Werders Suche nach Verstärkungen Der exotische Mister X

Trainer Florian Kohfeldt hätte gerne so früh wie mögliche in der Rückrunden-Vorbereitung sein Team zusammen. Ob das klappt? Manager Frank Baumann sucht einen besonderen Spieler.
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Von Jean-Julien Beer

Passend zum Weihnachtsfest rattert Frank Baumann einen sehr langen Wunschzettel herunter. Bei der Suche nach Verstärkungen in dieser Winterpause gehe es nicht nur um die nötige Physis und ein gewisses Tempo der möglichen neuen Spieler. „Wir können auch Zweikampfstärke gebrauchen“, sagt Werders Sportchef, „vielleicht auch einen dominanten Typen. Wir können Kreativität gebrauchen. Aktuell können wir alles gebrauchen. Wichtiger ist aber die Qualität. Es nützt nichts, einen Zwei-Meter-Riesen zu holen, wenn er nicht die notwendige Qualität hat. Es sind viele Elemente, auf die wir schauen.“

Soweit die Theorie. Doch die Umsetzung in die Praxis wurde Werder schon im vergangenen Sommer zum Verhängnis. „Ich kann ja nachvollziehen, dass uns vorgeworfen wird, dass wir zu wenig Physis und Geschwindigkeit haben“, meint Trainer Florian Kohfeldt nach der historisch schwachen Hinrunde, „aber genau das war der Schwerpunkt im Sommer, das einzukaufen. Das war unsere Analyse im Sommer. Wir können Fußball spielen, aber wir brauchen Physis.“ Er könne sich noch sehr gut daran erinnern, „wie wir für Ömer Toprak gefeiert wurden und wie wir grundsätzlich mit Niclas Füllkrug diesen Stürmer geholt haben, der uns aus unserer Sicht letztes Jahr brutal gefehlt hat“, sagt Kohfeldt. Aber beide Spieler seien schon sehr früh in dieser Hinrunde nicht mehr dabei gewesen. Füllkrug riss sich das Kreuzband in seinem ohnehin lädierten Knie. Toprak wurde eine mysteriöse Waden-Verletzung immer wieder zum Verhängnis.

Überall drückt es

Damit fehlten für Kohfeldts Idee von Fußball der zentrale Mittelstürmer und der schnelle Innenverteidiger. Mit Blick auf den Wintertransfermarkt stellt sich bei Werder nun die Frage, was man nach den schlechten Spielen gegen die direkten Abstiegskonkurrenten Paderborn (0:1), Mainz (0:5) und Köln (0:1) dringender braucht: einen Stürmer, der Tore schießt? Oder einen Abwehrspieler, der die schlechteste Defensive der Liga stabilisiert? „Wir müssen ehrlich sein“, meint Kohfeldt dazu, „wir haben nur 14 Punkte, wir müssen eigentlich überall ansetzen. Ein paar Dinge werden wir auch übers Training regeln können, davon bin ich fest überzeugt. Aber natürlich ist es unser Bestreben, jetzt sehr sehr früh die Mannschaft zusammen zu haben, mit der wir in die Rückrunde gehen wollen.“ Denn schon am 18. Januar steht für Werder das nächste Kellerduell bei Fortuna Düsseldorf auf dem Spielplan. Eine Niederlage dort würde jede Hoffnung auf Besserung gleich wieder im Keim ersticken.

Baumann ist deshalb bemüht, auf dem Wintertransfermarkt so schnell wie möglich Fakten zu schaffen. „Das ist ja immer das Ziel“, erklärt er, „aber ob es auch gelingt, hängt immer von vielen Faktoren ab.“ Schon vor der Diagnose bei Ludwig Augustinsson, der mit einem Faserriss im Oberschenkel mehrere Wochen fehlen wird, sagte Kohfeldt über die Prioritäten: „Wenn jetzt noch einer in der Abwehr vier bis sechs Wochen ausfällt, dann kann sich jeder denken, in welchem Mannschaftsteil wir ansetzen müssen. Ansonsten sind es natürlich verschiedenste Positionen.“

Ausland statt Bundesliga?

Aufsichtsrats-Chef Marco Bode gab nach der schwächsten Hinrunde der Vereinsgeschichte bereits grünes Licht für Verstärkungen. „Wir werden versuchen, alles zu realisieren, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, erfolgreich zu sein“, sagte Bode nach der Niederlage in Köln, „Frank Baumann und sein Team werden nun intensiv über die Möglichkeiten nachdenken.“ Welche Gedanken ihn dabei antreiben, umschrieb Baumann so: „Es muss Sinn machen. Und es muss schon jemand sein, der uns ein Element gibt, das wir vielleicht nicht so haben. Der uns qualitativ besser macht. Der uns vielleicht auch in gewissen Spielphasen hilft. Das muss nicht die Top-top-top-Verstärkung sein, auch wenn das immer der Wunsch und das Ziel ist. Da muss man realistisch bleiben. Aber es kann jemand sein, der uns für gewisse Spiele und gewisse Spielphasen hilft. Um durch den wir vielleicht drei, vier oder fünf Punkte mehr in der Rückrunde holen.“ Nicht zwingend müsse ein solcher Spieler von einem Konkurrenten in der Bundesliga kommen, ließ Baumann noch durchblicken. „Wir müssen schauen, dass wir wirklich eine Verbesserung bekommen. Vielleicht tut uns auch mal ein exotisches Element ganz gut.“

Ob exotisch oder nicht: Vor allem braucht Werder Verstärkungen, die sofort funktionieren. Neben Geld braucht Werder für eine solche Entscheidung auch den entsprechenden Mut. Wie vor zwei Jahren. „Auch damals sind wir ein sehr großes Risiko im Winter eingegangen, als wir nicht viel besser in der Tabelle platziert waren“, erinnert Baumann, „mit Marco Friedl, Basti Langkamp und Milot Rashica haben wir da für Transfers eine höhere Summe ausgegeben. Es muss Sinn machen, so wie damals. Aber ein großer Transfer ist aktuell für uns eher unrealistisch.“

Intensive Lösungssuche

Die Suche nach Mister X wird Werder die nächsten Tage also beschäftigen, idealerweise wird es die Suche nach mehreren Neuverpflichtungen. Parallel arbeitet Kohfeldt in Gedanken auch schon einmal an anderen Lösungen. „Ja, wir werden in der Rückrunde Tore brauchen“, sagt der, „aber nach dem Spiel in Gladbach begann eine Phase, in der wir uns auch zu wenige Chancen herausgespielt haben. Es geht also nicht nur um die Chancenverwertung, sondern auch um den Transport des Balles ins letzte Drittel.“ Deshalb müsse man auch überlegen, welcher Spieler in der Rückrunde wie eingesetzt werden soll. Als Beispiel nannte der Trainer Leonardo Bittencourt: „Ist Leo in der Rückrunde ein Außenbahnspieler oder ist er vielleicht ein kreativer Achter oder Zehner? Und ergeben sich daraus andere Konstellationen? Das sind Dinge, die in unseren Überlegungen eine Rolle spielen.“ Auch mit Blick auf mögliche Transfers.

Hinzu kommt die Frage, wer aus dem großen Werder-Lazarett schon im Januar wieder so gesund ist, dass er vollwertig mit der Mannschaft trainieren kann. „Bei Ömer Toprak sieht es gut aus, bei Josh Sargent auch“, meint Kohfeldt, „wir werden auch schauen, wer uns noch länger fehlt. Wir werden genau analysieren, was wir brauchen und sind dementsprechend auch vorbereitet.“ Das alles Entscheidende sei aber, „dass wir wieder gemeinsam trainieren können. Und dass wir sehr sehr früh in der Rückrunden-Vorbereitung in der Konstellation arbeiten können, die für uns den größtmöglichen Erfolg verspricht“. Damit meint er die Stammelf. Und zu der sollten angesichts der bedrohlichen Situation in der Liga besser auch Neuzugänge gehören.

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