Werder-Sportchef Thomas Eichin Der Charme des bösen Buben

Sportchef Thomas Eichin ist bei Werder Bremen der etwas andere Typ. Er gefällt sich in der Rolle des Mannes, der anderen nicht gefallen muss – extern, aber auch intern. Deswegen ist er wertvoll für Werder.
28.05.2015, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Marc Hagedorn Andreas Lesch

Thomas Eichin war bestens gelaunt, als er vor die Journalisten trat. Kein Wunder: Er konnte über Felix Wiedwald sprechen, Werders neuen Torwart, den er ablösefrei verpflichtet hatte – und über Ulisses Alexandre Garcia, Werders neues Linksverteidiger-Talent, ebenfalls kostenlos geholt. Eichin konnte also wieder mal zwei Nachweise dafür präsentieren, dass er seinen Job beherrscht und zu wirtschaften weiß. Dass er Wege zum Erfolg kennt, die man auch mit schmalem Geldbeutel gehen kann. Wege, die zu Werder passen.

Irgendwann im Laufe der Fragerunde sprach Eichin über Raphael Wolf, Werders aktuellen Ersatztorwart, der es auch gegen Wiedwald schwer haben wird, sich durchzusetzen. In diesem Moment war zu hören, dass die Wege, die Eichin wählt, manchmal keine leichten sind – auch für die Menschen in seinem Verein. Der Torwart Wolf müsse niemandem leid tun, weil er degradiert sei, sagte der Geschäftsführer. „Ich tue auch keinem leid, wenn wir verlieren. Das ist so. Die Bundesliga ist ein knallhartes Geschäft.“ Solche Sätze sind typisch für Eichin. Vielleicht klingen sie, wie manch einer in Bremen findet, einen Tick zu hart, zu scharf, zu gnadenlos. Vielleicht spricht Eichin aber auch einfach das aus, was andere nur denken.

Seit Februar 2013 ist Eichin (48) jetzt Geschäftsführer bei Werder. Sein Vertrag läuft bis Juni 2016. Ob er verlängert wird, ist offen. Eichin hätte gern in diesem Sommer Klarheit. Der Aufsichtsrat wird sich demnächst mit ihm zusammensetzen, um die Saison und seine Arbeit zu analysieren. Marco Bode, Werders Aufsichtsratsboss, hat angedeutet, dass er mit Eichin zufrieden ist und sich vorstellen kann, ihn zu halten. Wenn es so käme, dann würde aus dem neuen Anfang, den der Klub mit Eichin gewagt hat, ein längerer gemeinsamer Weg. Dann könnte Eichin bei Werder eine Ära gestalten. Will Werder sich dauerhaft von Eichin prägen lassen? Soll Werder das? Ist das gut? Dass diese Fragen in Bremen gestellt werden und dass auch der Aufsichtsrat darauf noch keine klaren Antworten gefunden hat, zeigt, wie fremd sich der Klub und der Funktionär nach mehr als zwei gemeinsamen Jahren noch sind. Wobei offen ist, ob diese Fremdheit ein Problem sein muss oder auch eine Chance sein kann. Aber dazu später mehr.

Manchmal verschreckt er

Fest steht: Eichin ändert viel in seinem Verein – und verschreckt damit zwangsläufig jene, die lieber hätten, dass alles bleibt, wie es ist. Eichin tritt selbstbewusst auf. Er betont, was er kann, was er leistet, wie fleißig und vernetzt er ist. Er macht sich manchmal groß. Größer, als er ist? Jedenfalls weiß Eichin sich zu inszenieren. Vor Kameras fühlt er sich wohl, auf Fotos macht er eine gute Figur. Im Trainingslager im Zillertal, im Sommer vergangenen Jahres, trainierte er ab und an mit dem Team. Da konnte jeder sehen, dass er immer noch einen Sportlerkörper hat – und kein Bäuchlein wie sein Vorgänger Klaus Allofs, wie er mal spöttelnd erwähnte.

Aber ist Eichins Auftreten ungewöhnlich, gar befremdlich in diesem Geschäft? Der Profifußball ist eine laute, schnelle Branche, er ist eine Bühne, auf der Schlagfertigkeit gefragt ist – eigentlich passt Eichin mit seiner Art da gut hinein. Er ist so, wie man vermutlich sein muss, um inmitten der Begehrlichkeiten von Spielern und Beratern, Fans und Journalisten, Aufsichtsräten und Trainern nicht unterzugehen.

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Früher, als Spieler, hat er in 180 Bundesliga-Partien für Borussia Mönchengladbach kein einziges Tor erzielt. Er war Verteidiger. Jetzt, als Geschäftsführer, greift er an. Er sucht ziemlich oft den Abschluss, und er nimmt in Kauf, dass auch mal ein Schuss daneben geht. Er setzt die Gegner unter Druck – und auch die eigenen Leute. Er will was reißen. Mit seiner offensiven Art sorgt Eichin dafür, dass Werder wieder wahrgenommen wird – und er selbst natürlich auch. Sein Vorwurf, die Schiedsrichter würden den FC Bayern bevorteilen, hat es dank der dünnhäutigen Erwiderung des Münchner Sportchefs Matthias Sammer zum bundesweiten Stammtisch-Thema geschafft. Eichin habe wohl mal einen Puck an den Kopf bekommen, motzte Sammer erregt. Das sei tatsächlich so, erwiderte Eichin vergnügt – und der Arzt sage, es könne wirklich Folgeschäden geben. Klarer kann man ein Verbalduell kaum gewinnen.

Auch der Vorstoß Eichins, es müssten neue Kriterien für die Verteilung des Fernsehgeldes gefunden werden, ist in der Branche vielerorts als wertvoller Wortbeitrag wahrgenommen worden. Seine Kolumne auf dem Internet-Portal transfermarkt.de kam weniger gut an. Hinter vorgehaltener Hand fragten langjährige Bundesliga-Größen: Warum will Eichin, der ehemalige Eishockey-Manager, den Fans erklären, wie unser Geschäft funktioniert? Sollte er, der immer noch neu ist in seinem Fußball-Job, nicht erst mal arbeiten und schweigen?

Eichin gefällt sich durchaus in der Rolle des Mannes, der anderen nicht gefallen muss – extern, aber auch intern. „Ich spiele manchmal die Böse-Buben-Rolle“, hat er mal gesagt, „und ich finde diese Situation ganz zielführend. Man muss sich nicht immer in den Armen liegen, um erfolgreich zu sein.“ Eichin positioniert sich bewusst als harter, unabhängiger Entscheider und als unbequemer Erneuerer. Er ist nicht nur kein Mitglied der gern beschworenen Werder-Familie, nein: Er versucht offenbar noch nicht mal, diesen Klub als seine Heimat zu begreifen. Er hängt nicht mit dem Herzen an Werder. Aber er ist trotzdem mit Herzblut bei der Sache.

Kürzlich, als Werder seine alten Meister ehrte, die Helden von 1965, zu ihrem 50-jährigen Titeljubiläum, da fehlte Eichin abends bei der Feier im Park Hotel. Es gab Werderaner, die das komisch fanden. Eichin fand es völlig in Ordnung; er hatte den Altmeistern ja nachmittags in ihrer Loge gratuliert. Und mit der Vergangenheit, mit den Geschichten des Vereins kann Eichin halt eher wenig anfangen. Sein Geschäft ist die Gegenwart. Damit hat er genug zu tun. Er ist keiner, der Abschiedsspiele, Erinnerungstreffen und nostalgische Schwelgereien von guten, alten Zeiten übermäßig mag. Er ist kein Wohlfühl-Funktionär, kein Chef zum Knuddeln.

Er ist, wie er ist

Überzieht er in seiner Rolle manchmal? Man sagt ja, der Ton macht die Musik, und Eichins Ton klingt selten sanft und säuselnd wie der Refrain einer Ballade. Er steht dazu. Es scheint, als denke er sich: Ich bin ich; nehmt mich so oder lasst es bleiben. Eichin würde, anders als etwa der ewige Werderaner Thomas Schaaf, auf Anhieb auch anderswo problemlos funktionieren. Er weiß das. Er sagt, er arbeite gern bei Werder. Ganz Bremen hat zu Werder ein sehr enges, sehr inniges Verhältnis – in guten wie in schlechten Zeiten. Für Eichin ist Werder kein Anlass für große Gefühle, sondern ein Job. Er ist dort Geschäftsführer, also führt er das Geschäft. Mal herb und mal charmant, aber immer so, wie er es für richtig hält. Nicht so, wie andere es gern hätten.

Festzuhalten ist: Eichin macht seinen Job ziemlich gut – erst recht, wenn man bedenkt, dass er erst vor gut zwei Jahren vom Eishockey zum Fußball gewechselt ist und sich erst mal zurechtfinden musste im Management dieses immer komplexeren, weltweit immer stärker verknüpften Sports. Eichins Aufgabe besteht im Kern darin, aus wenig Geld viel zu machen. Er hat den Spieler-Etat radikal gekürzt und trotzdem einen sportlichen Absturz seines Vereins verhindert. Er hat erstklassige Profis ablösefrei nach Bremen geholt: Franco Di Santo, Fin Bartels, Alejandro Galvez. Den hoch veranlagten Innenverteidiger Jannik Vestergaard hat er für kleines Geld verpflichtet. Und den längst nicht ausgereiften Angreifer Davie Selke hat er für großes Geld verkauft.

Natürlich hat Eichin auf dem Transfermarkt auch mal danebengegriffen, speziell beim Kauf von Cedrick Makiadi und Ludovic Obraniak. Aber seine Trefferquote bei Einkäufen ist ziemlich hoch – vor allem, wenn man bedenkt, dass die Zahl der Kandidaten, die infrage kommen könnten, wegen Werders finanziell schwieriger Lage stark eingeschränkt ist. Werder muss unentdeckte Talente oder verkannte Kräfte in den Nischen der Fußballwelt finden, aber diese Nischen gibt es heutzutage kaum mehr. Sie sind fast alle ausgeleuchtet bis in den letzten Winkel.

Heute trifft Gestern

Unter Eichin hat Werder einen Weg gefunden, auf dieses Problem zu reagieren. Der Klub hat die U23-Mannschaft deutlich enger an das Profiteam herangeführt und integriert immer wieder Talente aus dem Nachwuchs in den Bundesliga-Kader. Natürlich hat Viktor Skripnik, der frühere U23-Coach, diesen Wandel forciert; angestoßen aber hat ihn Eichin. Wer Eichin loswerden will, der soll erst mal einen Nachfolger finden, der besser ist als er. Wer zögert, ob die Verlängerung seines Vertrages richtig ist, der darf sich fragen: Wäre es nicht arg unvernünftig, wenn Werder jetzt schon wieder von vorn anfinge? Und: Wohin, bitteschön, sollte der Weg nach Eichin denn gehen?

Auch der größte Traditionalist wird nicht abstreiten wollen, dass Werder nach den langen Jahren unter dem Geschäftsführer Klaus Allofs und dem Trainer Thomas Schaaf einen Erneuerer wie Eichin gebraucht hat. Einen, der gerade nicht von innen kommt, sondern von außen – und der deshalb einen frischen, unverstellten Blick auf die Strukturen des Klubs mitbrachte, die dringend reformiert werden mussten. Die Aufräumarbeiten im Kader etwa dauern immer noch an. Erst wenn Eichin den Niederländer Eljero Elia, zurzeit an den FC Southampton ausgeliehen, verkauft hat, ist er den letzten überbezahlten Mitläufer aus der Ära Allofs los.

Und doch, trotz all seiner Bemühungen, geisterte in Bremen jüngst die Idee herum, Thomas Schaaf könne doch Eichins Nachfolger als Geschäftsführer werden. Wie abwegig diese Idee auch sein mag: Sie zeigt, wie groß bei einigen Bremern die Sehnsucht nach dem Glanz der Vergangenheit ist – und die Hoffnung, dass alles wieder so werden kann wie damals. Wer in Werders Geschichte schaut, der versteht, woher diese Sehnsucht kommt: Die Werder-Fans sind langjährige, eheähnliche Beziehungen gewohnt. Sie haben eine Ewigkeit mit dem Manager Willi Lemke und dem Trainer Otto Rehhagel gelebt, dann eine weitere Ewigkeit mit dem Duo Allofs/Schaaf. Diese Männer waren wie Werder, und Werder war wie sie. Wer mit verklärtem Blick auf das alte Werder und die alten Männer zurückschaut, dem mag es schwer fallen, Eichin mit seiner neuen, pragmatischen, unromantischen Sicht auf seinen Klub zur Liebe seines Lebens zu erklären.

Es gibt Stimmen, die monieren, Eichin sei zunächst eindeutig gegen die Beförderung Skripniks zum Cheftrainer gewesen – und habe dessen Siege später trotzdem als Beweis für den Erfolg seiner Strategie gefeiert. Aber selbst wenn das so war, dann war das nun mal so. Eichin ist halt Geschäftsführer Sport, er steht letztlich für jede Entscheidung gerade – ob sie nun seine Idee war oder nicht.

Es gibt auch Stimmen, die sagen, durch die Verpflichtung des Sportdirektors Rouven Schröder habe Eichin sich seinen eigenen Nachfolger selbst ins Haus geholt. Aber wenn er dieses Risiko gesehen und auf sich genommen hat, spricht das dann nicht für ihn? Schröders Kontakte sind für Werder auf dem Transfermarkt zweifellos ein gewaltiger Gewinn. Und gewinnen wollen sie in Bremen doch alle gern.

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