Moisander vertraut auf Werders Teamgeist

Der Glaube an sich selbst

Trotz des verpatzten Bundesligastarts und trotz der Ausfälle behält Kapitän Niklas Moisander den Kopf oben. Das Duell mit Augsburg am Sonntag sei nun sehr wichtig: „Wir haben richtig Bock auf das Spiel!“
28.08.2019, 20:02
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Jean-Julien Beer und Christoph Bähr
Der Glaube an sich selbst

ARCHIV - 03.08.2019, Bremen: Fußball: Testspiele: Werder Bremen - FC Everton im wohninvest Weserstadion. Werders neuer Kapitän Niklas Moisander geht in die Halbzeit. (zu dpa "Werder-Kapitän Moisander bleibt trotz Niederlagen zuversichtlich") Foto: Carmen Jaspersen/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

dpa

Der Presseraum im Weserstadion ist nicht bei allen Werderspielern beliebt. Wenn sie hier mit den Medien sprechen, hat das etwas vom heißen Stuhl. Sie sitzen etwas erhöht auf einem Podium, die Scheinwerfer strahlen ihnen ins Gesicht. Alle Kameras und Blicke sind auf sie gerichtet. Nach dem Fehlstart gegen Düsseldorf fühlten sich die international erfahrenen Davy Klaassen und Jiri Pavlenka dort oben nicht wirklich wohl. Ihre Aussagen und die Fragen der Reporter beschäftigten Werder noch viele Tage. Als die beiden Spieler danach ein paar Türen weiter in die Mannschaftskabine gingen, wären sie dort zur Abkühlung am liebsten in die Eistonne gesprungen. Niklas Moisander, der kühle Finne, tickt da anders. Nach der nun schon zweiten Niederlage im zweiten Bundesligaspiel brauchte der Kapitän am Mittwoch nur wenige Sätze, um die Lage bei Werder zu relativieren: „Ich habe schon in viel schlimmeren Situationen hier oben gesessen. In meinen ersten zwei Jahren bei Werder gab es Abstiegskampf. Wir sind auf dem richtigen Weg und haben nicht schlecht gespielt. Ich bin überzeugt davon, dass wir da rauskommen.“

Moisander rasselt ein solches Statement nicht auswendig gelernt herunter. Er schaut nicht geniert zum Boden und auch nicht in die Ferne. Er sucht den Augenkontakt und will überzeugen, ohne dabei zu übertreiben. Das war auch einer der Gründe, warum Florian Kohfeldt seinen 33-jährigen Abwehrchef vor dieser Saison zum Kapitän ernannte. Der clevere Moisander, der als Profi bei Ajax Amsterdam, Sampdoria Genua und mit der finnischen Nationalmannschaft viel erlebte, soll die verspielte Bremer Mannschaft und ihren unbändigen Offensivdrang mit einem Schuss Abgezocktheit Richtung Europacup steuern. „Ich habe genug Erfahrung und war schon ein paar Mal Kapitän“, sagt er, „ich weiß, was zu tun ist.“

Das Rätsel mit den Standards

Zum Beispiel: selbstkritisch sein. Um auch bei den Mitspielern glaubhaft anzukommen, räumt er seine Schuld an einem Hoffenheimer Treffer ein, als Ermin Bicakcic eine Ecke recht unbedrängt zum zwischenzeitlichen 1:1 ins Bremer Tor köpfen konnte. „Dieses Gegentor war mein Fehler, ich habe den Zweikampf verloren“, betont Moisander, „das darf nicht passieren, aber ich bin auch nicht der kopfballstärkste Spieler, da bin ich ehrlich.“ Einen verlorenen Moisander-Zweikampf könnte Werder sicher verschmerzen, gäbe es da nicht ein anderes Problem: die unglaubliche Anfälligkeit nach Ecken. Drei der sechs Gegentore (und das ist der Ligahöchstwert) fielen nach Eckbällen. „Die Standards müssen sehr schnell besser werden“, mahnt Moisander, der über die Ursache dieser Schwierigkeiten aber noch rätselt: „Letzte Saison waren wir ganz gut bei Standards. Jetzt ist es ein großes Problem. In den wichtigen Momenten eines Spiels müssen wir besser sein. Bei Ecken ist es wichtig, zu wissen, ob wir übergeben oder am Mann bleiben. Da muss die Kommunikation sehr gut sein. Wir müssen schärfer sein und die Kommunikation muss früh da sein, damit niemand frei ist.“

Wichtige Trainingswoche

In der Theorie klingt das logisch und gut, in der Praxis aber klappt es nicht. Das beunruhigt einen Vollprofi wie Moisander, der auf und neben dem Platz für den Fußball lebt. Er mag Verlässlichkeit und Disziplin nicht nur, sie sind für ihn im Fußball so bedeutend wie der Ball oder das Tor. Weil das Spiel gegen Augsburg nach dem Null-Punkte-Start nun „sehr sehr wichtig“ sei, gehe es im Training vor allem darum, die nach den vielen Ausfällen völlig umformierte Abwehrkette zu stabilisieren: „Wenn ein neuer Spieler neben mir spielt, muss ich in der Trainingswoche schon viel mit ihm sprechen und arbeiten. Jeder muss auf dem Platz wissen, was zu tun ist. Das ist wichtig. Ich habe mit Theo Gebre Selassie schon viel gesprochen. Das sollte funktionieren, falls er Innenverteidiger spielt.“

Denn darauf läuft es hinaus, sollte Kohfeldt seinen Plan nicht noch ändern. Moisander und Gebre Selassie sollen das Abwehrzentrum bilden, rechts würde Maxi Eggestein verteidigen, links Marco Friedl. Auch eine Lösung mit U23-Kapitän Christian Groß wäre für Moisander in Ordnung, „er hat eine sehr gute Vorbereitung mit uns gespielt“. Die vielen Ausfälle findet der Abwehrchef „schade, wir haben unglaublich viel Pech mit Verletzungen, aber wir müssen weitermachen. Es ist vor allem schade, weil wir eigentlich einen guten Kader haben.“ Gegen Augsburg müsse man es „nun mit den Spielern lösen, die wir haben. Es ist noch okay. Wir können das schaffen und wissen noch immer, was auf dem Platz zu tun ist.“

Keine Sorgen wegen Bentaleb

Moisander vertraut darauf, dass sich gerade jetzt Werders wahre Stärke auszahlen könnte: der Teamgeist. „Wir haben sicher nicht die besten Einzelspieler der Liga“, erklärt der Kapitän, „unsere Stärke ist das Team. Wir halten zusammen. Das ist auch jetzt unsere Stärke, das gibt mir ein gutes Gefühl. Wir haben sehr viel Bock auf das Spiel.“ Trotz der beiden Niederlagen: Die Art und Weise des Bremer Fußballs sei in den ersten Spielen richtig gewesen. Deshalb sagt Moisander: „Mein Gefühl ist, dass die Mannschaft an sich selber glaubt. Wir haben die zwei Spiele gut analysiert und wissen, was wir besser machen müssen.“ Die 90 Minuten gegen Augsburg werden das zeigen.

Danach steht eine zweiwöchige Länderspielpause an. Wertvolle Zeit, um verletzte Spieler wie Sebastian Langkamp wieder näher ans Team zu bringen, aber auch, um die lang ersehnten Neuzugänge zu integrieren. Vor einem schwierigen Charakter wie Schalkes Nabil Bentaleb wäre Moisander dabei nicht bange: „Bei unserem Teamgeist können wir jeden Spieler integrieren.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+