Bundesliga-Kolumne von Daniel Boschmann

Der Tanz ums goldene Ich – oder: Ist das jetzt schon Krise?

In der Bundesliga-Kolumne „Mein Werder, meine Meinung“ schreibt Daniel Boschmann über seine Gefühlswelt, einen mit mehr Realismus gesegneten Neustart und Werders Herz für die Sorgenkinder der Liga.
10.11.2018, 09:01
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Daniel Boschmann
Der Tanz ums goldene Ich – oder: Ist das jetzt schon Krise?
Mein Werder

Hallo, mein Name ist Daniel, und ich bin Werder-Fan. Ein übermütiger Fan. Bei den kleinsten Anzeichen von beständigem Erfolg erwarte ich zu viel. Ich habe die europäischen Auswärtsreisen schon fest in die Urlaubsplanung 2019 eingebaut… Europapokal!

Jetzt fällt mir auf: Das war wohl ein wenig voreilig. Wider besseren Wissens habe ich zu schnell zu viel gewollt und nach großer Euphorie schmeckt Ernüchterung immer sehr bitter. Zur Erklärung: Ja, es stimmt! Ich bin ein bisschen gefrustet. Die letzten Spiele in der Liga habe ich mir komplett anders vorgestellt. Ich habe in meinem Tabellenrechner locker sechs Zähler mehr eingetragen. Ich habe mich mitreißen lassen, aber ich habe mich auch nicht allzu sehr gewehrt.

Der Start ist einfach zu schön: Maxi trifft aus allen Lagen, der Klaassen-Motor läuft rund, und jeder Auftritt von Claudio ist ein Feiertag. Der SV Werder spielt schön, schnell, effizient und vor allem erfolgreich. Und ich bin damit emotional offenbar überfordert. Freunde kommen und freuen sich mit mir über die Offensiv-Maschine „meiner“ Mannschaft. Werder erstürmt Platz drei in der Liga. Besser als die Bayern! Verlieren ist irgendwie ein Gefühl von gestern. Sollen sie doch kommen, die Dortmunder, Barcelona und Madrid…

Zeit für einen Neustart

Wenn es zu schnell zu gut läuft, folgt fast automatisch der Tanz ums goldene Ich. Übermut macht sich breit. Ich muss zugeben, ich war nicht stark genug. Das 2:6 gegen Leverkusen habe ich schnell ignoriert. Vielleicht gilt das, trotz aller Professionalität, auch ein wenig für die Mannschaft rund um den Trainer. Der Betriebsausflug nach Mainz war bezeichnend. Ein paar Spieler sind sich selbst hinterhergelaufen, und Florian Kohfeldt hat an dem Tag keine Lösung für das gegnerische System gefunden.

Kommt jetzt die große Krise? Aus meiner Sicht ist das, was in den letzten Tagen und Wochen passiert ist, ein Anpassungsprozess. Zum einen für die Fans, zum anderen aber auch für das Team. Mit zu viel Rückenwind und Euphorie geht man in die Spiele irgendwann mit einer gewissen Sattheit und Selbstgefälligkeit. Das rächt sich. Jetzt kommt die wichtige Korrektur, der Reset-­Knopf.

Florian Kohfeldt wird der Liga jetzt zeigen, dass er mit Werder mehrere Systeme etablieren kann. Die Spieler gehen wieder als hungrige Elf auf den Platz, und wir alle zusammen freuen uns über einen wirklich grandiosen Saisonstart – ohne zu übertreiben. Vor dem elften Spieltag dürfen wir uns auf keinen Fall grämen. Platz sechs hätten wir vor Beginn der Saison genau so unterschrieben. Die Mannschaft ist im Soll. Emotional hat sie uns sogar schon weit mehr geschenkt als gehofft: eine breite Brust und viel Freude im Weserstadion.

Wohltäter Werder

Sehen wir es mal mit einem Augenzwinkern – Werder Bremen ist mit Abstand der sozialste Verein der Welt! Die Saison zeigt es ganz deutlich. Hendrik Weydandt, ein Kreisligaspieler, kommt aus dem Nichts ins Fußballoberhaus nach Hannover. Natürlich darf er in seinem ersten Spiel gegen Werder treffen. Bremer haben ein Herz für schöne Fußball-Geschichten. Wie romantisch! Der VfB Stuttgart spielt aktuell irgendeinen Sport, jedenfalls nicht Fußball. Ergo: letzter Platz in der Liga. Gegen wen haben die trotzdem gewonnen? Werder Bremen, wir helfen gerne.

Krise in Leverkusen: Heiko Herrlich wirkt ratlos, müde und verzweifelt. Bremer können Menschen aber nicht leiden sehen. Die Punkte liegen abholbereit im Weserstadion, und Heiko fährt glücklich heim. Wie sozial! Mainz 05. Sechs Spiele in Folge ohne Sieg und das kurz vor Beginn der Narrenzeit. Werder zur Rettung! Tä-Täää!

Den Bedürftigen helfen… Ist der SV Werder Bremen der Sankt Martin unter den deutschen Profiklubs? Mag sein, Martinstag ist aber erst Sonntag, und Spieltag ist heute. Heute wird nichts abgegeben.

Daniel Boschmann (37)

moderiert das Sat.1-Magazin „Endlich Feierabend!“. Er schreibt als Gast in dieser Reihe neben den Kolumnisten Jörg Wontorra, ­Christian Stoll, Klaus-Dieter-Fischer, Thomas Eichin und Lou Richter über Werder.

Die Umfrage zum Spiel gibt es hier:

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+