Die Welt bei Werder: Paraguay und Valdez Der Eisverkäufer für die besonderen Momente

Werders Geschichte ist geprägt von Spielern aus aller Welt. Mein Werder wirft einen Blick auf den Globus und beleuchtet besondere Länder und Charaktere mit Bremen-Bezug. Diesmal: Paraguay und Nelson Valdez.
28.03.2019, 11:42
Lesedauer: 6 Min
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Von Cedric Voigt

Eigentlich müsste man sich in Bremen an einen gewissen Herrn Haedo erinnern. So zumindest lautet der eigentliche erste Nachname von Nelson Valdez, der in Deutschlandd oft gar nicht oder wie ein zweiter Vorname verwendet wurde. Andererseits kennt man rund um den SV Werder ohnehin genug Bezeichnungen für den Stürmer aus Paraguay, der viereinhalb Jahre seiner Profikarriere am Osterdeich verbrachte: Double-Sieger etwa. Pokalheld. Oder Eisverkäufer.

Gefrorene Süßspeisen bringt Valdez bis heute nicht an den Mann, auf Torejagd geht der mittlerweile 35 Jahre alte Stürmer aber weiterhin. So erfolgreich wie zu Bremer Zeiten sollte Valdez nie wieder knipsen, der eine oder andere Titel (und ein überraschendes Kräftemessen mit dem vielleicht größten dieses Sports) pflasterte den Weg des bis heute einzigen paraguayischen Fußballspielers aber dennoch.

Im Format „Die Welt bei Werder“ zeichnet Mein Werder die dank Nelson Valdez bestehende Verbindung zwischen Bremen und Paraguay nach.

Borns Netzwerk zahlt sich aus

Will man in Erfahrung bringen, wann der SV Werder zuletzt einen Spieler ohne europäische Vorerfahrungen von einem südamerikanischen Verein an die Weser gelotst hat, so muss man einige Jahre zurückblättern: In der Saison 2010/2011 entschloss man sich, zunächst im Sommer den Brasilianer Wesley für 7,5 Millionen vom FC Santos zu verpflichten, im Januar folgte dessen Landsmann Samuel vom FC São Paulo.

Keiner der beiden erfüllte die Erwartungen: Wesley blieb Ergänzungsspieler, Samuel fasste nie auch nur ansatzweise Fuß und blieb ohne Einsatz. Vielleicht auch wegen dieser Negativerfahrungen ist der südamerikanische Markt für Werder seitdem Tabu. Um die Jahrtausendwende war das ganz anders: Damals profitierte man vom Netzwerk Jürgen L. Borns, der sich vor seiner Zeit als Werder-Boss um die Geschäfte der Deutschen Bank in Paraguay, Uruguay und Brasilien kümmerte.

Immer wieder wurde Born so auf vielversprechende junge Spieler hingewiesen – auch auf Nelson Valdez. Der spielte um die Jahrtausendwende beim Zweitligisten Atletico Tembetary, kämpfte unter widrigsten Bedingungen um seine Chance als Fußball-Profi, musste sich gar zwei Jahre als Obdachloser durchschlagen. Im Winter der Saison 2001/2002 erhielt Valdez die Gelegenheit, in Bremen seinen Traum zu leben: Wenige Tage nach seinem 18. Geburtstag unterschrieb der Stürmer seinen Vertrag. Valdez zeigte in der Rückrunde bereits ordentliche, in der Folgesaison schließlich richtig gute Leistungen. Thomas Schaaf belohnte Valdez‘ Mühen schließlich: Am 22. Februar 2003 feierte Valdez gegen Energie Cottbus sein Bundesliga-Debüt als Einwechselspieler.

Double-Held und Edeljoker

Valdez‘ Stern ging genau zur richtigen Zeit auf: In der Double-Saison 2003/2004 kam der Paraguayer wettbewerbsübergreifend auf 26 Einsätze für die Profi-Mannschaft der Bremer. Nur zwei dieser Partien bestritt Valdez auch von Beginn an. Dennoch sicherte sich der Angreifer seinen festen Platz in den Werder-Geschichtsbüchern: Am 16. März empfing der SV Werder den VfB Lübeck, der sich mit Trainer Dieter Hecking als Außenseiter bis ins Halbfinale des DFB-Pokals vorgekämpft hatte. Zweimal gingen die Schleswig-Holsteiner in Führung: Erst musste Johan Micoud ein Eigentor von Mladen Kristajic ausgleichen, dann konterte Ailton in der Verlängerung einen Treffer von Ferydoon Zandi. Das Elfmeterschießen schien bereits greifbar, da erlöste Valdez – einer von mittlerweile vier Bremer Stürmern auf dem Platz – den SVW mit seinem Treffer in der 114. Minute doch noch.

Der Paraguayer schien auf den Geschmack gekommen: Wenige Monate später, am 6. August, erzielte Valdez einen weiteren historisch späten Treffer. Bis heute hält der Angreifer den Rekord für das späteste je erzielte Bundesliga-Tor: Um 23.13 Uhr gelang Valdez, natürlich als Joker, das 1:0 gegen Schalke. Die Auftaktpartie zur Bundesliga-Saison 2004/2005 war erst um 21.35 Uhr angepfiffen worden, ein Stromausfall hatte die Flutlichtmasten lahmgelegt und für eine mehr als einstündige Verspätung gesorgt.

Champions League und Eis

Valdez etablierte sich mehr und mehr in Werders erster Mannschaft, ohne je ganz zum Leistungsträger zu werden. Immer wieder zeigte der Paraguayer starke Spiele, schnürte etwa in der Champions League gegen Valencia und im Pokal gegen Leverkusen je einen Doppelpack. Auch in der Folgesaison gab es manchen Ausreißer nach oben, etwa einen Hattrick gegen Hannover oder drei Torvorlagen beim dramatischen 4:3 in der Champions League gegen Udine.

Den Status eines Top-Stürmers erreichte Valdez jedoch nie. Doch nicht nur deswegen folgte im Sommer 2006 der Wechsel nach Dortmund: Beim BVB soll Valdez auch ein besseres Gehaltsangebot als in Bremen vorgelegt bekommen haben. Der Spieler selbst umriss die Situation damals mit den Worten, er habe „keine Lust, später als Eisverkäufer durch Paraguay zu reisen“. Entsprechend brachte Valdez seine Schäfchen ins Trockene, aber mit nur 18 Toren in vier Spielzeiten beim BVB auch seine Karriere ins Stocken.

Weltenbummler und Messi-Besieger

Nachdem Landsmann Lucas Barrios ihm den Stammplatz in Dortmund abspenstig gemacht hatte, begann für Valdez eine kleine Odyssee. Dabei hatte es ursprünglich danach ausgesehen, als hätte schon Valdez‘ nächster Verein, Hércules Alicante, zu einer dauerhaften Bleibe werden können: Gleich in seinem ersten Spiel für den neuen Klub musste Valdez ins Camp Nou. Dort wartete der FC Barcelona, trainiert von Pep Guardiola, gespickt mit Topstars wie Andres Iniesta, David Villa oder Lionel Messi. Am Ende gewann Alicante mit 2:0 – dank eines Doppelpacks von Nelson Valdez.

Die Freude über diesen Achtungserfolg sollte nicht lange währen: Am Ende der Saison war Barcelona Meister und Champions-League-Sieger, Valdez mit Alicante abgestiegen. Was folgte, waren Jahre der sportlichen Sinnsuche: In nur drei Jahren folgten Stationen bei Rubin Kazan, dem FC Valencia, Al-Jazira Abu Dhabi und Olympiakos Piräus. Heute darf Valdez sich unter anderem Russischer Pokalsieger und Griechischer Meister nennen. Vor allem aber war Valdez immer noch der Junge aus Paraguay, der sich in Deutschland seinen Traum vom Profifußball erfüllt hatte. Im Sommer 2014 folgte dann die Wiedervereinigung mit einem, der entscheidenden Anteil an dieser Geschichte hatte.

Schaaf, USA, Heimkehr

Thomas Schaaf hatte das Ruder in Frankfurt übernommen und wollte seinen Schützling von damals zu einer Säule bei der Eintracht machen. Doch Valdez‘ Rückkehr nach Deutschland stand unter keinem guten Stern: Schon am zweiten Spieltag riss der Paraguayer sich das Kreuzband und fiel bis in den März hinein aus. Bei seinem Comeback gegen den SC Paderborn erzielte Valdez sein einziges Saisontor, im Sommer lösten beide Parteien den Vertrag einvernehmlich auf.

Das einstige Sturm-Talent, mittlerweile im Herbst seiner Karriere angekommen, wechselte in der Folge nicht nur den Verein, sondern auch den Kontinent: Bei den Seattle Sounders in der nordamerikanischen Major League Soccer stürmte Valdez ebenfalls eher als Teilzeitkraft, gewann jedoch 2016 im Endspiel gegen Toronto den mit der Meisterschale vergleichbaren MLS-Cup als Startelfspieler. Nach diesem Erfolg ging es schließlich zurück nach Paraguay, zum Club Cerro Porteño – einem nationalen Spitzenteam. Doch auch seine Verbindung nach Bremen hat Valdez nicht vergessen: Gemeinsam mit seinen Schwiegereltern betreibt der Ex-Werderaner die „Südtiroler Hütte“ am Bremer Hauptbahnhof. Eine Kugel Vanille oder Schoko zum Dessert kostet dort 1,20 Euro. Guten Appetit!

Fußballkultur in Paraguay

Wie in ganz Südamerika zählt der Fußball auch in Paraguay zu den beliebtesten Sportarten. Angefangen hat die Begeisterung für das runde Leder bereits im späten 19. Jahrhundert: Der Niederländer William Paats machte die Sportart bekannt, im Jahr 1902 gründete er gar den ersten Fußball-Verein des Landes. Der „Club Olimpia“ aus der Hauptstadt Asunción ist noch heute ein nationaler Spitzenklub und tritt regelmäßig in der Copa Libertadores, dem südamerikanischen Äquivalent zur Champions League, an.

Die Nationalmannschaft Paraguays konnte in den Jahren 1953 und 1979 die Copa América gewinnen, aber auch die Mannschaften der Weltmeisterschaften 1998 und 2010, die ins Achtel- beziehungsweise Viertelfinale vordringen konnten und jeweils nur knapp gegen den späteren Titelträger ausschieden, genießen hohes Ansehen. Der Kapitän von 1998, José Luis Chilavert, gilt als einer der extravagantesten Keeper der Fußballgeschichte: Der dreimalige Welttorhüter war ein begnadeter Freistoßschütze und erzielte in seiner Karriere mehr als 60 eigene Treffer.

Einwohner Paraguays: 7 Millionen

Fläche Paraguays: 406.752 km² (Deutschland: 357.386 km²)

Höchste Liga: Primera Division

Rekordmeister: Olimpia (42 Titel)

Bekannteste Fußballer: José Luis Chilavert, Roque Santa Cruz, Lucas Barrios

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