Kohfeldt avanciert zur Dauerlösung

Der Mutmacher

Im Mittelpunkt der Spieltags-Pressekonferenz stand Werders Coach Florian Kohfeldt, der seine Pläne mit dem Klub verriet. Für das Hauptziel Klassenerhalt sollen nun auch Punkte in Leverkusen her.
11.12.2017, 20:02
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Der Mutmacher
Von Marc Hagedorn

Florian Kohfeldt hat sich in ziemlich kurzer Zeit eine bemerkenswerte Abgeklärtheit zugelegt, wenn es vor Werder-Spielen darum geht, die Fragen der Journalisten zu beantworten. Seit gerade einmal sechs Wochen ist der 35-Jährige Cheftrainer des Bundesligisten Werder Bremen, und auch wenn er vom Typ her niemand ist, der partout ins Rampenlicht drängt, so gibt er doch eine ausgezeichnete Figur ab, wenn er dann im Rampenlicht steht.

Florian Kohfeldt baut klare Sätze, seine Wortwahl ist präzise. Er kommt also normalerweise sehr schnell zum Punkt. Doch diesmal, auf der Pressekonferenz vor Werders Leverkusen-Spiel am Mittwoch, da wollten ihm die Worte bei einer ganz bestimmten Frage nicht so leicht wie gewohnt über die Lippen gehen. Die Frage, auf deren Beantwortung die Journalisten warteten, war aber auch vertrackt. Florian Kohfeldt musste für seine Verhältnisse ziemlich lange nachdenken: Was soll man sagen, wenn die Dinge offensichtlich sind, man das Offensichtliche aber nicht benennen darf? Es ging um seine dauerhafte Beförderung zum Cheftrainer, mit der inzwischen alle Welt rechnet.

Offiziell fungiert Florian Kohfeldt im Moment noch als Interimstrainer der Profis. Seitdem MEIN WERDER davon berichtet hat, ist bekannt, dass ein Vertrag für eine langjährige Zusammenarbeit mit Kohfeldt als Cheftrainer mit Sportchef Frank Baumann längst ausverhandelt ist. Vereinbart ist zwischen Verein und Noch-Interimstrainer allerdings, das Vertragsthema öffentlich bis nach dem Pokalspiel gegen den SC Freiburg am Mittwoch in einer Woche ruhen zu lassen. Also sagte Kohfeldt nach einigem Überlegen: „Meine Planung für den Januar entscheidet sich nach dem Freiburg-Spiel.“

Das Team soll couragiert agieren

Das war die politisch korrekte Antwort. Aber da Florian Kohfeldt natürlich weiß, dass allein dieser Satz die Frager nicht zufriedengestellt hätte, redete er noch ein bisschen weiter und sagte irgendwann: „Alle Themen, die in der Rückrunde liegen, haben wir jetzt schon besprochen, denn es ist das klare Ziel, so in die Rückrunde zu gehen.“ Also mit ihm als Cheftrainer, sollte das heißen. Tatsächlich war es Kohfeldts Wunsch, Anfang Januar ins Trainingslager nach Spanien zu fliegen. Ursprünglich hatte Werder vorgehabt, die kurze Winterpause in Bremen zu verbringen. Jetzt sagte Kohfeldt: „Bisher sieht mein Plan für Januar vor, dass ich mit Theo und den anderen in Alicante bin.“

Theo ist Theodor Gebre Selassie. Der rechte Verteidiger saß am Montag im Medienraum des Weserstadions neben Kohfeldt auf dem Podium, und so elegant wie Kohfeldt den Bogen zu seinen Nebenmann schlug, so elegant hat er zuletzt viele Probleme im Werder-Spiel gelöst. Das Werder unter Florian Kohfeldt hat nicht mehr viel gemein mit dem Werder aus der verzagten Endphase unter Alexander Nouri. Wie er das gemacht habe, wurde Kohfeldt am Montag gefragt. Und dann erzählte Kohfeldt ein wenig von seiner Arbeit als Aufbau- und Entwicklungshelfer dieser Mannschaft, er sagte zum Beispiel: „Wir haben ein Wort, auch wenn das etwas platt klingen mag, in den Mittelpunkt gestellt: Mut.“ Mut zeigt er als Trainer bei seinen Aufstellungen und seiner taktischen Ausrichtung, Mut zeigt inzwischen auch die Mannschaft bei ihren Auftritten.

Daran soll sich auch am Mittwoch in Leverkusen nichts ändern. Florian Kohfeldt könnte es sich leicht machen und Werder ganz klein und Leverkusen ganz groß reden. Und das wäre nicht einmal gelogen. Leverkusen ist hinter den Bayern die zweitbeste Mannschaft der Liga, wenn man nur auf die vergangenen neun Spieltage schaut. Kein einziges Mal hat Bayer seit dem sechsten Spieltag mehr verloren. Tabellenfünfter ist Leverkusen inzwischen nach einem äußerst verhaltenen Start.

Bayer verfügt über ausgezeichnete Einzelspieler, vor allem in der Offensive. Leon Bailey zum Beispiel: vier Tore, fünf Vorlagen. Julian Brandt: drei Tore, drei Vorlagen. Kevin Volland: neun Tore, eine Vorlage. Oder Kai Havertz: ein Tor, vier Vorlagen. Kohfeldt kennt die Daten, nannte Leverkusens herausragende Spieler während der Runde am Montag auch explizit beim Namen. Aber muss Werder deshalb jetzt kleinlaut nach Leverkusen fahren? Nein. „Wir haben die Zuversicht, dass wir dort etwas holen können“, sagt Kohfeldt.

Der Sieg in Dortmund gibt Selbstvertrauen

Das 2:1 in Dortmund, sagt Theo Gebre Selassie, „gibt uns viel Selbstvertrauen“. Vor Dortmund hatte Werder Spiele gegen die Aufsteiger aus Hannover und Stuttgart gewonnen. Der Sieg in Dortmund sei schon „etwas Besonderes“ gewesen, sagte Kohfeldt. Als sein persönliches Gesellenstück mochte der junge Werder-Trainer den Auftritt seiner Elf allerdings nicht bewertet wissen. „Ein Erfolg ist diese Saison erst, wenn im Mai der Klassenerhalt steht“, sagte Kohfeldt stattdessen. „Puzzlestücke auf dem Weg dorthin“ seien Erfolge wie in Dortmund.

Der erste Sieg in Dortmund seit zehn Jahren war der erste Sieg gegen einen wirklich Großen der Liga, auch wenn der Große zuletzt arg ins Taumeln geraten war. Aber genau diese Siege sind es, die Werder braucht, um unten rauszukommen. Bisher haben neun Punkte aus den jüngsten vier Spielen nicht dazu geführt, dass Werder die Abstiegsplätze verlassen konnte. Das zeigt, wie dramatisch wichtig die Wende war, die Kohfeldt herbeigeführt hat. Die Konkurrenz punktet fleißig mit, allerdings ist Werder ihr näher gekommen in den vergangenen Wochen.

Der anstehende 15. Spieltag hält nun knifflige Aufgaben für alle Kellerkinder bereit: Die Kölner müssen zu den Bayern. Der SC Freiburg spielt gegen Gladbach, der HSV gegen Frankfurt, Mainz gegen Dortmund und Wolfsburg gegen Leipzig. Der bisherige Saisonverlauf hat Woche für Woche gezeigt, dass ligaweit in fast allen Spielen fast alles möglich ist. Warum nicht also auch für Werder in Leverkusen?

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