Wieso Veljkovic trotz Fehlern gesetzt bleibt

Der Aufbaulehrling

Milos Veljkovic gilt bei Werder als gesetzt – trotz sich häufender Unsicherheiten. Das muss nicht auf Dauer so bleiben, hat aber bislang gute Gründe. Eine Analyse.
22.02.2018, 08:44
Lesedauer: 4 Min
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Von Cedric Voigt

Eigentlich ist er einer der großen Aufsteiger in dieser Saison: Milos Veljkovic hat sich bei Werder als Stammspieler durchgesetzt. Zu Saisonbeginn unter Alexander Nouri war der 22-Jährige noch rechts in der Dreierkette gesetzt, mit der Amtsübernahme Florian Kohfeldts als Cheftrainer kehrte dann die Viererkette nach Bremen zurück – und Veljkovic blieb im Gegensatz zu Routinier Lamine Sané in der Startelf.

Neben Maximilian Eggestein ist Veljkovic das Paradebeispiel für den vielzitierten „Werder-Weg“: Ein junger Spieler – begabt, aber nicht so talentiert, dass für ihn der direkte Sprung aus dem Jugendfußball in die Bundesliga selbstverständlich wäre – empfiehlt sich über den Zwischenschritt U23 für die Startelf der Profis. Eine Erfolgsgeschichte mit Vorbildcharakter, die für Veljkovic sogar eine Einladung zur serbischen Nationalmannschaft zur Folge hatte.

Mit mehr Spielminuten gerät ein Innenverteidiger allerdings naturgemäß stärker in den Fokus. Gerade in der Rückrunde schien Veljkovic in der Bremer Abwehr dabei nicht immer Herr der Lage zu sein: Verlorene Kopfballduelle, ein böser Stellungsfehler gegen den FC Bayern München und zuletzt ein verursachter Elfmeter in Freiburg trüben Veljkovics Bilanz.

Trotz Leistungsschwankungen gesetzt

Für einen Spieler, der im Normalfall mit seiner angenehmen Unauffälligkeit besticht, eine neue Situation. Von Trainer Florian Kohfeldt genießt Veljkovic Rückendeckung: „Ich sehe Milos nicht so kritisch“, versicherte Werders Chefcoach noch Anfang Februar. Und: „Würde er den Erfolg gefährden, würde ich ihn nicht dauerhaft bringen.“ Ein paar „Wellen“ in der Leistungskurve müsse man einem jungen Spieler zugestehen.

Tatsächlich wäre es vermessen, Veljkovic als Sündenbock für einige der jüngsten Bremer Misserfolge hinzustellen. Etwa beim 3:1-Erfolg gegen den VfL Wolfsburg zeigte der in der Schweiz geborene Serbe schließlich eine starke Leistung. Chronisch verunsichert wirkt Veljkovic nicht, es häufen sich nur die Momente, die in der Nachbetrachtung gern „unglücklich“ genannt werden.

In Fan-Foren und sozialen Medien kam daher zuletzt immer wieder der Vorschlag auf, Veljkovic eine Pause zu geben. Schließlich hatte Werder noch im Januar mit der Verpflichtung von Sebastian Langkamp von Hertha BSC einen erfahrenen Bundesligaspieler für die Abwehr dazugeholt. „Wir haben Sebastian nicht verpflichtet, damit er dauerhaft auf der Bank sitzt“, hatte Kohfeldt betont – warum also erhält Veljkovic dennoch weiter den Vorzug?

Veljkovic in der Defensive: clever bis körperlos

Wenn es allein um die Teildisziplin des klassischen Verteidigens geht, spricht einiges für Langkamp: Dessen 1,90 Meter Körpergröße bieten ihm andere Möglichkeiten als Veljkovics 1,84 Meter. Nicht zu Unrecht gilt der 30-Jährige mit seiner Erfahrung und Physis im Vergleich als der bessere Kopfballspieler. Im Karrieremittel gewinnt Langkamp etwa doppelt so viele Luftzweikämpfe wie Veljkovic (3,3 zu 1,6 pro Spiel). Auch die Zweikampfquote in der laufenden Saison spricht für Langkamp: Mit 60,9% gewonnener Duelle liegt der Routinier signifikant vor Veljkovic mit 54,6% erfolgreich bestrittenen Zweikämpfen.

Veljkovics defensive Vorteile gegenüber Langkamp lassen sich weniger einfach messen: Der 22-Jährige ist etwas schneller, etwas beweglicher und somit gegen gewisse Stürmertypen weniger im Nachteil als Langkamp. Grundsätzlich besitzt Veljkovic auch genug Spielverständnis, Situationen früh zu erkennen und clever zu lösen. Dennoch würde es Veljkovic nicht schaden, im direkten Zweikampf noch resoluter zu Werke zu gehen und die Routine zu entwickeln, konzentrationsbedingte Stellungsfehler zu vermeiden. Hier könnte Langkamp, gerade gegen robuste, klassische Mittelstürmer, schon jetzt eine Verstärkung darstellen.

Veljkovic im Aufbau: Moisanders Adjutant

Veljkovics Trumpf, der ihn in der Hinrunde intern vor Sané und nun vor Langkamp hält, ist sein Spielaufbau. Dass diese Stärke oft eher im Hintergrund bleibt, hat unterschiedliche Gründe: Einerseits lässt es sich nicht an der Passquote ablesen. Wer hier den Vergleich zu Langkamp zieht, könnte auf die Idee kommen, mit 78,4% angekommener Bälle sei Veljkovic klar hinter den 86,6% des Ex-Berliners anzusiedeln.

Die bloße Statistik verkennt allerdings, dass es charakteristisch für das Spiel der Hertha ist, den Ball lange ohne Raumgewinn zwischen den Innenverteidigern zirkulieren zu lassen, ehe es über die wechselnd abkippenden Sechser oder die Außenverteidiger nach vorne geht. In Bremen ist die riskantere vertikale Spieleröffnung seitens der Innenverteidiger deutlich gefragter.

Hier tut sich allerdings besonders Veljkovics Nebenmann hervor: Niklas Moisander zählt zu den spielstärksten Innenverteidigern der Liga. Entsprechend schwierig ist es, neben dem Finnen im Aufbau herauszuragen. Noch dazu ist die linke Spielfeldhälfte mit Ludwig Augustinsson und dem immer wieder aus dem Zentrum ausweichenden Max Kruse zumeist spielstärker besetzt – Veljkovic fehlt es schlicht an ähnlich ballsicheren Anspielstationen.

Da noch dazu die Bremer Achter (während der Partie gegen Freiburg spielte Veljkovic keinen einzigen Pass auf den vor ihm agierenden Eggestein und nur zwei auf Thomas Delaney) häufig den Weg in die Tiefe suchen, statt sich im Aufbau anzubieten, ist ein gern gewähltes Stilmittel Veljkovics die diagonale Verlagerung auf den linken Flügel.

Kohfeldt schätzt an Veljkovic, dass dieser solche Bälle gegen die Verschiebebewegungen der gegnerischen Ketten spielen kann. Auch, wenn der junge Serbe unter Druck noch häufig eher die sichere Option wählt (und seine Verlagerungen auf dem kleinen Platz in Freiburg mit verhältnismäßig wenig Aufwand verteidigt werden konnten), ist Veljkovic spielerisch klar die Nummer zwei der Bremer Innenverteidiger.

Das passt vor allem zu Kohfeldts Spielidee: Gepflegter Offensivfußball, initiiert von Innenverteidigern, die sich mit dem Ball am Fuß wohlfühlen. Solange Werder auf Gegner trifft, gegen die das ein plausibles Erfolgsrezept ist – etwa gegen den HSV am Wochenende – dürfte die Bremer Viererkette unverändert bleiben. Aber: Veljkovic muss auf Sicht nicht nur an seinen Schwächen arbeiten, sondern auch seine Stärken ausbauen, um vom wenig konstanten Hoffnungs- zum souveränen Leistungsträger zu werden.

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