon so genau? - hat Dr. B. dem Patienten Werder damit sogar einen großen Gefallen getan.

Wie geht es nun weiter? Ich war gerade aus unaufschiebbaren beruflichen Gründen in Italien und Österreich. Auf der Messe in Wien bereiten die Behörden gerade ein provisorisches Krankenhaus für 800 Patienten vor und in Italien geht es in bestimmten Gebieten nur noch um Leben oder Sterben. Am 12. Juno wird es im Olympiastadion von Rom vielleicht eine gigantische Trauerfeier für die Tausenden von CV-Toten geben, aber bestimmt kein Eröffnungsspiel einer Fußball-Europameisterschaft. Es wird sehr wahrscheinlich überhaupt keine paneuropäische Fussball-EM geben im Jahr 2020, und das ist auch völlig in Ordnung so. Wenn dieser Pandemie überhaupt irgendetwas Gutes abzugewinnen ist, dann dass sie deutlich gemacht hat: Fußball ist die schönste Nebensache der Welt, nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

Und Werder? Wer im Porzellanhaus sitzt, sollte nicht mit Elefanten werfen und unsere Verantwortlichen sind mit ihren Äußerungen zur Sache ja auch extrem vorsichtig, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und, ganz ehrlich, nach einer derartigen Seuchenserie mit Pleiten, Pech und Pannen hätte ich nix dagegen, wenn der Fußballgott die nächste Runde Bundesliga für Bremen ausgäbe. Mahlzeit!!!

Zum Autor

Christian Stoll (59) ist seit 1996 Stadionsprecher von Werder Bremen im Weserstadion. Im wöchentlichen Wechsel mit Jörg Wontorra, Lou Richter, Daniel Boschmann und Peter Gagelmann schreibt er bei WK Flutlicht, was ihm im Bundes­liga-Geschehen aufgefallen ist.

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