Werders Nationalspieler Gnabry Der edelste Ersatzmann

Serge Gnabry ist bei Werder plötzlich nicht mehr Stammspieler und spielt bei dem wundersamen Aufschwung nur eine Nebenrolle - das spricht für die Stärke des Teams.
01.05.2017, 17:09
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Der edelste Ersatzmann
Von Andreas Lesch

Serge Gnabry ist bei Werder plötzlich nicht mehr Stammspieler und spielt bei dem wundersamen Aufschwung nur eine Nebenrolle - das spricht für die Stärke des Teams.

Als Serge Gnabry aufs Feld kam, da klatschten die Zuschauer im Weserstadion. Sie klatschten laut und freundlich, aber sie klatschten nicht für ihn. Sie würdigten den Spieler, für den er eingewechselt wurde: Fin Bartels, der beim 2:0 gegen Hertha BSC ein Tor erzielt und das andere vorbereitet und mit Max Kruse im Sturm herausragend harmoniert hatte. Gnabry stand nicht nur in diesem Moment nicht im Mittelpunkt. Er spielt in der Geschichte von Werders wundersamem Aufschwung schon länger nur eine Nebenrolle: Erst ist er mit einer Adduktorenverletzung mehrere Wochen ausgefallen – und seit er wieder fit ist, setzt Trainer Alexander Nouri ihn auf die Bank.

Beim 2:1 gegen den Hamburger SV schaute der gerade genesene Gnabry 90 Minuten zu. Beim 4:2 gegen den FC Ingolstadt brachte Nouri ihn nach 67 Minuten. Nun, gegen Hertha, kam Gnabry nach 77 Minuten ins Spiel. „Wir haben uns einfach im Zentrum für eine etwas defensivere taktische Ausrichtung entschieden“, erläuterte Nouri. Er postierte Maximilian Eggestein im zentralen defensiven Mittelfeld, davor Florian Grillitsch und Zlatko Junuzovic. Im Angriff, wo Gnabry auch hätte spielen können, vertraute Nouri auf Max Kruse und Fin Bartels – „zwei Spieler, die sich das in den letzten zwei Wochen verdient hatten, dann auch zu spielen“, wie er sagte.

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So ist für den 21 Jahre alten Gnabry, den drangvollen Dribbler, den torgefährlichen Techniker, den Neu-Nationalspieler, plötzlich kein Platz mehr bei den Bremern. Er ist ihr edelster Ersatzmann, mehr zurzeit nicht. Die Personalie Gnabry ist ein Luxusproblem, wie die Bremer es ewig nicht gehabt haben. Sie ist der beste Beweis dafür, welche Qualität ihr Kader mittlerweile hat.

Zu Beginn dieser Saison, als Gnabry frisch verpflichtet war und Kruse gerade verletzt, da war er, der olympische Silbermedaillen-Gewinner aus Rio, die Lichtgestalt im Bremer Team. Er war der Ausnahmekönner, er war die Hoffnung in einer ziemlich hoffnungslosen Situation. Gnabry half Werder mit seinem Talent, seiner Klasse und Kreativität, sich nach und nach aus dem Tabellenkeller zu befreien. Er tat Werder gut, aber Werder tat auch ihm gut – weil er endlich wieder spielen durfte. Weil er, der beim FC Arsenal so oft auf der Bank gesessen hatte, nun eine Startplatzgarantie hatte. Diese Garantie brauchte ihm offiziell gar niemand zu geben; sie verstand sich von selbst.

Und jetzt? Jetzt ist der hoch talentierte Gnabry natürlich immer noch wichtig für Werder, aber er ist eben nicht mehr der Spieler, der alles und alle überstrahlt. Er ist nur noch eine von vielen ziemlich überzeugenden Optionen, die Nouri zur Verfügung hat.

Ungewohntes Bild

Dass Gnabry in der Bundesliga nun drei Mal hintereinander auf der Bank gesessen hat, dürfte seine Laune nicht unbedingt aufhellen. Nouri sagte: „Natürlich darf ein Spieler dann auch unzufrieden sein. Er muss das aber kanalisieren in Energie auf dem Platz. Das wollen wir sehen.“ Auf die Frage, ob Gnabry seine Unzufriedenheit denn geäußert habe, antwortete der Trainer: „Nee, aber das ist ja völlig normal, das braucht auch keiner äußern.“ Er wisse selbst, wie man sich als Ersatzmann fühlt, fügte Nouri an: „Man will immer spielen, und Serge möchte auch immer spielen – und das ist auch völlig in Ordnung.“

Gnabry auf der Bank – das ist ein Bild, das sich vor ein paar Monaten keiner vorstellen konnte und das jeder für einen Witz gehalten hätte. Jetzt ist es Realität, und das spricht nicht für Gnabrys Schwäche, sondern für Werders Stärke. Die Bremer haben auf der Bank mittlerweile nicht mehr nur Ersatzspieler wie Aron Johannsson und Ulisses Garcia. Sie haben dort auch Hochkaräter, die man eher in der Startformation vermuten würde – Männer wie Thomas Delaney oder Claudio Pizarro, Philipp Bargfrede oder eben Gnabry. „Das gehört dazu“, sagt Sportchef Frank Baumann. Die Qualität der Ersatzbank ist eine von Werders entscheidenden Stärken. Sie gibt Nouri die Möglichkeit, dem Spiel durch ein, zwei Wechsel jederzeit eine neue Richtung zu geben. „Wir freuen uns über die Situation, dass wir Alternativen haben und Impulse von außen setzen können“, sagt der Trainer.

Erfolg ohne Gnabry

Für Nouri und seine Bremer ist es eine gute Nachricht, dass sie auch ohne Gnabry Erfolg haben können. Es zeigt ihnen, wie sehr sie sich entwickelt haben. Sie sind nicht abhängig von diesem einen Spieler, sie sind mehr als der SV Gnabry. Sie haben viele tragende Säulen – und es ist nicht so, dass ihre Mannschaft zusammenbricht, wenn die Säule Gnabry mal fehlt.

Im Herbst vergangenen Jahres war das noch anders. Damals wurde das Gerücht, Gnabry sei für die kommende Saison womöglich schon dem FC Bayern versprochen, in Bremen aufgeregt diskutiert. Mittlerweile ist zwar immer noch unklar, ob Gnabry über den Sommer hinaus bei Werder bleibt. Aber das gilt jetzt nicht mehr als Drama. Weil alle sehen: Es geht auch ohne ihn. Sollte Gnabry nach der Saison wechseln, zu den zuletzt gehandelten Klubs 1899 Hoffenheim oder Borussia Dortmund oder wohin auch immer, dann wäre das für Werder zwar ein Verlust. Aber es wäre kein Weltuntergang.

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Egal ob Gnabry geht oder bleibt: Zu seinem Karriereplan dürfte es nicht passen, dass er zurzeit nur Ersatzspieler ist. Wie sehr ihn das trifft? „Es ist vielleicht leichter für ihn zu verkraften, weil die Mannschaft erfolgreich ist“, sagt Sportchef Baumann. Außenverteidiger Robert Bauer merkt an: „Es läuft in letzter Zeit. Der Trainer hat wenig Gründe, irgendwas umzustellen. Deswegen versteht Serge auch, dass er gerade aufgrund seiner Verletzung raus ist.“ Bauer betont: „Es ist jetzt nicht so, dass er irgendwie Star-Allüren hat oder so was. Er ordnet sich der Mannschaft unter. Kein Spieler ist größer als das Team – das ist klar, und das weiß er auch.“ Gnabry arbeite gut im Training, und er habe nach seinen Einwechslungen in Ingolstadt und gegen Hertha „frischen Wind gebracht“, lobt Bauer. Er glaubt: „Seine Chance wird kommen.“

Auch Angreifer Bartels vermutet, dass Gnabry „in den nächsten Spielen noch wichtig sein wird für uns“. Er sei schließlich auch vor seiner Verletzung enorm wichtig gewesen. Überhaupt sei jeder Spieler wichtig für Werder, findet Bartels: „Es sind alle gefragt.“ So viele Stammkräfte seien in den vergangenen Wochen verletzt ausgefallen, und immer wieder hätten Ersatzleute sie überzeugend ersetzt, so Bartels: „Ich glaube, das macht uns wirklich im Moment stark: dass jeder im Kader gebraucht wird und jeder die Minuten, die er auf dem Platz ist, auch alles dafür tut.“

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Sportchef Baumann berichtet, Trainer Nouri spreche intensiv mit den Ersatzleuten und gebe ihnen das Gefühl, dass er auf sie zählt. Dennoch dürfte Gnabrys Bereitschaft, im Sommer den Arbeitgeber zu wechseln, mit jeder Minute auf der Bank zumindest nicht kleiner werden. Er hat in den vergangenen Monaten zwar oft betont, dass er sich in Bremen wohlfühlt. Aber er hat sich nie eindeutig über die Saison hinaus zu einem Verbleib bei Werder bekannt.

Es wird spannend sein zu sehen, wie Nouri die Personalie Gnabry bis zum Saisonfinale moderiert. Das ist ja für ihn als noch unerfahrener Erstliga-Trainer durchaus eine herausfordernde Aufgabe: einem ambitionierten Nationalspieler zu erklären, warum er draußen sitzt – und ihn trotzdem bei Laune zu halten. Bisher jedenfalls macht Alexander Nouri offenbar alles richtig. Denn seine Mannschaft siegt und siegt, und wenn ihr Gegner gerade mal kein Problem hat, dann bringt er eben Serge Gnabry – und schon hat der Gegner doch eins.

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