Zurückgeblättert: 24. Juli 2004

„Der Stammplatzhirsch“

Seit 1963 spielt Werder in der Bundesliga, mehr als fünf Jahrzehnte, in denen sich im Fußball, bei Werder und in der Berichterstattung viel verändert hat. Wir zeigen die Originaltexte und Zeitungsseiten.
22.07.2019, 10:32
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Von (wkf)
„Der Stammplatzhirsch“
Weser-Kurier Archiv

Am 24. Juli 2004 schrieb der WESER-KURIER:

Vor ein paar Tagen war Paul Stalteri baff. Dem Fußball-Organ „kicker" musste ein Fehler unterlaufen sein. Zum ersten Mal stand er in der erwarteten Werder-Stammelf der kommenden Saison. In den Jahren zuvor war er dort nie aufgetaucht. Weil er, das Arbeitspferd in der Defensive, seinen Platz ohnehin an begabtere Neuzugänge verlieren würde. Erst an Magnin, dann Friedrich und schließlich Davala. Am Saisonende hieß Werders Feldspieler mit den meisten Einsätzen stets: Stalteri.

Manchmal ist ihm das selbst unheimlich. „Weil es die Rolltreppe für mich immer nur hoch ging", sagt Stalteri. Vor sieben Jahren hoffte er, der Amateur aus Kanada, darauf, wenigstens ab und zu bei den Werder-Profis mittrainieren zu dürfen. Und heute? Ein Wahnsinn, findet Stalteri. „Damals hätte keiner 100 Euro darauf gewettet, dass der kleine Mann aus Kanada mit 26 Jahren als Stammspieler das Double gewinnt und lange Nationalspieler ist." Sein Erfolgsgeheimnis: Eine Rossnatur wie aus dem Bilderbuch („Ich bin zum Glück kaum mal verletzt - schon als Kind war ich nie krank") und seine Flexibilität. Der Trainer stellt ihn hin, wo er ihn braucht, Stalteri erledigt den Job.

So hat er bei den Amateuren als Stürmer angefangen, lernte dann auch das Mittelfeld kennen und landete schließlich auf den defensiven Außenbahnen. Die vergangene Saison begann er auf rechts, wechselte zwischenzeitlich nach links, um am Ende wieder rechts zu spielen. Mit Innenverteidiger Valerien Ismael bildet Stalteri dort eine Einheit, von der er glaubt, dass sie gut funktioniert. „Deshalb habe ich trotz der Neuzugänge auch keine Angst um meinen Platz. Nach den letzten Jahren mache ich mir über so etwas ohnehin keine Gedanken mehr„, sagt er. Gedanken über die Zukunft macht er sich aus anderen Gründen. Sein Vertrag läuft im Sommer 2005 aus - genau wie auch der von Johan Micoud, seinem besten Freund im Team, von Fabian Ernst oder Tim Borowski. Von deren Verträgen wird ständig geredet, von seinem dagegen nie. „Vielleicht hat Klaus Allofs ja vergessen, dass ich auch an der Reihe bin?“, sagt Stalteri lakonisch.

Auch wenn er nicht wie Micoud das Vollblut, sondern eher der Ackergaul im Team ist - er weiß, was er wert ist. „Ich bin jetzt erstmals in der Situation, dass ich auch fordern kann. Bei einem neuen Vertrag möchte ich honoriert haben, dass ich seit zwei Jahren Stammspieler bin", kündigt er an. Stalteri hofft, dass der Verein aus den Fällen Mladen Krstajic und Ailton gelernt hat. „Ich gehe davon aus, dass es andere Angebote für mich geben wird. Und man verliert Topspieler, wenn man zu lange wartet." Ein Topspieler ist er schließlich. Sein Name steht ja in der Werder-Stammelf im „kicker".

Das hochauflösende PDF der originalen Zeitungsseite von damals gibt es hier (bei iOS den Link länger und fester gedrückt halten).

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