Die Welt bei Werder: Lee und Südkorea

Der Pizarro des fernen Ostens

Werders Geschichte ist geprägt von Spielern aus aller Welt. Mein Werder wirft einen Blick auf den Globus und beleuchtet besondere Länder und Charaktere mit Bremen-Bezug. Diesmal: Südkorea und Dong-guk Lee.
27.02.2019, 07:16
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Benjamin Born
Der Pizarro des fernen Ostens
Collage: imago/Wikimedia Commons

Südkorea ist flächenmäßig nicht einmal ein Drittel so groß wie Deutschland, gehört mit immerhin 51,7 Millionen Einwohnern aber trotzdem zu den 30 bevölkerungsreichsten Ländern der Erde. Knapp die Hälfte der Menschen des Landes lebt im Großraum der Haupstadt Seoul. Der 1948 gegründete Staat sowie der nördliche Nachbar Nordkorea entstanden 1948 aus Chosen. So hieß Korea seit 1910, als es zu einer japanischen Kolonie wurde.

Diesen Teil der Geschichte seines Landes hat Dong-guk Lee nicht miterlebt. Er wurde am 29. April 1979 in Pohang geboren und fing als Elfjähriger bei den Pohang Steelers an, Fußball zu spielen. Mit 19 Jahren schaffte Lee den Sprung in die Herrenmannschaft des Vereins, der fünfmal südkoreanischer Meister wurde und somit zu den erfolgreichsten Klubs des Landes gehört. Dort und bei der südkoreanischen Nationalmannschaft machte sich der Stürmer einen Namen.

In der Serie „Die Welt bei Werder“ zeichnet Mein Werder die dank Lee bestehende Verbindung zwischen Bremen und Südkorea nach.

Überfordert mit dem deutschen Fußball

1998 ging es im Profi-Fußball steil bergauf für Lee. Er absolvierte sowohl seine ersten Spiele im Herrenbereich für seinen Heimatklub Pohang Steelers, als auch die erste Partie für die südkoreanische Nationalmannschaft – und das bei der Weltmeisterschaft in Frankreich gegen die Niederlande, als er in der 77. Minute eingewechselt wurde. Zwei Jahre später, beim Asien-Cup 2000, hinterließ der 1,87 Meter große Lee mit sechs Turniertoren einen so guten Eindruck, dass auch Werder auf den jungen Stürmer aufmerksam wurde. Im Januar 2001 wurde er zum Probetraining bei Werder eingeladen und anschließend bis zum Saisonende ausgeliehen.

In seiner Heimat hatte er bereits den Spitznamen „Lion King“ verpasst bekommen. Weil er schnell, groß und kräftig war und mit seinen langen Haaren auch eine „Mähne“ hatte, verglichen die Fans in Südkorea ihrem jungen Stürmer mit einem Löwen. Fans und Reporter in Südkorea hatten damals jeden seiner Schritte beobachtet, er galt schließlich als der kommende Superstar. Weil seiner Freundin und ihm das langsam unangenehm wurde, traf es sich gut, dass er vor all der Aufmerksamkeit nach Bremen „fliehen“ konnte, wo man sich einiges von dem talentierten, 21-jährigen Mittelstürmer erhoffte.

„Dynamisch, kopfballstark, mit viel Spielverständnis„, charakterisierte der damalige Sportdirektor Klaus Allofs den Stürmer. Thomas Schaaf fand ihn in der Athletik vergleichbar mit Bum-kun Cha, der einst als Asiens bester Fußballer galt, und hatte sogar einen Pluspunkt gegenüber dem einstigen Frankfurter Torjäger ausgemacht: „Bum-kun Cha hat mit unserer Sprache auch nach Jahren noch Schwierigkeiten gehabt, bei Lee bin ich da optimistisch“, wird Schaaf am 11. Januar 2001 im WESER-KURIER zitiert. Den Beleg dafür hatte der Cheftrainer gleich mitgeliefert: Als Schaaf sich am Tag zuvor mit „training tomorrow„ von dem neuen Hoffnungsträger verabschiedete, korrigierte der ihn schon auf Deutsch: „Morgen Training.“

Die Hoffnung auf einen mehrjährigen Vertrag nach der Leihe schwand dann aber innerhalb des kommenden Halbjahres. In sieben Einsätzen kam der Südkoreaner lediglich zu 128 Einsatzminuten. Trotz seiner Größe konnte sich der Rechtsfuß körperlich nicht durchsetzen und auch die Schnelligkeit des Fußballs in Deutschland überforderte ihn. Das Gastspiel war wieder beendet, der Weg führte Lee zurück in seine Heimat.

Noch ein Versuch in Europa

Lee spielte noch ein Jahr bei den Steelers in Pohang. In 89 Partien erzielte der Stürmer dort seit 1998 insgesamt 34 Tore. Eine noch größere Enttäuschung als seine Werder-Zeit dürfte für den damals 23-Jährigen die Nicht-Nominierung für die Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan gewesen sein.

Im Testspiel der südkoreanischen Nationalmannschaft gegen Deutschland am 19. Dezember 2004 tauchte Dong-guk Lee noch einmal auf dem Radar der deutschen Fußball-Fans auf: Beim 3:1-Sieg in Dusan erzielte der Ex-Bremer den Treffer zur 2:1-Führung. Das war drei Jahre nach seiner glücklosen Zeit bei Werder. Nach zwei Jahren bei Gwangju Sangmu Phoenix mit 51 Spielen und 15 Toren wechselte er zurück zu den Pohang Steelers, wo er bis 2007 nur 26 Spiele und immerhin zehn Tore machte.

2007 wagte Lee noch einmal den Versuch, in Europa Fuß zu fassen und wechselte zum FC Middlesbrough. Dort kam er bis 2008 immerhin 23-mal zum Einsatz. Ein Tor in der Premier League sollte ihm nicht glücken. Nach dem einjährigen Intermezzo in England kehrte Lee nach Südkorea zurück und spielte ein halbes Jahr für Seongnam Ilhwa Chunma, bevor er Anfang 2009 zu Jeonbuk Hyundai Motors wechselte. Dort spielt er mit 39 Jahren noch immer und entwickelte sich mit mittlerweile 144 Toren in 313 Partien zu einer Art Pizarro aus Fernost.

Fußballkultur in Südkorea

Fußball und Baseball sind die beiden beliebtesten Zuschauersportarten des Landes. Südkorea gehört bei den Asienmeisterschaften sowie auch bei den WM-Qualifikationsspielen regelmäßig zu den Favoriten. Seit 1986 ist die Nationalmannschaft des Landes bei jeder Weltmeisterschaft dabei gewesen. Der größte Erfolg war der vierte Platz bei der Heim-WM 2002. Bei diesem Turnier schmiss das Team, das damals von Guus Hiddink trainiert wurde, überraschend Spanien und Italien raus und scheiterte erst im Halbfinale mit einem 0:1 an Deutschland.

In Sachen Asienmeisterschaft herrscht seit den beiden Turniersiegen 1956 und 1960 die große Sehnsucht nach einem erneuten Titelgewinn. Erst zu Beginn diesen Jahres war in den Vereinigten Arabischen Emiraten im Viertelfinale Schluss für die Südkoreaner. Rekordnationalspieler ist Hong Myung-bo, der von 1990 bis 2002 insgesamt 136 Länderspiele absolvierte. Werders Ex-Spieler Lee ist in dieser Kategorie mit 105 Spielen immerhin Sechster. In Sachen Tore ist Lee sogar Dritter. 33 Treffer erzielte er.

Zu den bekanntesten Fußballern des Landes zählen jedoch andere. Aktuell dürfte Heung-min Son von den Tottenham Hotspurs der größte Star Südkoreas sein. Der 26-Jährige spielte zuvor beim HSV, der ihn aus Südkorea verpflichtete, und Bayer Leverkusen. Letzterer Verein war auch eine der Stationen von Bum-kun Cha. Von 1978 bis 1989 war der Stürmer für Darmstadt, Eintracht Frankfurt und eben Bayer aktiv und erzielte 98 Tore in 308 Spielen. Auch dessen Sohn Du-ri Cha sollte später unter anderem für Frankfurt in der Bundesliga spielen.

Einwohner Südkoreas: 51,7 Millionen (Stand 2018)

Fläche Südkoreas: 100.210 km² (Deutschland: 357.386 km²)

Höchste Liga: Hana Bank K League 1 (Zwölf Mannschaften)

Rekordmeister: Seongnam FC (sieben Titel)

Bekanntester Fußballer: Heung-min Son (Tottenham Hotspurs)

Zum Werder-Wiki über Dong-guk Lee geht es hier.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+