Kommender Werder-Gegner Der Anti-Daum

Wie Peter Stöger Werders Gegner, den 1. FC Köln, zu einer der positiven Bundesliga-Überraschungen gemacht hat.
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Von Daniel Theweleit

Wie Peter Stöger Werders Gegner, den 1. FC Köln, zu einer der positiven Bundesliga-Überraschungen gemacht hat.

In dieser Woche hat sich der Wrestler Tim Wiese zu Wort gemeldet und sein Erstaunen über die Vorgänge beim 1. FC Köln zum Ausdruck gebracht. Wiese war einst Fußballtorhüter bei Werder Bremen und später auch bei 1899 Hoffenheim, wo er eine Zeitlang mit Anthony Modeste zusammengespielt hat. „Ich hätte keinen Pfifferling auf Modeste gesetzt, als er vergangenes Jahr nach Köln kam. Dass der so viele Tore gemacht hat, überrascht mich“, sagt Wiese. Modeste hat sich verwandelt, so wie sich der gesamte 1. FC Köln verwandelt hat, und die vielleicht wichtigste Kraft hinter den verblüffenden Metamorphosen trägt den Namen Peter Stöger.

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Wenn der Österreicher nicht noch im Verlauf dieser Saison gefeuert wird oder zurücktritt, dann wird er gemeinsam mit dem unvergessenen Hennes Weisweiler Kölns Rekordtrainer Trainer sein. Sein Vertrag läuft aber noch bis 2020, Stöger ist auf dem besten Weg zur Legende. Das hat dem 50-Jährigen, der kurz vor seinem Wechsel von Austria Wien an den Rhein im Sommer 2013 auch bei Werder Bremen im Gespräch war, kaum jemand zugetraut.

Doch Stöger entpuppte sich als Glücksfall für diese unruhige Fußballstadt. „Ich glaube, dass Peter hier wie die Faust aufs Auge passt“, sagt Manager Jörg Schmadtke. „Die Zeit war reif für jemanden, der sehr realistisch an die Dinge herangeht, der zwar viel Lebensfreude versprüht, sich aber nicht euphorisieren lässt und sehr bodenständig ist.“ Stöger ist nicht schillernd, aber humorvoll, nicht eitel, aber ehrgeizig, nicht fanatisch, aber beharrlich, nicht verkopft, aber schlau. Und diese Mixtur macht ihn zu einem begnadeten Entwickler.

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Leute wie Timo Horn, Dominique Heintz, Marcel Risse, Leonardo Bittencourt oder Yuya Osako wurden unter diesem Trainer zu Spielern, deren Namen längst auf den Einkaufszetteln internationaler Großklubs auftauchen. Yannick Gerhardt und Jonas Hector formte er gar zu Nationalspielern und Modeste zu einem der erfolgreichsten Torjäger des Kontinents. Vor allem aber hat er mit Weitsicht und Geduld ein Team entwickelt, das in der zweiten Liga startete und sich nun Schritt für Schritt an den Europapokal herantastet.

Viele Anhänger verbieten sich noch offene Worte zur Europa-League-Qualifikation, zu groß ist die Furcht vor einem Rückfall in die Zeit des Größenwahns. Also zwingt man sich an den Theken der Kneipen geradezu krampfhaft zur Bescheidenheit. Stöger hingegen erwidert auf die Frage, was im Falle einer Qualifikation für den internationalen Wettbewerb passieren würde, schlicht: „Dann würden wir spielen!“ Dieser leichtfüßige Pragmatismus ist das Fundament der Arbeit des ehemaligen Mittefeldstrategen, der als Profi 65 Länderspiele für Österreich absolvierte.

Und mit dieser Haltung hat er auch den Stil seines Teams weiterentwickelt. In den ersten beiden Bundesligajahren spielten die Kölner oft einen biederen Defensivfußball, produzierten so viele 0:0-Partien wie noch keine Bundesligamannschaft zuvor, schafften aber zweimal souverän den Klassenerhalt. Inzwischen finden die Kölner auch spielerische Lösungen gegen tief stehende Gegner. „Ich lasse mich von realistischen Einschätzungen leiten: Was ist umsetzbar und was nicht?“, sagte Stöger in einem Interview mit dem „Spiegel“. „Als Führungsperson darf man nie seine Gruppe vor eine Situation stellen, die sie nicht meistern kann. Dann verlieren die Jungs Vertrauen in ihre Qualitäten.“

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Dieser Realitätssinn ist eine der großen Stärken des 50-Jährigen, der die wartenden Journalisten stets mit einem freundlichen „Mahlzeit“ begrüßt, wenn er den Pressekonferenzraum am Geißbockheim betritt. Sofern die Runde nicht allzu groß ist, schüttelt er sogar jedem Berichterstatter einzeln die Hand, und vor der Reise nach Bremen sagt er in schnurrendem Wienerisch: „Es wird auch dieses Mal wieder ein enges Spiel, es gibt keine klaren Vorzeichen.“

Das sind unspektakuläre Sätze, aber Spektakel ist nicht mehr angesagt in Köln. Für diese Stadt, die sich mit schillernden Selbstdarstellern wie Wolfgang Overath, Lukas Podolski oder Christoph Daum an einen Zustand des Dauerwahnsinns gewöhnt hatte, ist dieser Österreicher so etwas wie ein Beruhigungsmittel. Ein Mann, der einfach nur über Fußball spricht, in klaren Worten mit größtmöglicher Offenheit. „Wenn es so viel Theater um einen Klub gibt wie hier, passt es doch gut, dass ein langweiliger Typ als Trainer da ist“, sagt er mit feiner Ironie. Und mit dieser Art gelingt es ihm auch, die aktuelle kleine Herbstkrise zu moderieren.

Von den vergangenen fünf Partien haben die Kölner nur eine gewonnen, sie sind vom vierten auf den siebten Tabellenplatz zurückgefallen. Doch daraus macht im Moment niemand ein Drama. Denn Stöger, die Mannschaft und die Klubführung haben das Vertrauen der Menschen gewonnen. Und das ist wahrlich eine Meisterleistung.

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