Wie Union-Stürmer Polter Werder verließ

Der Torwart, der lieber Tore schießen wollte

Es ist eine Karriere, wie es sie nur selten gibt: Sebastian Polter war Torwart in der Werder-Jugend, wollte aber lieber Stürmer sein und ging. Am Sonnabend trifft er nun mit Union Berlin auf seinen Ex-Klub.
10.09.2019, 18:35
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Der Torwart, der lieber Tore schießen wollte
Von Christoph Bähr

Thorsten Bolder arbeitet seit fast 30 Jahren im Nachwuchsbereich von Werder. In dieser langen Zeit musste er sehr vielen Spielern sagen, dass es für sie bei Werder nicht weitergeht. Das gehört zu seinem Job. An dieses eine Gespräch erinnert er sich trotzdem noch sehr gut, auch wenn es schon rund 14 Jahre her ist. Es war einfach zu ungewöhnlich, um es zu vergessen. Damals, im Sommer 2005, saß ein talentierter Nachwuchstorwart mit Bolder und weiteren Verantwortlichen des Leistungszentrums zusammen, um ihnen zu erklären, dass er von nun an als Stürmer spielen wolle. „Als Torwart hätten wir ihn gerne behalten, aber als Feldspieler kam er für uns nicht infrage, weil der Jahrgang sehr gut war“, erinnert sich Bolder.

Der Spieler, um den es geht, heißt Sebastian Polter, und er spielt am Sonnabend mit Union Berlin gegen Werder – in der Bundesliga, als Stürmer. Während die Karriereverläufe im Profifußball immer ähnlicher werden, bildet Polter die große Ausnahme. Er hatte es als Torwart in den Nachwuchs eines Bundesligaklubs geschafft und hätte den geradlinigen Weg gehen können, aber er wollte es anders. „Er war ein guter Torwart, da hätte man sicher noch was rausholen können", sagt Bolder. "Sebastian ist 1,92 Meter groß, hat also die perfekte Größe dafür, ein bisschen crazy ist er auf dem Platz auch. Das muss ein Torwart auch sein. Er hat sich in Bälle reingeschmissen, bei denen andere lieber weggeblieben wären."

Ein Junge mit klaren Vorstellungen

Bolder trainierte damals die U15-Mannschaft, in die Polter aufrücken sollte. Er hätte ihn gerne als Torwart gehabt, doch der 14-Jährige machte sein eigenes Ding. „Von seiner Persönlichkeit her war er gar nicht crazy, sondern sehr fokussiert. Er hatte die klare Idee, dass er Feldspieler sein wollte“, erinnert sich Bolder. Da war also nichts zu machen, das mussten die Werder-Verantwortlichen akzeptieren. „Wir haben zwei-, dreimal mit ihm diskutiert, dann haben sich unsere Wege getrennt. Wir hatten zwei Stürmer, die damals besser waren als er“, schildert Bolder und betont: „Ich ziehe meinen Hut davor, wenn ein Junge in dem Alter so klare Vorstellungen hat. Er ist zurück nach Wilhelmshaven gegangen, weil er dort im Feld spielen konnte.“

Polter stammt aus Wilhelmshaven, ein Jahr lang ließ er sich von seinen Eltern fast täglich nach Bremen fahren, um für Werder zu spielen. „Die Schule ist zu dieser Zeit etwas zu kurz gekommen“, sagte Polter vor einigen Jahren im Interview mit Werders Vereinswebseite. „Ich hatte nicht mehr vor, Profi zu werden. Ich wollte einfach nur mit Kumpels ein bisschen kicken. Und das nicht mehr im Tor.“ Fortan stürmte er wieder für den SV Wilhelmshaven, nachdem er in der Sommerpause viel gelaufen war, um seinen konditionellen Rückstand aufzuholen. „Außerdem hatte ich noch nicht so das Spielverständnis und Defizite beim Spieltempo. Das war die schwierigste Umstellung“, blickte Polter zurück.

69 Treffer in der ersten Saison

Wirklich schwer fiel ihm die Umstellung nicht, gleich in seiner ersten Saison als Stürmer schoss er 69 Tore. Polter ging zu Eintracht Braunschweig, dann zum VfL Wolfsburg ins Jugendinternat. Für die Wolfsburger machte er auch sein erstes Bundesliga-Spiel, es war ein 1:4 gegen Werder im Dezember 2011. Inzwischen ist Polter 53-mal im Fußball-Oberhaus aufgelaufen und hat sieben Tore geschossen. Der frühere Junioren-Nationalspieler spielte für Nürnberg, Mainz und den englischen Zweitligisten Queens Park Rangers. Mit Union Berlin schaffte der Fanliebling den Bundesliga-Aufstieg, steuerte neun Saisontore dazu bei und wurde in der laufenden Saison zweimal eingewechselt.

Thorsten Bolder hat Polters Laufbahn staunend verfolgt. „Bei Sebastian war es mit 14 Jahren definitiv nicht abzusehen, dass er mal ein Bundesliga-Stürmer wird. Er war als Feldspieler eher limitiert. Motorisch war das nicht sehr fein, aber er hatte einen Mordshuf und den Körper, um sich durchzusetzen", sagt er. Dass Polter, der frühere Torwart, es trotz aller Widerstände als Stürmer geschafft hat, freue ihn sehr, betont Bolder. "Manchmal braucht man diesen Punkt in einer Karriere, an dem man erst einmal nach unten geht. Der Weg, den Sebastian beschritten hat, ist beeindruckend. Er kann meinetwegen gerne in jedem Bundesliga-Spiel treffen, nur in den beiden Duellen gegen Werder muss das nicht sein."

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