Wichtige Emotionen bei Werder

Auch junge Spieler machen den Mund auf

Vergangene Saison stand Werders Mannschaft stets im Verdacht, zu brav zu sein. Im Sommer wurde deshalb an einer neuen Mentalität gearbeitet. Das zeigt Wirkung, wie der Fall Rashica nun bewies.
20.10.2020, 16:55
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer und Christoph Bähr

Es fehlten nur wenige Zentimeter, dann hätte Milot Rashica das Training am Dienstag mit einem Brummschädel verlassen. Der Immer-noch-Bremer, der lieber nach Leipzig oder Leverkusen gewechselt wäre, schlenderte in einer Trainingspause über den Rasen, als sein junger Mitspieler Felix Agu mal ausprobieren wollte, wie gut er von hinten einen Ball in Richtung Rashica schießen könne. Die Antwort: ziemlich gut! Der Ball rauschte auf Rashicas Hinterkopf zu, in letzter Sekunde hörte der das offenbar und duckte sich blitzschnell weg. Mit erschrockenem Blick drehte sich Rashica um – und wirkte erleichtert, dass keiner der Wortführer im Team auf ihn geschossen hatte, sondern nur der junge Agu.

Mit den Reflexen klappt es bei Rashica also noch ganz gut. Das ist insofern eine beruhigende Nachricht, weil man sich nach seinem knapp halbstündigen Auftritt beim Spiel in Freiburg nicht mehr sicher sein konnte, was er noch kann oder will – und was nicht. Zurücklaufen, dem Mitspieler helfen, Räume schließen, den Gegenspieler nicht weglaufen lassen: Das alles klappte in Freiburg bei ihm nicht, was viele seiner Mitspieler erzürnte.

Mit ein paar Tagen Abstand möchte Clemens Fritz das nicht überbewerten. Werders Sportlicher Leiter verweist darauf, dass sich Rashica in den vergangenen Wochen immer gut in die Mannschaft eingefügt habe, auch wenn viel über seine Wechselwünsche geschrieben wurde. „Man darf jetzt auch eine Sache nicht vergessen“, fordert Fritz im Rückblick auf das Spiel in Freiburg, „Milot war zuvor länger verletzt, und das war sein erstes Spiel. Bei ihm ist die Erwartungshaltung hoch. Wir tun gut daran, ihm die Möglichkeit zu geben, wieder seinen Trainingsrhythmus zu finden und seine Fitness wieder aufzubauen. Dann bin ich überzeugt davon, dass wir alle noch sehr viel Freude an ihm haben werden.“

Fritz: „Genau das, was wir brauchen“

Rashicas provozierend lustlos wirkender Auftritt im Breisgau hat aber auch eine positive Seite für Werder, das zeigt sich auf den zweiten Blick. Denn die Mitspieler ließen Rashica keineswegs gewähren, noch auf dem Feld gab es ordentliche Wortgefechte und lautstarke Ermahnungen – und zwar nicht durch die eigentlichen Führungsspieler des Kaders. Kapitän Niklas Moisander saß einmal mehr nur auf der Bank, der bisherige Wortführer Davy Klaassen war schon nach Amsterdam gezogen, und auch die nun zum Zweit- und Drittkapitän beförderten Theo Gebre Selassie und Maximilian Eggestein waren überraschenderweise höchstens am Rande beteiligt. Es war der junge Marco Friedl, mit seinen 22 Jahren gerade zum A-Nationalspieler Österreichs aufgestiegen, der sich im Fall Rashica am deutlichsten für Werder engagierte, gefolgt vom gerade erst aus schwerer Verletzung genesenen Kevin Möhwald. Beide waren der breiten Öffentlichkeit bis dahin nicht als Wortführer auf dem Feld aufgefallen, dokumentierten ihre Ambitionen diesbezüglich aber sehr deutlich.

Das blieb Fritz nicht verborgen, der auf der leeren Tribüne des Schwarzwald-Stadions einen guten Blick aufs Geschehen hatte. „Das ist genau das, was wir brauchen“, meint der langjährige Kapitän, der bei Werder noch Zeiten erlebte, in denen die Mannschaft nicht immer den Trainer benötigte, um ein Problem zu lösen. Fritz war damals eines von mehreren Alphatieren im Werder-Rudel, und auch da gab es, wenn nötig, deutliche Worte unter den Kollegen. „Dass Emotionen dabei sind und auf dem Spielfeld mal ein bisschen geschrien wird, ist völlig normal“, findet Fritz, „wir wollen auch sehen, dass Leben in der Mannschaft ist und dass jeder diese Verantwortung übernimmt, den Mund aufzumachen und etwas zu sagen.“ Das Schlimmste wäre doch, „wenn es ruhig auf dem Platz wäre und keiner etwas sagen würde“.

Weil das Hören in einer Mannschaft nicht immer so gut funktioniert wie das Sagen, gehört aber auch die Reaktion dazu, sagt Fritz: „Als Spieler muss man sich das auch mal anhören und das annehmen. Man hat genauso die Möglichkeit, etwas zu sagen. Die Mannschaft lebt, darüber freuen wir uns.“ Dass diesmal Spieler wie Friedl und Möhwald durch ihre konstruktive Kritik auf dem Feld auffielen, sei ebenso positiv, denn: „Die Verantwortung muss und soll sich auf mehrere Schultern verteilen. Wir waren in einer Drucksituation und wollten unbedingt den Punkt mitnehmen und vielleicht auch noch einen Nadelstich setzen, um den Sieg einzufahren. Da darf es dann auch mal emotionaler werden.“

„Bei uns ist keiner zufrieden“

Das ist im besten Sinne eine Frage der Mentalität, und genau darum ging es dem Trainerteam um Florian Kohfeldt während der langen Sommervorbereitung. In den Bremer Trikots sollte wieder eine Bundesligamannschaft stecken, die immer gewinnen will, die sich wehrt und die sich durch nichts aufhalten lässt, das war Kohfeldts Plan. In Freiburg nun wollten sich die Spieler auch nicht von Rashica aufhalten lassen. Auch wenn die sechs Punkte aus den ersten drei Spielen eine zufriedenstellende Ausbeute waren, wollte die Mannschaft schon in Freiburg mehr – und schaffte das auch. Durch Kampf und Willen.

„Bei uns ist keiner zufrieden“, lobt Fritz trotz des gelungenen Saisonstarts, „wenn du zufrieden bist, kannst du dich nicht weiterentwickeln. Wir wollen jedes Spiel so angehen, dass wir das Bestmögliche herausholen, im Optimalfall ist das ein Sieg. Das Spiel in Freiburg war sehr schwierig. Da werden sich noch andere schwer tun. Den einen Punkt haben wir gerne mitgenommen und arbeiten daran, das am Wochenende fortzusetzen.“

Dann ist am Sonntag (18 Uhr) die TSG Hoffenheim zu Gast im Weserstadion, eine Mannschaft, die möglichst immer den Ball haben und das Geschehen bestimmen will. Nach den Duellen mit Hertha BSC, Schalke 04, Arminia Bielefeld und dem SC Freiburg dürfte das die bisher härteste Prüfung für Werder sein. Fritz glaubt, dass die Punktausbeute zusätzlich anspornt: „Über die sieben Punkte nach vier Spielen freuen wir uns, aber es gibt keinen Grund, sich auf irgendetwas auszuruhen. Das wäre der erste Rückschritt, es darf keine Fahrlässigkeit in unser Spiel kommen. Wir haben eine entwicklungsfähige, junge Mannschaft. Wir wissen auch, dass es Höhen und Tiefen in dieser Saison geben wird. Wichtig ist, dass wir es richtig einzuordnen wissen.“ Und wenn es dann doch mal wieder ein Problem gibt während des Spiels, kann sich die Mannschaft inzwischen offenbar auch selbst helfen, wie der Fall Rashica gezeigt hat.

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