Der Japaner ist jetzt der Fixpunkt bei Werder

Der neue Kruse heißt Osako

Florian Kohfeldt erlebt gerade den besten Yuya Osako, den Bremen je gesehen hat. Der Japaner blüht in der Kruse-Rolle förmlich auf und ist nun gesetzt. Auch seine Mitspieler staunen...
06.08.2019, 14:05
Lesedauer: 5 Min
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Von Jean-Julien Beer
Der neue Kruse heißt Osako
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Im Grunde war es ein typischer Baumann. Dennoch blieb die Szene vielen Beobachtern in Erinnerung, weil sie so surreal wirkte. Es geschah Ende Mai, in einer für Bremer Verhältnisse sehr hektischen Phase. Max Kruse hatte den Verein gerade verlassen, und alle fragten sich, wie Werder den Verlust seines besten Angreifers wohl auffangen würde. Die Fragen nahmen an Schärfe zu, als auch nach Tagen noch kein entsprechender Neuzugang mit Top-Qualität verpflichtet war. Und Frank Baumann? Der stellte sich beim Freundschaftsspiel in Oldenburg vor die Kameras und sagte diesen Satz: „Vielleicht haben wir den Kruse-Ersatz ja schon längst verpflichtet.“ Werders Sportchef lächelte, und man fragte sich zwangsläufig: Sollte es ein Scherz sein? Oder weiß da jemand mehr?

Inzwischen ist klar, was Baumann damals meinte. Oder besser: an wen er dachte. Seine Gedanken kreisten schon da um Yuya Osako. Nur wollte das niemand bei Werder damals so offen sagen, wohl auch, um den introvertierten Japaner nicht mit dem Etikett „Kruse-Nachfolger“ zu belasten. Der Plan ging auf. Osako startete fit wie nie in die Saisonvorbereitung und ist als neuer Fixpunkt in der Bremer Offensive gesetzt. „Darüber gibt es überhaupt keine Diskussion“, betont Florian Kohfeldt. Der Trainer erlebte in der Saisonvorbereitung einen Osako, wie ihn Bremen noch nicht sah. „Man merkt, dass er zum ersten Mal seit langer Zeit Urlaub hatte, er ist frisch und frei“, freut sich Kohfeldt, „außerdem weiß er inzwischen viel besser, wie wir Fußball spielen wollen. Auch das ist ein großer Vorteil.“

„Das ist seine Idealposition“

Kohfeldt findet es zwar immer noch schade, dass Kruse den Verein verlassen hat, das betont er ausdrücklich. „Aber dass Max weg ist“, betont er, „gibt uns viel mehr Variabilität. Die Folgen sieht man bei Yuya Osako extrem. Wo er jetzt spielt, hat sonst Max gespielt. Und das ist nun mal seine Idealposition. Dieses Entgegenkommen, Bälle festmachen und Aufdrehen – da ist er einfach überragend.“

Diese Klasse soll und muss Osako nun als zentrale Figur des Bremer Angriffs einbringen. Kohfeldt war schon zu dessen Kölner Zeiten ein Fan des japanischen Nationalspielers, auch Baumann und sein Scoutingteam entschieden sich vergangenen Sommer sehr bewusst für Osako, weil der als eine Art „Freigeist“ hinter der einzigen Spitze Anthony Modeste für wichtige Akzente in Köln gesorgt hatte. Der Bremer Modeste heißt Niclas Füllkrug, auch hier soll Osako nun etwas versetzt hinter dem Mittelstürmer agieren, um schnell in den Strafraum zu passen oder selbst torgefährlich zu werden. Japans „Fußballer des Jahres“ bringt aber auch alles mit, um selbst als vorderste Spitze anzugreifen; sein Kopfballspiel und die Kaltschnäuzigkeit im Abschluss haben sich deutlich verbessert.

Sahin fragt: „Weiß er, wie gut er ist?“

Was auch notwendig war. Schon beim 1. FC Köln gab es keine Bedenken wegen seiner fußballerischen Begabung, jedoch erwarb sich Osako dort den zweifelhaften Ruf, ein Trainingsweltmeister zu sei, den Ball im Spiel aber in entscheidenden Situationen knapp am Tor vorbei zu schießen. Werder, das ist kurz vor dem Pflichtspielstart im Pokal gegen Delmenhorst und in der Liga gegen Düsseldorf klar, braucht jetzt Tore, gerade in der Nach-Kruse-Ära; ob Osako sie selbst schießt, sie vorbereitet oder durch einen genialen Pass einleitet, ist egal. Hauptsache wird sein, er macht es.

In der Mannschaft sind sie nach den jüngsten Eindrücken beruhigt. Obwohl der beste Torjäger nicht mehr da ist, scheint der Angriff nicht Werders problematischster Mannschaftsteil zu sein. Und das hängt vor allem an Osako, der sich im Training plötzlich mit einer solchen Wucht und Raffinesse einbringt, dass man ihn kaum wiedererkennt im Vergleich zu seinem mühsamen ersten Jahr in Bremen, als ihn die Nachwehen der Weltmeisterschaft und eine Verletzung beim Asiencup spürbar zurück warfen. Jetzt staunt selbst ein Mann wie Nuri Sahin, der bei Borussia Dortmund, Real Madrid und in Liverpool starke Mitspieler erlebte: „Ich frage mich, ob Yuya eigentlich weiß, wie gut er ist.“ Sahin glaubt, dass Osako in diesen Tagen „so langsam selbst merkt, dass er für uns ein sehr sehr wichtiger Spieler ist. Ich bin sicher, dass Yuya uns allen viel Spaß machen wird. Er wird unserem Spiel sehr gut tun.“

Osako statt Kruse: So ändert sich das Spiel

Natürlich weiß auch Sahin, dass „wir durch den Abgang von Max Kruse 22 Scorerpunkte verloren haben, aber Osako ist ein fantastischer Spieler, das sieht man in dieser Vorbereitung. Von ihm erwarte ich ganz viel.“ Der langjährige türkische Nationalspieler läuft mit offenen Augen durch den Profi-Alltag, er beschäftigt sich mit den Zusammenhängen. Deshalb war dieser Bremer Sommer spannend für ihn, diese Veränderung im Spiel von Kruse zu Osako. „Ich rechne Max hoch an, dass er sich mit so vielen Toren und Vorlagen in seiner letzten Saison verabschiedet hat“, erklärt Sahin, „Max hatte eine sehr hohe Qualität, füllte die Rolle aber anders aus als Yuya Osako.“ Mit Kruse, der sich tief fallen ließ, habe Werder oft Überzahl im Mittelfeld gehabt, „aber eher in der zweiten Zone. Mit Yuya haben wir die Überzahl eher in der dritten Zone, unser Spiel hat sich also verändert“, erklärt Sahin. Nun sei „der Fixpunkt Kruse“ raus aus Werders Spiel, „und das bringt uns andere Optionen und verändert das Spiel“, meint Sahin, „vergangenes Jahr war es schon so, dass man sehr oft Max mit dem ersten Pass gesucht hat, um über ihn das Spiel zu eröffnen. Jetzt haben wir auch andere Facetten im Spiel.“

Bei Osako ist es jedoch ein wenig so wie beim Spiel des FC Barcelona: Je genauer man hinschaut, desto besser wird man unterhalten. Viele seiner Aktionen sind für Kohfeldt der pure Genuss, auf weite Teile des Publikums macht Osako oft keinen nachhaltigen Eindruck. „Ich weiß, dass er in der Öffentlichkeit manchmal anders gesehen wird“, sagte Kohfeldt nach dem 0:0 im Test gegen Everton, „aber ich fand Osako wieder überragend. So eine Vororientierung, das ist ja Wahnsinn, wie der sich anbietet und das Spiel verlagert.“ Kohfeldt schnalzte dabei mit der Zunge; wenn Osako die starken Eindrücke aus der Sommervorbereitung nun in den Pflichtspielen bestätigt, werden das auch die Zuschauer machen.

Baumann darf sich bestätigt fühlen

Sahin spricht bei aller Wertschätzung von einer „positiven Energie“, die sich daraus entwickeln könne, „wenn eine auf und neben dem Feld so dominante Figur wie Max Kruse einen Verein verlässt“. Bei Osako sieht man das, er geht mit einer völlig anderen Ausstrahlung ans Werk.

Einen freut das besonders, wenn auch im Stillen: Frank Baumann. Sein mit Kohfeldt ausgetüftelter Plan, mit Spielertypen wie Osako, Füllkrug, Milot Rashica, Claudio Pizarro und Josh Sargent eine sehr variable Offensive zu formieren, scheint aufzugehen. Bereits im Vorjahr, so betont der Sportchef, habe Werder zu den Teams mit den meisten Torschützen gehört, was die Variabilität im Kader belege. Mit der Erfahrung aus einer langen, internationalen Profi-Karriere meint Baumann: „Es war nicht so schwer, zu erkennen, dass wir die Typen für eine solche Spielweise haben.“ Wieder grinst er. Typisch Baumann.

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