Die Welt bei Werder: Kroatien und Klasnic

Der „Killer“ von der Weser

Werders Geschichte ist geprägt von Spielern aus aller Welt. Mein Werder wirft einen Blick auf den Globus und beleuchtet besondere Länder und Charaktere mit Bremen-Bezug. Diesmal: Kroatien und Ivan Klasnic.
28.03.2019, 17:26
Lesedauer: 4 Min
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Von Simon Wilke
Der „Killer“ von der Weser
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Der bekannteste Fußballer Kroatiens ist wahrscheinlich Ivan Klasnic - zumindest, wenn man es mit Werder hält. Klasnic spielte sechs Jahre für die Bremer, schoss ein unvergessenes Tor beim meisterschaftsentscheidenden Spiel in München 2004, ist 41-facher Nationalspieler Kroatiens – und eigentlich Hamburger. „Ich bin zwar in Hamburg geboren und auch hier zur Schule gegangen“, erklärt er Anfang des Jahres der TAZ, „aber ich habe den kroatischen Pass, weil ich für mich entschieden habe, dass ich keinen deutschen Pass brauche.“

Kroatien ist ein kleines Land, gerade einmal doppelt so groß wie Brandenburg, und so rekrutiert sich die fußballerische Elite aus nur rund vier Millionen Einwohnern. Im internationalen Vergleich befindet sich das Land damit in Gesellschaft von Fußballzwergen wie Irland oder Norwegen. Doch ein Underdog im Weltfußball sind die Kroaten keineswegs. Dritter bei der Weltmeisterschaft 1998, Zweiter bei der letzten WM in Russland und mit Luka Modric stellt Kroatien den amtierenden Weltfußballer. Doch nicht nur Erfolge, sondern auch Hooligans, Rassismus und Korruption prägen den kroatischen Fußball. Beim Spiel gegen Italien 2015 prangte ein riesiges Hakenkreuz auf dem Rasen des Stadions in Split und gerade erst wurde Zdravko Mamic, Ex-Präsident von Dinamo Zagreb, wegen Unterschlagung und Steuerhinterziehung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Im Format die Welt bei Werder zeichnet Mein Werder die dank Ivan Klasnic bestehende Verbindung zwischen Bremen und Kroatien nach.

Der Kroate von der Elbe

Im Jahr 2004 war der Frust groß. Bei der Europameisterschaft in Portugal überstand Kroatien die Vorrunde nicht und Ivan Klasnic blieb in sämtlichen Partien nur Zuschauer. Dabei hatte er mit Werder Bremen gerade das Double geholt und dazu 19 Tore und 13 Vorlagen beigesteuert. Rückblickend nahm Klasnic seine Nichtberücksichtigung mit Humor. „Bei der EM vor zwei Jahren, mit Trainer Baric, da hatte ich ja einen schönen Urlaub in Portugal“, witzelte er. Und tatsächlich lief es unter einem neuen Trainer bald besser. Bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland spielte er in jedem Spiel und bei der folgenden EM schoss der Wahlkroate zwei Tore in zwei Partien.

Anders als die Karrieren seiner Landsleute begann Klasnics Fußballerlaufbahn nicht bei Dinamo Zagreb oder Hajduk Split, sondern in der Jugend des FC St. Pauli. Er spielte sich ins Rampenlicht, wurde bei den Profis in der zweiten Liga zur festen Größe und hatte in der Saison 2000/01 maßgeblichen Anteil am Aufstieg der Hamburger in die erste Liga. Und seine zehn Treffer in der Aufstiegssaison waren ein Abschiedsgeschenk an den Verein, mit dem er noch heute eng verbunden ist, denn im Juli 2001 war klar: Klasnic wechselt von der Elbe an die Weser.

Endlich, musste man sagen. Denn die Verhandlungen hatten sich zunächst über Wochen und schließlich über Monate hingezogen. „Schon mehr als ein dreiviertel Jahr sind wir hinter ihm her“, berichtete Werders Sportdirektor Klaus Allofs dem WESER-KURIER, als der Transfer schließlich bestätigt wurde. Doch die lange Wartezeit hatte auch ihr Gutes: Da ein vorzeitiger Wechsel an den Ablöseforderungen gescheitert war, erfüllte Klasnic seinen Vertrag bei St. Pauli und war stattdessen ablösefrei. Dabei, so Allofs, sei man bereit gewesen „eine hohe Ablösesumme für ihn zu zahlen.“

Offensiv aus Überzeugung

Und auch die gemeinsame Geschichte von Werder und Klasnic begann nicht unproblematisch. In seiner ersten Saison gelang dem Stürmer nur ein Tor in 23 Einsätzen. In der Folgesaison riss ihm das Kreuzband – das Saisonaus. Erst nach seinem Comeback wurde klar: Werder und Klasnic, das passte. Werders Spiel, das war wie zugeschnitten auf Klasnic. Lieber 4:3 gewinnen, als 1:0 - dafür stand Thomas Schaaf und dafür stand auch Ivan Klasnic. Nach seinem letzten Engagement bei Mainz 05 sagte er im WESER-KURIER: „Thomas Schaaf ist der beste Trainer, den ich jemals hatte.“ Zur Einordnung: Sein Ex-Trainer Thomas Tuchel trainiert jetzt in Paris Stars wie Neymar und Kylian Mbappé.

In Bremen avancierte der Stürmer schnell zum Publikumsliebling. Neben dem Platz war er ein umgänglicher Typ, jemand, der schnell Anschluss findet, immer mit einem lockeren Spruch auf den Lippen. Und genauso spielte er auch. Spielfreudig, leichtfüßig, frech, aber abgezockt. „Killer“ wurde er deswegen genannt, einer, der aus keiner Chance trotzdem ein Tor machte - und dafür bei der nächsten Hundertprozentigen auch mal über den Ball trat. „Wer nichts riskiert, der nichts gewinnt. Das ist mein Spiel“, sagt Klasnic.

Schlimme Nierenprobleme

Doch die Geschichte von Ivan Klasnic ist auch eine Leidensgeschichte. Nach einer Blinddarmoperation im Jahr 2005 fiel Klasnic lange aus. Gerüchte um seinen Gesundheitszustand kamen auf und schließlich musste Werder bekanntgeben, dass Klasnic schwerkrank war. Bereits im Jahr 2001, bei der Verpflichtung Klasnics, soll seine Nierenfunktion bei noch 67% gelegen haben. Vier Jahre Profisport mit all seinen Begleiterscheinungen später sind es nur noch 28%. Es folgen insgesamt drei Transplantationen und ein Gerichtsprozess gegen die damalige medizinische Abteilung Werders, der bereits seit zehn Jahren andauert. „Ich will nicht jammern“, sagt Klasnic, der am Tag 20 Tabletten schluckt, an einem Prozesstag, „aber man muss sich vorstellen, dass ein Mensch wie ich jeden Tag um sein Leben kämpfen muss, weil jemand anderes nicht aufgepasst hat.“

Heute spielt Klasnic wieder für Kroatien. Jüngst schoss er beim 1:1 gegen den HSV Barmbek-Uhlenhorst sein elftes Saisontor - für Croatia Hamburg. Er war der erste Profifußballer, der mit einer transplantierten Niere ein Bundesligator erzielen konnte. Er schoss in 205 Spielen 77 Tore für Werder und bereitete 45 weitere vor. Nach Stationen in Nantes und bei den Bolton Wanderers beendete der Stürmer im Jahr 2013 seine Karriere beim FSV Mainz 05. In seiner Wahlheimat Kroatien spielte er nie. „Eigentlich ist er doch Deutscher“, sagte sein Landsmann und Teamkollege Ivica Banovic einmal in gebrochenem Deutsch, „er spricht ähnlich gut Kroatisch wie ich Deutsch.“

Kroatiens Rahmendaten:

Einwohner Kroatien: 4.2 Millionen

Fläche Kroatiens: ‎56.594 km² (Deutschland: 357.386 km²)

Höchste Liga: Hrvatski Telekom Prva Liga

Rekordmeister: GNK Dinamo Zagreb (19x)

Bekanntester Fußballer: Luka Modric

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