Werder siegt gegen Frankfurt Der Ujah-Djilobodji-Moment

Werders Fußballer bleiben in der ersten Liga. Sie bezwangen Eintracht Frankfurt durch einen Abstauber von Papy Djilobodji.
14.05.2016, 17:22
Lesedauer: 4 Min
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Von Olaf Dorow Marc Hagedorn

Werders Fußballer bleiben in der ersten Liga. Sie bezwangen Eintracht Frankfurt durch einen Abstauber von Papy Djilobodji in der 88. Minute 1:0 und kletterten in der Bundesliga-Tabelle auf den 13. Platz.

Kann sich noch jemand an Tim Wiese erinnern? Ja? An die Tim-Wiese-Szene der Werder-Historie, als er, der Torwart, im Pokal-Halbfinale gegen den Hamburger SV drei Elfmeter hielt und im Moment des Triumphs wie Usain Bolt die Linie entlang zu den Fans sprintete? So eine Szene gab es am Sonnabend wieder, und es wurde wieder ein magischer Augenblick der Werder-Geschichte. 88. Minute im Abstiegsfinale gegen Eintracht Frankfurt: Anthony Ujah reißt sich das Trikot vom Leib. Er rennt los. Er ist für Sekunden Usain Bolt. Das 1:0 für Werder ist gefallen. Endlich, endlich, endlich. Das Weserstadion ist ein Hort der Freude. Die ganze Stadt ist es in diesem Moment. Dem Moment der Rettung. Werder hat den Klassenerhalt geschafft durch das 1:0 gegen Frankfurt, ist dadurch sogar noch 13. geworden in der Abschlusstabelle.

Wenn ein gelernter Dramaturg das Drehbuch zu diesem Abstiegsdrama hätte schreiben sollen, hätte er wohl was getan? Er hätte es wohl so geschrieben, wie es dann kam: Eine Stadt fiebert der Entscheidung entgegen, und dann kommt ein Spiel, in dem die Spannung immer weiter ansteigt. Das Tor, das eine Tor, das Werder brauchte, hob man sich lange auf. So lange, dass wohl viele befürchtet hatten, es würde nicht mehr fallen. Dann diese 88. Minute: Zlatko Junuzovic hob einen Freistoßball in den Frankfurter Strafraum. Claudio Pizarro legte den Ball für Ujah auf. Ujah schoss aus spitzem Winkel. Der Ball war aber immer noch nicht ganz über der Linie, als schließlich Papy Djilobodji herbeikam und ihn darüber schob. Er wurde später als Torschütze geführt, bekannte aber, dass der Treffer eigentlich mehr Ujahs Treffer war.

„Aber eigentlich war das egal, wer es gemacht hat“, sagte Ujah hinterher. Er war immer noch außer Atem. Er war überwältigt. „Ich hab’ gar keine Worte für meine Gefühle“, gab er zu. Nach 60 Minuten war der Stürmer eingewechselt worden. An der Seitenlinie hatte Werders Trainer Viktor Skripnik ihm gesagt, dass er da rausgehen und Werder den Arsch retten solle. So erzählten es später Skripnik und Ujah. „Ich wollte dann einfach nur irgendwo hinlaufen, ich weiß gar nichts mehr“, sagte Ujah zu seinem Jubellauf. Er wusste nur noch, dass er sich dabei fast gezerrt hatte: „Ich glaube, im Spiel bin ich noch nie so schnell gesprintet wie bei diesem Jubel.“

In diesem Moment des Glücks entlud sich nicht nur bei ihm die Spannung. Werders Spieler, einer nach dem anderen, sagten anschließend, dass sie ja gewusst hätten, sie müssten nur auf ihre Chance warten – und dass sie wussten, dass diese Chance noch kommen würde. Aber dass diese Chance dann wirklich auch noch kam? Und dass einer kam, der sie auch nutzte? „So etwas werde ich wohl nie wieder in meinem Leben erleben“, sagte Rechtsverteidiger Theo Gebre Selassie. In der 85. Minute habe er gedacht, dass es bitte bloß nicht in die Relegation gehen solle. Auch er hielt sich an dem Gedanken fest, dass diese eine Chance bestimmt noch kommen würde. „Es war so emotional“, sagte der Tscheche. Torwart Felix Wiedwald, sehr verwurzelt in Bremen, sagte: „Ganz Bremen ist ein Stein vom Herzen gefallen.“

Der emotionale Nachmittag hatte früh begonnen. Schon als die Mannschaftsbusse die Rampe am Osterdeich herunterkamen, empfing sie eine beeindruckende Fanwand. „This is Osterdeich“ sollte das Motto des Tages werden und wurde es dann auch. Am Ende bedankten sich die Werder-Profis mit einem Spruchband, auf dem das Osterdeich-Motto stand, bei den Fans; sie trugen und verschenkten T-Shirts mit dem Slogan. Dann stürmten die beglückten Fans den Platz. In den Katakomben sagte Ujah: „Die Fans waren unglaublich.“

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In dem emotionalen Ausnahmezustand, der vorm, am und vor allem hinterm Deich herrschte, war es nicht leicht, klugen Fußball zu spielen. Gemessen an der Anspannung, spielte Werder klug. „Das hört sich ein bisschen blöd an“, sagte Sportchef Thomas Eichin, „aber das war ein bisschen so geplant.“ So lange es in Wolfsburg noch 0:0 stand, wo der VfB Stuttgart Werder mit einem Sieg noch hätte überholen können, wollte und konnte Werder keinen Alles-oder-Nichts-Fußball spielen. „Da musst du nicht ins Risiko gehen“, sagte Skripnik. Erst als die Wahrscheinlichkeit hoch war, dass Stuttgart nicht gewinnen wird, ging Werder ein höheres Risiko ein – und brachte Skripnik mit Ujah einen zweiten Stürmer. Vorher gab es nur wenige Werder-Chancen und einige Eintracht-Konter. Bald gab es nur noch Werder-Chancen und Eintracht nur noch in der eigenen Hälfte.

Torschütze ist müde "von dem ganzen Druck"

Und dann – im Stadium allerhöchster Anspannung – gab es diesen Ujah-Djilobodji-Moment. Ujah wurde zu Bolt, Skripnik stürmte auf den Platz, obwohl das Spiel ja noch nicht beendet war. Der Trainer, der eine ganze Saison lang an der Seitenlinie oft wie teilnahmslos alles registriert und hingenommen hatte, hüpfte Linksverteidiger Santiago Garcia in die Arme und hatte sich für einige Sekunden in Jürgen Klopp verwandelt. In einen Mann, der allen anderen zeigt, wie viel Adrenalin und Glückshormone in einem Mann beim Fußball sein können.

Torschütze Papy Djilobodji gab zu, dass er einfach nicht in der Lage sei, dieses Tor und seine Gefühlswelt danach zu beschreiben. „Ich kann mich gar nicht erinnern“, sagte er, „ich weiß nur, dass der Ball dann im Tor war.“ Jetzt sei er müde „von dem ganzen Druck“, jetzt müsse er dringend in den Urlaub fahren, und dann werde er über alles nachdenken. Auch darüber, ob es für ihn doch weitergeht in Bremen, wohin er nur ein halbes Jahr vom FC Chelsea aus London ausgeliehen war.

Ob er bleibt, ist ebenso ungeklärt wie die Frage, ob Anthony Ujah bleibt, der als Kandidat für einen Millionentransfer gilt. Nach diesem magischen Ujah-Djolobodji-Moment, der Werder, um es mit Skripnik zu sagen, den Arsch gerettet hat, möchte man dieser Mannschaft wünschen, dass ihr der Verteidiger und der Stürmer erhalten bleiben. Für weitere große Momente. Es müssen ja nicht – wie am Sonnabend um viertel nach fünf geschehen – gleich solche Momente sein, die man nie mehr vergessen kann.

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