Eilts' Erlebnisse Der Trainer geht

Dieter Eilts war Europameister, Deutscher Meister, Europapokalsieger. Für Mein Werder blickt die Werder-Legende auf besondere Erlebnisse seiner Karriere zurück. Heute: Rehhagels Abschied.
13.03.2019, 19:40
Lesedauer: 4 Min
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Von Dieter Eilts

Während der Saison 1994/95 passierte etwas, was ich mir vorher niemals hätte vorstellen können. Es gab ohnehin kaum jemanden, der gedacht hätte, dass Otto Rehhagel den SV Werder einmal verlassen könnte. Doch am 13. Februar 1995 gaben Otto Rehhagel und der Verein bekannt, dass man ab dem Sommer 1995 getrennte Wege gehen würde.

Es stand also fest: Der Trainer, so haben wir Rehhagel immer genannt, geht. Nicht nur ich, sondern alle waren in diesem Augenblick völlig fassungslos. So viele Spieler hatte er zusammen mit seinem Co-Trainer Karl-Heinz Kamp zu großartigen Bundesliga-Spielern entwickelt und sie auch menschlich stark beeinflusst. Otto Rehhagel hat Rune Bratseth, wie er selbst immer sagte, aus dem ewigen norwegischen Eis befreit. Wynton Rufer entdeckte er irgendwo in der Schweiz, und Andreas Herzog kam als ungeschliffener Rohdiamant aus Österreich zu uns.

Auch für Spieler aus Hamburg hatte er eine besondere Vorliebe, wie die Beispiele Norbert Meier, Frank Neubarth und Thomas Wolter beweisen. Mit Rudi Völler, Karl-Heinz Riedle und Mario Basler holte er vielversprechende Spieler, deren Fähigkeiten er frühzeitig erkannte. Der Trainer hatte zudem ein Faible für erfahrene Spieler, wie er mit den Verpflichtungen von Manfred Burgsmüller, Mirko Votava und Klaus Allofs bewies, die in Bremen im höheren Fußballeralter noch herausragende Erfolge feierten. Dazu kamen Spieler, die den steinigen und beschwerlichen Weg von den eigenen Amateuren zu den Profis schafften und den Trainer mit Leistung überzeugten. Marco Bode und ich sind hierfür sicherlich Paradebeispiele.

All die Spieler, die Otto Rehhagel nach Bremen geholt und weiterentwickelt hat, all die Erfolge, die er mit der Mannschaft gefeiert hat, all seine Kompetenzen und all das, was er mit uns erlebt hat – es ging wahrlich eine Ära zu Ende. Der Trainer wollte jetzt mit einem anderen Verein Erfolge erleben. Ich konnte es nicht glauben.

Die Frau an seiner Seite

Er hatte die große Gabe, seine Mannschaft so zusammenzustellen und zu führen, dass aus den einzelnen Spielern eine echte Mannschaft wurde, in der jeder seine Rolle akzeptierte. In diesem Zusammenhang sollte man auch Beate Rehhagel erwähnen. Sie stand ihrem Mann stets mit Rat und Tat zur Seite, stellte sich aber bei Meinungsverschiedenheiten der Spieler mit dem Trainer oftmals auch auf die Seite der Spieler und glättete die Wogen wieder.

Ich kann mich noch genau an ein Spiel in Dresden erinnern. Es lief nicht wirklich gut für uns und für mich persönlich auch nicht. Der Trainer drehte sich während des Spiels zum Co-Trainer um und sagte: „Kalli, der Dieter gewinnt keinen Zweikampf, er ist langsam und schießt keine Tore. Kopfbälle kann er auch nicht und außerdem raucht er. Warum spielt er immer?“ Ich weiß nicht, ob ihm jemand auf diese Frage geantwortet hat, aber ich weiß, dass ich trotz dieser minimalen Defizite weiterhin gespielt habe und der Trainer mich regelmäßig aufstellte.

Ein weiterer Spruch von Otto Rehhagel, an den ich mich noch gut erinnere, machte mich absolut sprachlos. Wir waren nach dem Training auf dem Weg zurück in die Kabine, als auf einmal der Trainer neben mir stand. Er sprach mich plötzlich an und sagte: „Dieter, wenn ich auf die Trainingsleistungen schaue, müssten Sie eigentlich spielen, aber wir müssen gewinnen, da kann ich Sie doch nicht spielen lassen, oder?“ Ich konnte in dem Augenblick nichts sagen und musste tief durchatmen. Als ich mich wieder gefangen hatte, war er schon wieder weg.

Während der Europameisterschaft 1996 traf ich den Trainer vor dem Halbfinale gegen England in unserem Hotel und wir tranken einen Kaffee. Inmitten unseres Gesprächs erinnerte ich mich wieder an diesen Spruch und sprach ihn darauf an. Der Trainer schaute mich mit großen Augen an und meinte nur: „Jetzt schauen Sie mal, was aus Ihnen geworden ist. Wir haben alles richtig gemacht.“ Ich musste schmunzeln und Otto Rehhagel hatte mich mal wieder mit seinen Worten schachmatt gesetzt.

Titel knapp verpasst

Sportlich lief es nach der angekündigten Trennung für uns übrigens richtig gut. Wir hatten nach dem 17. Spieltag als Tabellenzweiter vier Punkte Rückstand auf den Spitzenreiter. Wir wollten dem scheidenden Trainer aber unbedingt einen Titel zum Abschied schenken. Die Mannschaft hat in der Rückrunde daher wirklich alles aus sich herausgeholt und übernahm am 29. Spieltag erstmals die Tabellenführung. Auch in den letzten Spieltag sind wir als Tabellenerster gestartet. Wir mussten nur bei den Bayern gewinnen und wären wieder Deutscher Meister gewesen. Leider ging das letzte Spiel mit 1:3 verloren und wir konnten den Titel nicht an die Weser holen.

Der Abschied vom Trainer wurde trotz dieser sportlichen Enttäuschung gebührend gefeiert und bleibt wohl für alle ein unvergessliches Fest. Auch wenn in der Nachbetrachtung natürlich nicht alles Gold war, was glänzte und es hin und wieder lautstarke Meinungsverschiedenheiten gab, die aber am nächsten Tag wieder ausgeräumt wurden, bin ich Otto Rehhagel für alles, was er für mich getan hat, dankbar. Die heutigen Treffen mit ihm sind immer von Achtung, Respekt und großer Herzlichkeit geprägt. Er bleibt auf ewig „mein Trainer“.

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