Schlechte Werte als Ansporn für Werder

Der Schlüssel zu mehr Siegen

Rein statistisch spielt Werder in vielen Belangen eine schlechte Saison. Doch Sportchef Frank Baumann weiß: „Wir brauchen Siege, egal wie.“ Diese Erfolge sollen vor allem durch eine stabilere Abwehr gelingen.
20.11.2019, 09:56
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer
Der Schlüssel zu mehr Siegen

Sie wollen die Statistiken verbessern: Werders Trainer Florian Kohfeldt und Sportchef Frank Baumann haben vor allem die Defensive im Blick.

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Der SV Werder ist bekannt für seine Fußball-Philosophen. Otto Rehhagel, Thomas Schaaf, an guten Tagen auch Ailton – sie alle verstanden es blendend, die komplizierten Wahrheiten des Fußballs in schlichte, aber nachhaltig wirkende Sätze zu kleiden. In diesem tristen Herbst, in dem die Gegentore wie reife Früchte fallen, sagt nun Frank Baumann: „Wenn man zu null spielt, kann man zumindest schon mal nicht verlieren.“ Ob er sich diesen Satz von Schaaf oder Rehhagel abgeschaut hat? Werders Manager lacht bei dieser Frage, wiegelt aber ab: „Das ist wohl eher eine allgemeingültige Fußballweisheit.“

Aber sie trifft Werders Kernproblem in dieser bisher enttäuschenden Saison genau. Nicht ein einziges Mal blieb die Mannschaft von Trainer Florian Kohfeldt ohne Gegentor, nicht mal in den Pokalspielen gegen unterklassige Gegner wie Heidenheim oder Atlas Delmenhorst. Von daher überrascht es nicht, dass Werder seit sieben Bundesliga-Spielen auf einen Sieg wartet. Den letzten Erfolg gab es am 14. September durch ein 2:1 bei Union Berlin. „Ein Schlüssel für Siege und mehr Punkte ist, weniger Gegentore zu kassieren“, sagt Frank Baumann, und auch Florian Kohfeldt sieht eine konsequentere Defensive als Basis für mehr Punkte: „Zwei Tore schießen wir fast immer. Aber die müssen auch mal für einen Sieg reichen.“

Die „Standard-Woche“ im Training

Werder häufte zuletzt eine ganze Reihe schauriger Zahlen an, auch ein paar überraschende. Die Länderspielpause wurde nun auch vereinsintern genutzt, sich genauer mit diversen Statistiken zu befassen, um die eigene Wahrnehmung zu überprüfen und Rückschlüsse für den Trainingsablauf zu ziehen. Auch deshalb läutete Kohfeldt nun eine „Standard-Woche“ ein, was in diesem Fall aber das Gegenteil einer normalen Woche bedeutet. Nach gegnerischen Ecken und Freistößen brannte es im Bremer Strafraum zuletzt lichterloh, elf Standard-Gegentore nach elf Spieltagen sind ein trauriger Höchstwert in der Liga – und auch für Werder nicht üblich. Zum Vergleich: Vergangene Saison kassierte das Team in 34 Spielen „nur“ 14 solcher Gegentore. Nun ließen vor allem individuelle Fehler die Gegner jubeln, auch deshalb ist Werder in der Bundesliga länger sieglos als jeder andere Verein. Nur fünf der möglichen 21 Punkte gewann Bremen an den vergangenen sieben Spieltagen: Das ist die Bilanz eines Absteigers.

Die vielen Verletzten in der Abwehr trugen natürlich zur Defensivschwäche bei, deren Ausmaß jedoch verblüfft. Im Quervergleich haben nur drei Teams noch mehr Torchancen zugelassen, nämlich die Abstiegskandidaten Paderborn, Mainz und Augsburg. Die Abwehrschwäche führte dazu, dass Werder in der Hinrunde schon sieben Mal im Rückstand lag und dann keines dieser Spiele mehr gewann (drei Unentschieden, vier Niederlagen). Mit 24 Gegentoren stellt Werder zudem die drittschlechteste Defensive der Liga, nur Mainz und Paderborn kassierten noch mehr Gegentreffer. Auch wenn ein erstes Spiel ohne Gegentor schon am Wochenende gegen Schalke die Aussicht auf Erfolg erhöhen würde, will es Baumann darauf nicht beschränken: „Wir brauchen Siege, egal wie. Ein 4:2 würden wir so nehmen wie ein 1:0. Ob Defensive oder Offensive – die ganze Mannschaft ist in beide Richtungen gefordert.“

Spektakel wie sonst nirgends

Apropos beide Richtungen: Für die Zuschauer bietet Werder aktuell ohnehin beste Unterhaltung, denn es geht vor beiden Toren gefährlicher zu als bei jedem anderen Klub der Liga. 76 eigenen Torchancen stehen laut „kicker“-Datenbank 75 gegnerische gegenüber. Und hier zeigt sich schon das nächste Problem: Nur die Topteams Bayern (99) und Gladbach (82) erspielten sich noch mehr Chancen als Werder, doch Kohfeldts Angreifer nutzten nur 23,7 Prozent davon zu Toren. Damit stehen die Bremer in der Tabelle der Chancenverwertung auf Platz 14. Am Fehlen von Torjäger Max Kruse liegt das nicht: Der hatte vergangene Saison nach elf Spieltagen nur zwei Tore geschossen, was Niclas Füllkrug nun sogar trotz Kreuzbandrisses schaffte.

Auffällig ist die Heimschwäche: Nur zwei Siege im Weserstadion an den ersten elf Spieltagen der vergangenen Saison, diesmal sogar nur ein einziger (3:2 gegen Augsburg): Die Gegner haben zum Saisonstart wenig zu befürchten. „Auch vergangene Saison hatten wir zu Beginn Probleme, einen Vorsprung über die Zeit zu retten“, sagt Baumann dazu, „das Heimspiel am dritten Spieltag gegen Nürnberg war so ein Fall. Die Heimschwäche ist aber kein grundsätzliches Problem, vergangene Saison haben wir die Heimbilanz im Laufe der Spieltage deutlich verbessert.“

Die Lösung: Ein größerer Vorsprung...

Dass Werder zu oft einen Vorsprung wieder hergibt, ist hingegen ein grundsätzliches Problem. Schon acht Mal lag Kohfeldts Team in Führung, holte in diesen Spielen aber nur elf Punkte (zwei Siege, fünf Remis, zwei Niederlagen). „Es geht deshalb auch darum, einen noch größeren Vorsprung herauszuspielen“, fordert Baumann, „die Chancen dazu waren oft genug da.“ Die Datenbanken spucken noch weitere Fakten aus, die Werder zu denken geben sollten. So fielen elf der 23 Gegentore jeweils in den ersten 15 Minuten einer Halbzeit. Werder glückte trotz 32 Einwechslungen noch kein Joker-Tor, nicht mal eine Torvorlage; auch das ist der schlechteste Wert der Liga. Vergangene Saison waren es noch 14 Jokertore, der zweitbeste Wert hinter Dortmund. Und niemand bekam mehr Elfmeter als Werder, nämlich vier, aber die Hälfte wurde verschossen.

Es gibt auch eine simple Wahrheit, die Werder plagt: Ohne Niclas Füllkrug, der sich im September das Kreuzband riss, gewann die Mannschaft kein Bundesligaspiel mehr. An den einzigen Saisonsiegen zuvor gegen Augsburg und Union war der Stürmer entscheidend beteiligt. „Niclas ist ein wichtiger Spieler, aber wir werden auch ohne ihn Spiele gewinnen“, betont Baumann, „wir hatten auch in den Spielen, die er verletzt war, die Chance zu gewinnen. Aber Niclas fehlt uns trotzdem als Typ. Dafür können nun andere Spielertypen ihre Qualitäten auf dem Platz einbringen.“ Die sind nun gegen Schalke gefragt, mal wieder für positive Werder-Fakten zu sorgen.

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