Klaassen verschiebt Werders Zielsetzungen Der Rekordmann

Mit der Verpflichtung von Davy Klaassen stößt Werder in jeder Beziehung in neue Dimensionen vor. Die Ablösesumme ist dabei nur ein Aspekt.
26.07.2018, 21:24
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Der Rekordmann
Von Marc Hagedorn

Die Profis des FC Everton waren am Donnerstag auf Dienstreise. Für den Traditionsklub aus der Premier League stand ein Testspiel beim Drittligisten Blackburn Rovers auf dem Programm. Ein Everton-Profi hatte den einstündigen Trip in den englischen Norden nicht mitgemacht: Davy Klaassen. Der holländische Nationalspieler war zwar auch auf Reisen, aber er nutzte ein Flugzeug und hatte ein anderes Ziel als die Kollegen: und zwar Bremen.

Werder hatte extra einen Privatjet gemietet, um Klaassen einfliegen zu lassen. Um kurz vor fünf landete die kleine Maschine am Flughafen, zwei Autos mit Werder-Mitarbeitern fuhren aufs Rollfeld vor, und Klaassen stieg ein. Eine knappe halbe Stunde später war Klaassen am Klinikum Links der Weser, um den obligatorischen Medizin-Check zu absolvieren.

Zwar wollte Werder den Transfer bis zum späten Abend noch nicht als perfekt vermelden, aber das ist nur noch Formsache.

Klaassen soll einen Vier-Jahres-Vertrag unterschreiben, Werder soll dafür zwischen 13 bis 15 Millionen Euro an den FC Everton überweisen, je nachdem wie erfolgreich sich die Partnerschaft zwischen Klaassen und Werder entwickelt. Werder stößt mit diesem Transfer in neue Dimensionen vor. Werder hat noch nie eine höhere Ablösesumme gezahlt. Bisher galten Marko Marin und die Brasilianer Carlos Alberto und Wesley sowie Max Kruse als die teuersten Verpflichtungen, sie kosteten um die acht Millionen Euro.

Kein Abstiegskampf mehr

Die Verpflichtung von Klaassen verschiebt nun sämtliche Koordinaten, an denen sich Werder in der nächsten Saison eigentlich orientieren wollte. Das offizielle Ziel lautet: Werder will mit dem Abstiegskampf nichts mehr zu tun haben. Mit dieser Zielsetzung, die sich nach der aktuellen Entwicklung verhältnismäßig bescheiden ausnimmt, wird Werder ab sofort aber vermutlich nicht mehr durchkommen. Und die Aussicht auf einen Platz im grauen Mittelfeld der Bundesliga-Tabelle dürfte auch nicht gereicht haben, um Klaassen einen Wechsel aus der Premier League nach Bremen schmackhaft gemacht zu haben. Im Gegenteil: Klaassen ist gekommen, um eine zentrale Figur bei dem Unterfangen zu sein, Werder wieder zu einer größeren Nummer in der Bundesliga zu machen.

Dass Werder überhaupt in die Lage gekommen ist, einen Transfer wie den von Klaassen in Betracht zu ziehen, hängt mit vielen Faktoren zusammen, die Werder gebündelt in die Karten spielen. Erstens: Werder hat in der vergangenen Saison mehr Geld eingenommen als erwartet. Allein der Sieg in Mainz am letzten Spieltag hat dem Klub vier Millionen Euro mehr an TV-Geld in die Kasse gespült. Zweitens: Werder hat Thomas Delaney für rund 20 Millionen Euro nach Dortmund verkauft. Das war um ein Haar auch ein Rekord, nur der Verkauf von Diego zu Juventus Turin 2009 brachte Werder einst noch mehr Geld ein. Von den Delaney-Millionen kann Werder einen Teil reinvestieren. Und drittens schließlich: Auch die persönliche Entwicklung Klaassens hat Werder bei der Verpflichtung geholfen.

Im vergangenen Sommer war der 25-jährige Mittelfeldspieler und damalige Kapitän von Ajax Amsterdam einer der begehrtesten Profis auf dem europäischen Transfermarkt. 27 Millionen Euro zahlte schließlich der FC Everton, um Klaassen, der 16 Länderspiele gemacht hat, zu holen. In England aber konnte sich der Vorzeigeprofi, der als laufstark, torgefährlich und mannschaftsdienlich gilt, zu keinem Zeitpunkt durchsetzen. Nur zu 16 Einsätzen kam Klaassen wettbewerbsübergreifend, dafür aber hatte er vier verschiedene Trainer innerhalb von nur zwölf Monaten.

Klarheit bei Everton

Dass der Transfer jetzt so sehr an Fahrt aufgenommen hatte, lag auch daran, dass der amtierende Everton-Trainer Marco Silva gern Klarheit darüber haben wollte, mit wie vielen Millionen Pfund extra er auf Einkaufstour gehen kann, bevor am 9. August in England das Transferfenster schließt. Zwar hatte zuletzt auch Evertons Liga-Rivale Huddersfield Town sein Interesse an einer Klaassen-Verpflichtung hinterlegt, aber damit keine Chance beim Spieler.

Stattdessen Bremen, Bundesliga statt Premier League. Während Klaassen sich am Donnerstag in Liverpool auf den Weg zu seinem Flieger machte, der ihn in seine neue Heimat bringen sollte, wurde Martin Harnik parallel dazu in Bremen schon einmal zu seinem künftigen Mitspieler befragt. „Er ist definitiv ein Spieler mit Qualität, der uns weiterhilft, wenn er denn kommt“, sagte Harnik. „Bockstark“ sei der Spieler mit einem „unglaublich starken Jahr in Amsterdam“.

Auch Harnik ist dem Reiz, den die Pläne mit einem Werder-Profi namens Davy Klaassen senden, erlegen. „Ein solcher Transfer hat Strahlkraft“, sagt Harnik. Aufsichtsratsboss Marco Bode drückt sich ähnlich aus: "Wenn das so kommt, dann wäre das ein Signal, was wir für Ambitionen haben." Ein Signal an die Konkurrenz, die zur Kenntnis nehmen muss, dass Werder sich wieder mehr vornimmt. Ein Signal auch für die Fans, deren Vorfreude auf die neue Saison steigt, ähnlich wie das vor zwei Jahren bei den mutigen Verpflichtungen von Max Kruse und Serge Gnabry der Fall war. Zwar startete Werder – wie man heute weiß – dann doch nicht wie gewünscht durch. Aber Cheftrainer Florian Kohfeldt ist der erste Trainer seit Thomas Schaaf, der die Zutaten beisammen hat, um erfolgreichen Fußball spielen zu lassen.

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