Ein Jahr Eichin bei Werder: Eine Bilanz Der Krisenmanager

Bremen. Am Sonnabend ist Thomas Eichin seit exakt einem Jahr Sportchef bei Werder Bremen. Eine Bilanz.
13.02.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Der Krisenmanager
Von Marc Hagedorn

Am vergangenen Sonntag war Thomas Eichin wieder als Krisenmanager unterwegs. Frühmorgens stieg er in Bremen in den Flieger, in München stieg er wieder aus und erklärte dann Fußball-Deutschland in der Fernsehsendung „Doppelpass“, weshalb Werder so viele Spiele verliert, weshalb Werder so viele Tore kassiert, und weshalb Robin Dutt trotzdem der richtige Trainer für Werder ist.

Immerhin: Am Ende der Sendung erklärten die ehemaligen Nationalspieler und Talkrunden-Teilnehmer Thomas Strunz und Frank Rost, dass sie von Werders Klassenerhalt überzeugt seien. EichinsMission war erfüllt – zumindest an diesem Tag.

In den einschlägigen Internetforen, in Leserbriefen und zunehmend auch auf den Rängen im Stadion ist der Ton dagegen schon deutlich rauer. Eichin wird kritisiert. Trotzdem sagt er, dass er „zu keiner Sekunde“ den Wechsel vom Eishockey zum Fußball, von Köln nach Bremen, bereut hat. Eichin, 47, hat Routine darin, sportliche Krisen zu moderieren. Bei den Kölner Haien, die er vor einem Jahr verlassen hat, rechnet man es Eichin bis heute als persönliches Verdienst an, dass er den Traditionsklub vor der Pleite gerettet hat.

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Wie man in ein paar Jahren über den Sportdirektor Thomas Eichin bei Werder reden wird, ist heute noch nicht absehbar ist. Fakt ist allerdings: Die Jahre ab 2011 werden als Zeit der großen Veränderungen und versuchten Erneuerung in die Vereinshistorie eingehen – mit Thomas Eichin mittendrin.Torsten Frings, Naldo, Tim Wiese, Per Mertesacker, Claudio Pizarro, Kevin De Bruyne, Sokratis: Sie und noch viele andere Profis haben Werder in der jüngeren Vergangenheit verlassen. Klaus Allofs, Thomas Schaaf und sein Team, Uwe Harttgen und eben erst die langjährigen Scouts Bernd Pfeifer und Hune Fazlic sind auch Geschichte. Nicht an allen Trennungen hat Eichin mitgewirkt, aber sie wirken sich auf seine Arbeit aus.

Erfolg für wenig Geld

Von Thomas Eichin wird nicht weniger erwartet als der Aufbau einer neuen Mannschaft, die nicht viel kosten darf, aber möglichst bald wieder so erfolgreich sein soll, wie sie es bis vor wenigen Jahren war. An der neuen Mannschaft bastelt er aktuell. Schwere Patzer wie dem Hamburger Kollegen Oliver Kreuzer sind Eichin dabei bisher nicht unterlaufen. HSV-Sportchef Kreuzer ließ sich die überforderten Ola John und Ouasim Bouy aufzwingen und gab stattdessen Artjoms Rudnevs ab, der fatalerweise bei Konkurrent Hannover 96 plötzlich wieder Tore schießt, während beim HSV plötzlich Stürmer fehlen.

Die Bilanz von Eichins Wirken auf dem Transfermarkt ist auch nicht frei von Fehlern, fällt nach zwei Wechselperioden uneinheitlich aus: Es gab gute Geschäfte, und es gab weniger gute. Luca Caldirola etwa, der junge Innenverteidiger aus Italien, war eine gute Wahl. Über Santiago Garcia, den wilden Linksverteidiger aus Argentinien, lässt sich das abschließend noch nicht sagen – er könnte aber einer für die Bundesliga werden.

Bei Franco Di Santo, dem zweiten neuen Argentinier, wachsen dagegen die Zweifel eher. Der Stürmer hat in der Rückrunde enttäuscht, genau wie Cedrick Makiadi, der ursprünglich als Wunschkandidat von Trainer Robin Dutt ein zwangsläufiges Geschäft zu sein schien. Inzwischen muss man befürchten: Die drei Millionen Euro, die Makiadi, bald 30 und noch bis Sommer 2016 unter Vertrag, gekostet hat, holt Werder bei einem etwaigen Verkauf nie wieder rein. Wenigstens in Sachen Wertverlust ist Di Santo kein Risiko: Er kam ablösefrei.

Eigentlich kann sich Werder das aber nicht mehr leisten: Verluste bei Spielertransfers. Unter den schlechten Entscheidungen der Vergangenheit gegen Ende der einst so großartigen Ära Allofs/Schaaf leidet Werder bis heute: Marko Arnautovic, Wesley, Mehmet Ekici, Eljero Elia – allein dieses Quartett hat den Klub um die 20 Millionen Euro an Ablösesummen gekostet, dazu kamen oder kommen langjährige Verträge, allesamt dotiert auf internationalem Niveau. Daran muss Eichin arbeiten.

Galvez kommt im Sommer

Die Kosten für die Lizenzspielermannschaft sind zwar von fast 50 auf rund 30 Millionen Euro runtergefahren worden, aber Großverdiener wie Elia, Ekici und Hunt ragen aus der Gehaltsstruktur noch immer heraus. Über einen Verkauf von Ekici wurde deshalb in diesem Winter schon verhandelt. Elia, noch bis 2016 unter Vertrag, könnte ein Kandidat für den Sommer sein.

Bleibt als Großverdiener Aaron Hunt. „Er ist sein Geld wert“, sagt Eichin, und deshalb ist er auch bereit, Hunt als Top-Verdiener weiter zu bezahlen. Pech für Eichin, dass ihm Grenzen gesetzt sind. „Bis an die Schmerzgrenze“ wolle er bei Aaron Hunt gehen, hatte er schon im Dezember im Interview mit dieser Zeitung erklärt. Finanziell ließe sich Hunt womöglich sogar überzeugen. Aber wie sieht es mit den sportlichen Argumenten aus? Werder steckt im Februar 2014 mitten im Abstiegskampf. Das macht den Klub nur noch mäßig attraktiv.

Mehr denn je gilt deshalb Eichins Wort von den „kreativen Transfers“. Wintereinkauf Ludovic Obraniak fällt eher noch in die Kategorie herkömmlich. Obraniak ist 29, Nationalspieler und hat über 300 Ligaspiele in Frankreich gemacht. Für den Sommer hat Eichin trotz der sportlichen Unwägbarkeiten zwei interessante Leute verpflichtet. Der Transfer von Fin Bartels vom FC St. Pauli ist offiziell. Der 26-jährige, vielseitig einsetzbare Offensivmann kostet keine Ablöse.

Das gilt ebenfalls für Alejandro Galvez. Nach WESER-KURIER-Informationen ist sich Eichin längst mit dem 24-jährigen Innenverteidiger des spanischen Erstligisten Rayo Vallecano einig – nur bestätigen will Eichin den Deal nicht. Widersprechen indes tut er auch nicht. So schreitet er also voran, der Umbau bei Werder. Eine Mannschaft, die in der Kostentabelle im Mittelfeld liegt, soll in der Bundesliga-Tabelle bald wieder in der oberen Hälfte landen. Das ist genug Arbeit für mindestens ein weiteres Jahr.

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