Das Köln-Spiel in der Analyse

Der Paradigmenwechsel geht schief

Florian Kohfeldt versucht es im letzten Spiel des Jahres mit einer völlig neuen Ausrichtung. Das Experiment dürfte allerdings nicht nur wegen des ausbleibenden Erfolgs einmalig bleiben.
22.12.2019, 12:16
Lesedauer: 6 Min
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Von Stefan Rommel
Der Paradigmenwechsel geht schief

Florian Kohfeldts Plan ging in Köln nicht auf.

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Florian Kohfeldt hatte ein paar Änderungen angekündigt und hielt Wort: Werders Trainer tauschte im Vergleich zum 0:5-Untergang gegen Mainz auf drei Positionen. Michael Lang, Nuri Sahin (beide Bank) und den gesperrten Leo Bittencourt ersetzten Marco Friedl, Philipp Bargfrede und Benjamin Goller. Auf der Gegenseite nahm Markus Gisdol nur einen Wechsel vor: Kingsley Ehizibue verdrängte Benno Schmitz aus der Startelf.

Wichtiger als die personellen Wechsel war allerdings Kohfeldts grundsätzliche Herangehensweise an die Partie. Werder agierte gegen den Ball in einem 5-2-3 gegen das Kölner 4-2-3-1, mit Milos Veljkovic, Niklas Moisander und Friedl in der Innenverteidigung, Maximilian Eggestein als rechtem und Ludwig Augustinsson als linkem Flügelspieler. Die Doppel-Sechs übernahmen Bargfrede und Davy Klaassen, davor besetzten Goller und Milot Rashica die Halbpositionen und Yuya Osako den Angriff. Im eigenen Ballbesitz sollte Werder in ein 3-4-3 mit einer in der Regel besetzten Zehnerposition auffächern - nur hatte die Mannschaft in den ersten 20 Minuten so gut wie nie den Ball.

Zentrum dicht

Kohfeldt hatte sich nach der Gegentorflut in den letzten Spielen dazu entschieden, aus einer besonders tiefen Position zu verteidigen und dem Gegner dabei zunächst den Ball zu überlassen. Werders Pressing begann erst auf Höhe der Mittellinie, so tief hatte die Mannschaft in dieser Saison noch gar nicht verteidigt. Die beiden „halben“ Zehner Rashica und Goller sollten die Kölner Schaltzentrale im defensiven Mittelfeld kontrollieren, was auch ganz gut funktionierte. Weder Shkiri noch Hector hatten besonders viele Ballaktionen, Shkiri verschwand als tiefer Sechser oft genug im Deckungsschatten der Bremer Zehner, Hector rückte deutlich weiter auf und versuchte sich vor den Bremer Sechsern oder auch mal in der letzten Linie anspielbar zu machen. Der starke Bremer Fokus auf das Zentrum versperrte aber alle Passwege, stattdessen musste Köln schon früh über die Flügel aufbauen, wo Werder den Gegner in klarer Überzahl (Flügelverteidiger, ballnaher Innenverteidiger, ballnaher Sechser und rückwärts pressender Zehner) dann gut stellen und die Angriffe abklemmen konnte.

Überhaupt war der defensive Plan schon sehr auf den Gegner zugeschnitten, immerhin hatte Köln unter Gisdol zuletzt zwar starke Ergebnisse eingefahren, in den Spielen aber weiterhin große Probleme im Ballbesitz- und Positionsspiel gezeigt. Werder ging also das kalkulierte Risiko ein, dem Gegner lange den Ball zu lassen. Aus dieser sehr kompakten Position sollte es eigentlich über schnelle Umschaltmomente nach vorne gehen, mit den flinken Rashica und Goller standen dafür auch zwei perfekte Spieler auf dem Platz. Allerdings war das Bremer Passspiel einmal mehr eine mittlere Katastrophe und der Weg zum gegnerischen Tor sehr weit. Werder kam erst gar nicht in die gewünschten Umschaltmomente, weil das eigene Spiel zu fehlerbehaftet war und Köln sich auch nicht locken ließ.

Die Idee allein reicht nicht

Stoisch und ruhig spulten die Gastgeber ihr Pensum ab und lauerten ihrerseits auf ihre Chancen. Immer mal wieder streute der FC dazu auch lange Bälle an oder hinter die letzte Bremer Linie ein. Zur Gegnerbindung wurde dafür viel Personal in der höchsten Linie abgestellt, um dann auch mal aus tieferen Positionen Spieler einlaufen zu lassen, etwa die Außenverteidiger. Das hatte zwei Effekte: Einerseits konnte Werder sich nicht sicher sein und auch mal etwas forscher auf einen Ball herausrücken, musste stattdessen immer auch auf einen Tiefenball gefasst sein. Und andererseits konnte der FC dadurch das eigene Risiko eines Ballverlusts in einer gefährlichen Zone fast gänzlich minimieren und stattdessen immer wieder auf zweite Bälle vor dem Bremer Tor gehen.

Außerdem zeigte sich schnell, dass Werders Idee mit einem zusätzlichen Spieler in der letzten Linie zwar gut war, die Umsetzung aber durchaus problematisch. Die Kommunikation der Spieler untereinander war schlicht mangelhaft. Einmal ging das nach einem eigentlich simpel zu verteidigenden Ball fast schon schief, als sich Eggestein und Veljkovic nicht einig waren. Wenig später war es dann aber so weit, als wieder der sich zum heimlichen Spielmacher aufschwingende Czichos ohne Druck einen tiefen Ball spielen konnte und Drexler sauber einlief. Diesmal war die Übergabe zwischen Friedl und Moisander nicht sauber, Veljkovic schaltete auf den eigentlich erwartbaren Querpass plötzlich ab und Köln kam aus dem Nichts zu einem besonders billigen Tor.

Kein Torschuss und ein Rückstand

Die zwischenzeitlich gerade einmal zehn bis 15 Prozent Ballbesitz erhöhte Werder zwar bis zur Pause auf „immerhin“ 34 Prozent, aber auch das war immer noch ein sehr aussagefähiger Wert für den Paradigmenwechsel, den Kohfeldt versuchte. Werder hatte in der ersten Halbzeit trotz aller Beteuerungen im Vorfeld auf die falschen Pferde gesetzt: In den direkten Duellen war Köln bissiger und schnappte sich auch deshalb die Mehrzahl der umkämpften (zweiten) Bälle. Werder hatte weder Ballbesitz, geschweige denn Torchancen, nicht mal einen einzigen Torschuss. Und trotz des Verzichts auf einige ihrer größten Stärken zugunsten einer massiveren Defensive lag die Mannschaft zurück.

In der ersten Halbzeit wagte sich Werder im Pressing immer weiter nach vorne und verlegte seine Anlaufhöhe nach dem Wechsel dann im Vergleich zum Spielbeginn um gute 25 bis 30 Meter nach vorne. Nun attackierte die Mannschaft im Wechsel zwischen hohem Mittelfeld- und Angriffspressing und hatte schnell besseren Zugriff mit der Folge, dass Werder endlich auch mal länger den Ball hatte. Nun zog sich Köln tiefer zurück und es entwickelte sich im Prinzip ein baugleiches Spiel wie in der ersten Halbzeit, nur halt mit verteilten Rollen.

Etwas mehr Zug mit Pizarro

Werder versuchte es in der Offensive mit breiteren Angreifern, Rashica wich sehr oft weit auf den linken Flügel aus, und wollte die mit Verlagerungen entweder über die Halbverteidiger oder einen der Sechser ins Spiel bringen, auch die Flügelverteidiger rückten dazu deutlich weiter auf. Funktionierte dies nicht, wurde Osako mit einem langen Ball gesucht, den dieser in die Tiefe verlängern sollte. Werder hatte ein paar nette Ansätze, aber keine zwingenden Chancen, Köln stellte sein Offensivspiel fast vollkommen ein und vertraute in der Spitze auf Cordoba, der tatsächlich Bälle sehr stark abschirmen oder Freistöße und Einwürfe rausholen konnte. Torgefährlich waren die Gastgeber aber gar nicht mehr.

Kohfeldt musste Mitte der zweiten Halbzeit reagieren, als sich Augustinsson verletzte, und brachte Fin Bartels. Der reihte sich aber nicht wie erwartet ganz vorne ein, sondern sollte aus einer tieferen Position und ohne direkten Gegenspieler mit seinen schnellen Läufen auf die Kölner Abwehr draufgehen. Werder baute dafür die Abwehrkette um und spielte im 4-3-3, mit Bartels auf der Acht. Zehn Minuten später und mit Pizarros Einwechslung für den verletzten Veljkovic dann die erneute Umstellung, wieder zurück auf eine Dreierkette flankiert mit Goller als linkem und Bartels als rechtem Flügelspieler und Pizarro hinter Osako und Rashica auf der Zehn. Eine Minute später kam noch Johannes Eggestein für Bargfrede und ersetzte den auf dessen Position. Und plötzlich war zehn Minuten vor dem Ende Zug drin.

Ein einmaliger Ausflug

Mit Pizarro war ein wuchtiger Kopfballspieler auf dem Feld, der bei Flanken und hohen Bällen in die Spitze wertvoll wurde, drumherum hatte Werder nur noch Offensivspieler, die entsprechend immer wieder mit nach vorne stießen. Gisdols letzte Reaktion darauf war Teroddes Einwechselung, der im Anlaufen nochmal etwas mehr Aggressivität einbringen sollte. Die vielen langen Schläge von Pavlenka in den letzten Minuten sicherte der zurückfallende Shkiri doppelt mit ab, sodass die Gastgeber auch die lange Nachspielzeit relativ problemlos überstanden.

Kohfeldt versuchte am letzten Spieltag vor dem großen Reset eine völlig neue Spielausrichtung, um unbedingt und ungeachtet jeglicher sportlicher Entwicklung zu punkten. Nicht nur weil das misslang, sondern weil die Spielweise gerade in der ersten Halbzeit nichts mit dem zu tun hat, was diese Mannschaft an sich kann und wie sie dafür zusammengestellt ist, dürfte es bei diesem einmaligen Ausflug bleiben. Das sollte auch die Marschroute für die Rückrunde sein: Der Akzent im Abstiegskampf kann nicht nur auf „Kampf“ liegen. Die Wahrscheinlichkeit, die nötigen Siege einzufahren, erhöht sich mit offensivem Fußball auf Strecke signifikant.

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