Wie Moisander als Kapitän agieren soll Der Anti-Kruse

Um den Sprung in den Europapokal schaffen zu können, braucht Werder Cleverness und Abgezocktheit. Für beides steht Moisander, dem das Einhalten von Regeln sehr wichtig ist. Nun geht es auch um seine Zukunft.
03.08.2019, 10:50
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer

Niklas Moisander ging schon oft durch die Katakomben des Weserstadions, vorbei ein diesem einen großen Bild. Er hat sich das genau angesehen, wie Frank Baumann als Werder-Kapitän auf diesem Foto den DFB-Pokal in die Höhe stemmt. „Natürlich kenne ich die Geschichte von Werder Bremen“, sagt der Finne mit glänzenden Augen, „jeder träumt davon, einen solchen Pokal zu gewinnen. Auch ich jetzt als Kapitän.“

Florian Kohfeldt geht das Herz auf bei solchen Aussagen. Weil sie von Identifikation und Cleverness zeugen. Auch deshalb bestimmte Werders Chefcoach den 33-Jährigen Innenverteidiger zum neuen Spielführer, und das schon vor einigen Tagen, noch vor dem Trainingslager in Grassau. „Niklas war für mich immer einer der ganz klaren Kandidaten für dieses Amt“, ließ Kohfeldt am Donnerstag durchblicken, jedoch wartete der Trainer sehr bewusst bis jetzt, um Moisander auch der Öffentlichkeit zu präsentieren. Kohfeldt ist nämlich Werder-Fan durch und durch, deshalb ist die Kapitänsfrage bei den Grün-Weißen für ihn seit jeher fast schon heilig. „Kapitän von Werder Bremen zu sein, das ist etwas Besonderes“, betonte der Trainer am Chiemsee, „das wird man nicht im Vorbeigehen, und das sollte auch entsprechend präsentiert werden.“ Weder seine eigene Vertragsverlängerung noch der Testspielsieg gegen Eibar sollten Moisander die Show stehlen, auch wenn der eher stille Skandinavier kein Showman ist.

Damals brauchte Werder einen wie Kruse

Moisander verkörpert genau das, was Werder in der Zeit nach Max Kruse benötigt: einen seriösen Leader. Denn die Lage hat sich rasant verändert. Vergangenen Sommer wollte Kohfeldt noch bewusst diese Frechheit im Kader fördern, „damals brauchten wir einen, der vorangeht und sagt: Es ist mir doch egal, was die anderen denken. Unser Saisonziel ist Europa. Genau das war die hervorstechendste Charaktereigenschaft von Max.“ Jetzt aber, wo sein Team knapp an den europäischen Plätzen vorbeigeschrammt ist, brauche er einen anderen Typen, erklärt Kohfeldt: „Wir sind sicher wieder kein Favorit auf die europäischen Plätze. Aber wir müssen in diese Truppe nicht mehr reinbekommen, dass wir es wollen.“ Was zum Schritt nach Europa fehle, sei vor allem „eine gewisse Abgezocktheit und Cleverness“, und genau dafür stehe Moisander mit der Erfahrung einer langen, internationalen Karriere.

Der neue Mannschaftsboss empfindet es aufrichtig als Ehre, „jetzt der Kapitän von Werder Bremen zu sein“, er war das auch schon bei Ajax Amsterdam und in der finnischen Nationalmannschaft. Auch dort hatte man sich für ihn entschieden, weil er täglich dieses eine, sehr entscheidende Mosaikstück für den Gesamterfolg einbringt: absolute Professionalität.

Der Unterschied bei der Mannschaftskasse

Moisander ist in vielerlei Hinsicht ein Anti-Kruse. Das wird schon deutlich, als er im ruhigen Ton vor den Journalisten seine Prinzipien erklärt: „Ich finde Organisation sehr wichtig. Im eigenen Leben und in einer Fußballmannschaft. Ich finde es wichtig, Regeln einzuhalten.“ Kruse habe darauf zwar auch geachtet, erläutert Moisander, jedoch mit einem feinen Unterschied: „Ihm war es wichtig, viel Geld in der Mannschaftskasse zu haben.“ Moisander hingegen würde es am liebsten sehen, wenn gar keine Strafen gezahlt werden müssten. Denn für einen wie ihn genießen auch Kleinigkeiten im Mannschaftsalltag größte Priorität. Moisander ist ein Musterprofi. Er weiß, dass ein Verein wie Werder Bremen in der Bundesliga nur dann für eine kleine Sensation sorgen kann, wenn sich jeder dem angestrebten Erfolg unterordnet. Er wird darauf achten und kündigt an: „Ich kann in der Kabine auch laut werden, wenn die Situation das erfordert.“ Im Quervergleich zu seinem Vorgänger Kruse betont Moisander: „Max war auch ein Winner-Typ. Aber auf eine andere Art.“

Man könnte natürlich auch sagen: Moisander kommt deutlich biederer rüber als Kruse, der mit seinen Nutella-Geschichten und Pokerspielchen den ganzen Laden bei Werder immer wieder auf Trab hielt. Auf viele Beobachter im Land wirkt Werder ohnehin schon wie ein krasser Außenseiter im Kampf um Europa: In Bremen spielen keine Superstars, jeder Sieg muss hart erarbeitet werden, teure Transfers gab es auch nicht. Das weiß natürlich auch Moisander. Doch statt große Sprüche zu klopfen, ist es seine Aufgabe, den Schwerpunkt mehr auf die wenigen Bremer Vorteile zu lenken: „Unser Plus ist unser Team, vor allem, seit Florian hier Trainer ist. Wir haben gegen die größten Teams der Bundesliga gezeigt, dass wir sie schlagen können. Individuell sind wir nicht das stärkste Team der Liga, das ist doch klar. Aber wir sind auf dem Feld als Mannschaft sehr gut, daran hat der Trainer großen Anteil.“

Zwei Ajax-Leader bei Werder sind kein Zufall

Moisander meint damit die taktische Flexibilität, den Mut zu offensivem Fußball und einen klaren Plan für jede Situation. Dafür steht die Kohfeldtsche Spielidee, seine Mannschaft soll immer den Ball haben und angreifen wollen – egal, wie der Gegner heißt. Dieser Stil erinnert an große Bremer Zeiten, ein wenig aber auch an Ajax Amsterdam. Deshalb ist es sicher kein Zufall, dass zwei frühere Ajax-Kapitäne nun auch bei Werder den Ton angeben: Zum Stellvertreter von Moisander wurde Davy Klaassen ernannt, der teuerste Neuzugang der Vereinsgeschichte (er kam vergangenen Sommer für 15 Millionen Euro vom FC Everton). Klaassen erstickte prompt am Donnerstag alle Gerüchte um einen Wechsel zu Lazio Rom im Keim: „Das ist keine Option für mich. Ich bleibe bei Werder!“

Länger bei Werder zu bleiben, darum geht es nun auch bei Moisander. Dessen Vertrag läuft am Saisonende aus, weshalb Bremen gerade Gefahr laufen könnte, nach Zlatko Junuzovic und Kruse den dritten Einjahres-Kapitän in Folge zu erleben. Kohfeldt glaubt aber nicht, „dass Niklas Moisander diese Reihe fortsetzen wird“. Der Trainer möchte, dass sein neuer Kapitän bei Werder verlängert und sieht hierbei keine Hindernisse. Moisander fühlt sich trotz seiner 33 Jahre noch sehr fit, er sieht ja auch zehn Jahre jünger aus. Jedoch kann er die vielen harten Zweikämpfe nicht leugnen, die sein Körper in der langen Karriere schon führen musste. Dennoch, betont Moisander, habe er noch die Kraft „für zwei bis drei weitere Jahre auf diesem Niveau. Ich will Erfolg haben und noch besser werden, man kann immer besser werden. Das Wichtigste aber: Ich habe die notwendige Motivation, ich brenne noch für Fußball.“

Und auch für Titel. Als Kapitän von Werder Bremen einen Pokal zu gewinnen und dann auch im Stadion verewigt zu werden, das ist eine schöne Extra-Motivation für Moisander: „Vergangene Saison waren wir im Pokal sehr gut und haben es fast bis ins Finale geschafft. Ich hoffe, dass wir diese Saison bis ins Finale kommen.“

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