Werders Woche der Entscheidungen

Der letzte Anlauf

Die Lage im Abstiegskampf spitzt sich für Werder weiter zu. Für Trainer Florian Kohfeldt sind die nächsten beiden Spiele von enormer Bedeutung - wegen des Klassenerhalts und womöglich seines Arbeitsplatzes.
23.02.2020, 09:26
Lesedauer: 4 Min
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Der letzte Anlauf
Von Malte Bürger
Der letzte Anlauf

Florian Kohfeldt steht mit seiner Mannschaft vor einer ganz entscheidenden Woche - in mehrfacher Hinsicht.

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Und wieder war eine Chance vertan. Wieder ist Werder dem Abstieg ein Stück näher gekommen. Die Uhr, sie tickt unerbittlich, gerade einmal elf Spiele bleiben nach dem 0:2 gegen Dortmund noch, um irgendwie doch noch die Kurve zu kriegen. Die Zeit ist momentan nun wahrlich kein Freund der Bremer. Zumindest dann, wenn man auf das große Ganze schaut, nämlich die Saison. Im Kleinen ergeben sich durchaus Chancen, erst kommenden Sonntag ist Werder gegen Frankfurt wieder gefordert. Da bleibt also, richtig, einige Zeit, um an den Schwächen zu arbeiten. Und das ist dringend notwendig.

„Ich weiß, dass jetzt eine Woche ansteht, die sehr wichtig und auch sehr entscheidend sein wird“, sagt Florian Kohfeldt. „Das sind jetzt Spiele gegen Eintracht Frankfurt und Hertha BSC, in denen wir punkten müssen, um realistische Chancen zu haben, in der Klasse zu bleiben. Da gibt es keine Ausreden.“ Klare Worte des Werder-Coaches. Und sie beinhalten etwas Endgültiges. Oder anders formuliert: Sollte Werder auch diese beiden Ligaspiele nicht gewinnen, dann dürfte auch die allerletzte Hoffnung auf den Ligaverbleib verschwunden sein. Dann kommt tatsächlich das, was keiner will: der Abstieg.

Finale für das Team - und den Trainer?

So recht will sich Kohfeldt mit diesem Szenario noch nicht beschäftigen. „Was dann wäre, würden wir dann besprechen“, sagt er nur. Streng genommen würden zwei weitere Niederlagen aber wohl nicht nur das Aus für die Mannschaft bedeuten, sondern möglicherweise auch für den in die Kritik geratenen Trainer. Genau das habe Kohfeldt mit seiner Formulierung aber explizit nicht gemeint, betont er. „Entscheidende Wochen, was mich angeht, kann ich nicht ausrufen. Das müsste jemand anders tun“, sagt er. „Das bezog sich ganz allein auf die tabellarische und fußballerische Situation.“ Eine Gnadenfrist wollte er für sich also nicht verhängen.

Sportchef Frank Baumann tut es allerdings auch nicht. Im Gegenteil. „Es ist nach wie vor so und es bleibt auch so, dass wir mit dem Trainer diskutieren, wie wir unsere Situation verbessern – und nicht über den Trainer diskutieren“, bekräftigt der 44-Jährige. „Ich bin weiter davon überzeugt, dass wir es schaffen können, wenngleich es aufgrund der anderen Ergebnisse natürlich nicht einfacher geworden ist.“ Das klang beinahe ein wenig wage, als seien auch Baumann inzwischen ernsthafte Zweifel daran gekommen, dass diese ohnehin desaströse Saison nun wirklich kein schmerzfreies Ende mehr nehmen wird. Doch so denkt er natürlich nicht, weshalb der Sportchef hinterherschob: „Wir können es schaffen und wir werden es auch schaffen. Diese Überzeugung haben wir nach wie vor.“

Pokal-Bonbon und Liga-Leiden

Werder will sich in den nächsten Tagen also vollkommen dem Überlebenskampf in der Liga widmen – und muss doch noch auf einer zweiten Hochzeit tanzen. Zwischen den Spielen gegen Frankfurt und Berlin steht nämlich auch noch das Pokal-Viertelfinale bei der Eintracht an. Vor wenigen Wochen gefiel der kurzfristige Tapetenwechsel zwar, den erhofften Effekt auf das Kerngeschäft hatte er jedoch nicht. So hängt Werder jetzt fast ein bisschen zwischen den Stühlen, ohne auf einem der Plätze so richtig bequem zu sitzen.

Für Florian Kohfeldt kommt der zusätzliche Schauplatz in dieser von ihm als elementar wichtig eingestuften Woche dennoch nicht ungelegen. „Wenn man es nicht schafft, sich in solch einer Phase alle drei Tag auf ein neues Spiel zu fokussieren, dann ist es auch schwer, jemandem da noch zu helfen“, sagt er stattdessen. „Ich persönlich habe kein Problem damit, ich liebe Englische Wochen. Als Gift würde ich das Pokalspiel nicht sehen. Ich freue mich auf die Spiele und ich will, dass wir das jetzt schaffen. Ich bin weiterhin voller Kraft und Energie, um diese Situation zu bewältigen. Das versuche ich für alle auszustrahlen.“

Automatismen kehren zurück

Dieser Optimismus gehört zum Pflicht-Repertoire eines jeden Trainers. Insbesondere in Krisenzeiten. Und gerade dann, wenn seine Mannschaft nun eigentlich nicht wirklich den Anschein erweckt, die so dringend benötigten Punkte zeitnah einzufahren. Am besten gleich reihenweise. Wieso sollte schließlich plötzlich etwas funktionieren, was wochen- ja monatelang einfach nicht gelang? Besonders dann, wenn die Offensive derart harmlos und die Defensive derart anfällig wie bei Werder ist.

Doch Kohfeldt kann seine Hoffnungen begründen. „Was mich optimistisch macht, ist die Tatsache, dass die Qualität der Trainingswochen deutlich besser geworden ist. Die Automatismen, die uns dramatisch abgehen, die werden jetzt wieder besser, auch wenn sie noch nicht stabil im Wettkampf sind“, sagt er. „Ich will damit nichts schönreden. Es werden weniger Spiele, die Situation ist dramatisch und wir haben nur wenig Zeit. Aber kein Mensch der Welt dürfte mir Geld für meinen Job überreichen, wenn ich jetzt sagen würde, dass ich keine Gründe dafür sehe, dass wir in nächster Zeit punkten werden.“

Totgesagte leben länger

Und wenn das Prinzip Hoffnung nicht hilft? Dann gibt es zu guter Letzt ja immer noch die Weisheit von der Langlebigkeit der Totgesagten, an die man sich bei Werder klammert. „Wir sind von vielen in den letzten Wochen abgeschrieben worden, aber das spornt mich und alle Beteiligten noch mehr an, dass wir es am Ende auch schaffen werden“, sagt Frank Baumann. Ähnlich drastisch hatte es Kapitän Niklas Moisander ausgedrückt: „Niemand glaubt mehr an uns, wir tun es. Es ist noch alles möglich. Jetzt kommt Frankfurt, da geht es ,All In‘.“ Das ist mutig, gar keine Frage. Die Belohnung kann herrlich sein. Jeder Pokerspieler weiß allerdings nur zu gut, dass man in solchen Momenten auch ganz schnell alles verlieren kann.

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