Tragische Geschichte des Keepers jährt sich Der schwärzeste Tag in Rülanders Karriere

Am 14. November 1981 passierte Historisches: Werder ging bei Eintracht Frankfurt 2:9 unter. Besonders tragisch war die Geschichte von Torwart Hermann Rülander, der diesen Tag nie vergessen wird.
14.11.2018, 11:56
Lesedauer: 6 Min
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Von Simon Wilke

Das Profigeschäft sei hart und grausam, sagte Otto Rehhagel einmal. Hermann Rülander hat das erfahren. Er war Torwart bei Werders 2:9-Niederlage in Frankfurt, damals am 14. November 1981. Was für Werder die bis heute höchste Niederlage der Bundesligageschichte ist, bedeutete für Rülander das Ende seiner Profikarriere.

Heute wohnt Hermann Rülander in Papenburg, gute 100 Kilometer westlich von Bremen. Dort, auf dem „platten Land“, wo man im Radio niederländische Sender empfängt, arbeitet er als Versicherungskaufmann. In seinem Büro steht ein Schreibtisch, der Platz bieten würde für eine Fußballmannschaft, trotzdem gibt es nur drei Stühle. Einen für Rülander, zwei für Gäste. Neben der Tür hängen gerahmte Fotos, zum Teil in Schwarz-Weiß und an den Rändern leicht gewellt. Darauf zu sehen: kleine Dorfplätze und große Stadien, der SV Meppen und der SV Werder.

Immer im Bild: die Nummer eins im Tor, ein 21-Jähriger mit Bartansatz und blondem Haar, vorne kürzer als hinten. Auf einem Bild steht neben dem Torwart die Nummer zehn aus Barcelona, mit schwarzen Locken und fast einen Kopf kleiner. Es sind Hermann Rülander und Diego Maradona. Es war bloß ein Testspiel damals, aber selbst die „Heute“-Nachrichten berichteten im Anschluss darüber, wie Maradona sein erstes Tor auf europäischem Boden geschossen hatte. Gegen den SV Meppen, gegen Hermann Rülander. Nur ein knappes Jahr nach dem Tag, den er „den schwärzesten“ seiner Karriere nennt.

„23.000 Zuschauer im Frankfurter Waldstadion erlebten am 14. Spieltag ein Schützenfest ihrer Mannschaft, das darin gipfelte, dass eine Viertelstunde vor Schluss der entnervte Bremer Torwart Rülander seinen Arbeitsplatz verließ und Robert Frese ins Tor musste. Dabei hatte es für den Tabellenvierten aus Bremen so gut angefangen.“

Rülander wächst mit drei älteren Schwestern im ostfriesischen Burlage auf. Die Mutter ist alleinerziehend, seit ein betrunkener Autofahrer in die Baustelle fuhr, auf der sein Vater gerade arbeitete. In Burlage gibt es für Heranwachsende nicht viel Abwechslung. Wer nicht zur freiwilligen Feuerwehr geht, spielt Fußball. Schon früh steht Rülander im Tor der Jugendmannschaft des SV Burlage. Bald folgen Probetrainings, Auswahlmannschaften, das Sichtungsturnier in Duisburg-Wedau, wo auch heute noch die verschiedenen DFB-Landesverbände die beste Auswahlmannschaft der jeweiligen Altersklasse ausspielen. Dann kommen der Anruf von Rudi Assauer und die Einladung zum Vorspielen bei Werder.

Assauer wird zu Rülanders Ziehvater. „Ein alter Hanseat, obwohl er kein Bremer ist“, sagt er über Werders damaligen Manager. Assauer bringt den 15-Jährigen in Werders Jugendinternat unter, zusammen mit Gunnar Sauer und Hans-Jürgen Bargfrede. „Eine total geile Zeit“ sei das gewesen, aber „von meiner Mama damals gar nicht so gewollt“. Bremen war weit weg vom beschaulichen Burlage. Assauer besorgt ihm einen Ausbildungsplatz, denn: „Wenn du keine Ausbildung hast, wirste bei mir nichts.“ Also arbeitet Rülander vormittags und trainiert nachmittags, fünfmal die Woche. Mit 17 Jahren beordert Assauer ihn zu den Werder-Amateuren ins Tor, im DFB-Pokal gegen Koblenz. „Bei mir kannst du Profi werden“, sagt er.

„Aber jetzt begann die Show der Frankfurter, und das dunkelste Kapitel in der Karriere von Bremens Torwart wurde aufgeschlagen. Den Ball zum 1:1-Ausgleich legte sich der 20-Jährige gleich mal selbst ins Tor.“

Als Ersatzmann Albert Voß Werder im Sommer 1981 verlässt, wird Rülander zum neuen Vertreter von Nationaltorwart Dieter Burdenski befördert. Aber Einsätze? Nein, damit rechnet Rülander nicht. „Budde, der spielt sogar mit gebrochenem Bein“, denkt er damals. Doch im November, Werder spielt zu Hause gegen den FC Köln, bricht sich Burdenski in der 75. Minute den Oberkiefer – und spielt nicht weiter. „Ich war im Tunnel und habe das erst gar nicht richtig wahrgenommen.“

Für Köln spielen damals Toni Schumacher und Klaus Allofs. Und der Kölner Gerhard Strack, der bei einem Eckball plötzlich neben ihm steht. Als er sich zurückerinnert, wandert sein Blick langsam nach oben: „Ich dachte: Boah, du bist aber auch ganz schön groß.“ Köln, das sind damals auch Pierre Littbarski, Klaus Fischer und Rainer Bonhoff. Und Rülander, mit seinen 20 Jahren, mittendrin.

„Ronny Borchers erzielte das 2:1 in der 20. Minute. Burdenski-Vertreter Rülander, im Tor der Gäste, blieb ein Nervenbündel. Beim Schuss von Norbert Nachtweih hat er noch Glück. Das genau fehlt ihm aber bei der direkt anschließenden Ecke. Wieder Nickel – Nutznießer dieses Patzers ist Ronny Borchers, 3:1.“

Vor der nächsten Partie in Frankfurt steht der junge Torwart im Fokus von Trainer und Medien. Am Montag zitiert der WESER-KURIER Otto Rehhagel: „Frankfurt ist für Rülander die Stunde der Wahrheit. Danach weiß ich, ob er sich im Profigeschäft behaupten kann.“ Am Dienstag meldet sich Burdenski zu Wort: „Hermann ist talentiert, er kann sich profilieren. Ich war damals 19, als sich Norbert Nigbur verletzte und ich bei Schalke ins Tor musste.“ Am Donnerstag titelt die „Bild“: „Rülander macht sich schick für Frankfurt“. Zwei Tage vor dem Spiel wird Rülander in seinem Auto angefahren. Das Auto ist Schrott, aber er hat Glück und bleibt unverletzt.

„Noch vor der Pause vollendete Borchers seinen Hattrick. Das 4:1, leicht abgefälscht, war dann unhaltbar.“

Hermann Rülander springt aus seinem Bürostuhl. „Ich habe das Spielfeld vor mir, links Jonny Otten. Ich habe den Ball auf meiner rechten Seite und will ihn quer zu ihm rüberwerfen.“ Rülander scheint einen Ball abwurfbereit in seiner rechten Hand zu halten, die linke zielt auf Otten, der in Frankfurt links vor ihm verteidigt. „Im letzten Moment sehe ich, wie ein Frankfurter plötzlich aus dem Schatten eines unserer Spieler tritt. Ich hatte den gar nicht gesehen. Ich kriege den Ball gerade noch so nach unten...“ Rülander dreht den Oberkörper, seine Hand schnellt nach vorne, dreht sich im letzten Moment noch um das imaginäre Spielgerät und ändert dessen Flugbahn. Statt zu Otten fliegt der Ball damals zur Seitenlinie. „Das passiert hinterher noch siebenmal in deiner Karriere, aber da sah es scheiße aus. Und deine Jungs fragen sich: Mensch, was passiert hier heute?“ Eine Szene, stellvertretend für ein ganzes Spiel.

„Flanke von Okudera, Uwe Reinders verkürzt auf 2:4 und es waren noch fast 30 Minuten zu spielen. Doch sollte sich Bremen Hoffnungen gemacht haben, beendete Norbert Nachtweih in seinem hundertsten Bundesligaspiel diese mit diesem herrlichen Schuss zum 5:2 in der 71. Minute.“

Am Montag nach der historischen Niederlage liest Rülander seinen Namen erneut in allen Zeitungen. Und auch, was seine Mitspieler damals über ihn sagen: „Zum Glück wissen die Frankfurter nicht, was mit unserem Torwart ist“, meint Erwin Kostedde vor dem Spiel, und hinterher: „Schuld sind die, die ihn zum Profi gemacht haben. Hermann war überfordert.“ Nachmittags ruft ein Mann auf der Bremer Geschäftsstelle an. Diese Niederlage, fragt er, könnte die vielleicht etwas damit zu tun gehabt haben, dass er dem Torwart vor einigen Tagen ins Auto gekracht war? Die Sportliche Leitung ist überrascht, denn Rülander hatte den Unfall nicht erwähnt. Rehhagel fragt seinen Torwart, ob ihn der Unfall beeinträchtigt habe. Aber Rülander schüttelt seinen Kopf. „,Trainer, da ist nichts zurückgeblieben‘, sagte ich. ,Aber ich habe gleich einen Termin mit der Presse, es wäre vielleicht ganz gut...‘, entgegnete Rehhagel. ,Ne, mir fehlt nichts.‘ Ich weiß nicht, ob er das gut fand.“ Es sollte das letzte Gespräch zwischen Trainer und Torwart sein, obwohl Rülander noch eine Zeit lang mit den Profis trainiert. Nicht als Torwart, von nun an ist er Rechtsverteidiger in der B-Elf.

Hermann Rülander weiß nun, wie hart und grausam das Profigeschäft sein kann und wie es sich anfühlt, knallhart aussortiert zu werden. Heute, hinter seinem Schreibtisch sitzend, sagt er, dass Rehhagel damals nicht der Mensch gewesen ist, den er gebraucht hätte. Jemand, der sich schützend vor einen stellt, „der vielleicht mal seinen Arm um dich legt und sagt: Achtung!“ Hermann Rülander beschließt, Bremen zu verlassen.

„Torwart Rülander wurde im Tor oft alleine gelassen. Er konnte einem schon ein wenig leidtun. 6:2, 74. Minute, wieder Norbert Nachtweih. Die Bremer Defensive wurde in ihre Einzelteile zerlegt. Frankfurt kam im Minutentakt zu Großchancen. 78. Minute, diesmal durfte auch Cha Bum ein Tor schießen – das 7:2. Jetzt nahm Otto Rehhagel seinen Torwart vom Platz.“

1982 wird er Torwart des SV Meppen, in der Oberliga-Nord. „Meppen, das war ein Glücksgriff für mich“, sagt er heute. Dort ist alles kleiner als in Bremen. Dort kennt und schätzt man ihn. Das Poster der „Jahrhundertelf“ des SVM hängt auch neben der Büro-Tür. Die elf Besten aus 100 Jahren Vereinsgeschichte. Im Tor: Hermann Rülander. Die Haare sind noch ­immer vorne kurz, hinten lang, aber aus dem Bartansatz ist mittlerweile ein Vollbart ge­worden. Heute ist der Bart ab. Die Haare sind kurz, auch hinten, gekämmt und aus dem Blond von damals ist ein helles Grau geworden. Neben den Augen zeichnen sich erste Falten ab, die Art, die man vom Lachen bekommt. Er habe Werder sehr viel zu verdanken, sagt er und drückt den Bremern deshalb bei jedem Spiel die Daumen. Rülander ist stolz auf seine Karriere. Geprägt aber hat ihn etwas anderes: „Wieder aufzustehen, nach einer Zeit, wo man nur draufbekommen hat. Das war sicher auch nicht so schlecht für mein weiteres Leben.“

(Kommentar-Einschübe: bundesliga.de)

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