Vor dem Spiel Werder - Hoffenheim "Der Weg der TSG war einmalig"

Manager Alexander Rosen spricht im Interview über Hoffenheims Stil, die Sehnsucht nach Balance und das Duell mit Werder.
27.08.2014, 18:30
Lesedauer: 4 Min
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Von Olaf Dorow

Noch ist die Aussagekraft der Bundesliga-Tabelle einigermaßen übersichtlich. Einen ersten Fingerzeig hat der Auftakt aber schon geliefert. Am Sonnabend kommt 1899 Hoffenheim als Tabellenführer zum Spiel gegen Werder ins Weserstadion. Olaf Dorow sprach mit dem Hoffenheimer Sportdirektor Alexander Rosen.

Herr Rosen, kann man sagen: Hoffenheim tritt am Sonnabend im Weserstadion als klarer Favorit an?

Rosen: Nein und schon gar nicht, wenn man sich einmal die Statistik der letzten Jahre ansieht. Wir wissen, dass uns bei Werder eine schwere Aufgabe erwartet. Die Eindrücke unserer letzten beiden Spiele im Weserstadion sind noch sehr präsent.

Hoffenheim im Mai ist doch aber nicht mehr zu vergleichen mit dem für 15 Millionen Euro aufgerüsteten Hoffenheim im August, oder?

Seit wir übernommen haben (Trainer Gisdol und Manager Rosen sind seit April 2013 im Amt, d. Red.), versuchen wir in kleinen Schritten voranzukommen. Das ist auch unsere Überschrift für diese Saison: Wir wollen uns ganz beständig und stabil weiterentwickeln. Dabei haben wir natürlich sehr präsente Themen hier. Das wäre wahrscheinlich eine Ihrer Fragen...

...die Flut an Gegentoren...

. . .war in der Tat außergewöhnlich hoch (1899 kassierte 70 Treffer, d. Red.). Umso mehr gilt: Der Zeitpunkt, an dem wir als Favorit zu einem Auswärtsspiel bei Werder Bremen antreten, der ist definitiv nicht da. Bremen hat sich in Berlin nach einem Rückstand beeindruckend präsentiert. Als schwer zu spielender und unangenehmer Gegner mit einer großartigen Mentalität. Und was die Bremer Fans seit Jahren bei Heimspielen abziehen, das ist wirklich begeisternd und top in der Bundesliga.

Werder-Trainer Robin Dutt sagt, dass Hoffenheim ein klarer Kandidat für die ersten sechs Plätze der Bundesliga ist. Über Werder sagt das niemand.

Grundsätzlich ist es ja nichts Unerfreuliches, wenn Experten aus der Bundesliga positiv bewerten, was man leistet. Wir tun aber gut daran, wenn wir realistisch bleiben und unseren eingeschlagenen Weg in Ruhe weitergehen – mit aller Konsequenz, aber auch in aller Bescheidenheit.

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Warum so bescheiden?

Vor zwei Jahren wurde in Hoffenheim zu Saisonbeginn die Europa League als Ziel ausgerufen. Zwölf Monate später konnten wir den Abstieg durch die erfolgreiche Relegation gerade noch verhindern. Natürlich sind alle im Klub ehrgeizig und haben wir eine junge, hungrige Mannschaft. Aber wir haben auch aus der Vergangenheit gelernt. Wir wollen Ziele inhaltlich definieren und weniger anhand von Tabellenplätzen. Das bringt uns keinen Punkt und keinen Sieg mehr.

Dann definieren Sie doch einmal Ihre inhaltlichen Ziele.

Wir wollen uns klar über unsere Art und Weise des Fußballs definieren. Ich denke, dass dieser eingeschlagene Weg in der vergangenen Spielzeit bereits sichtbar wurde. Das offensive Gesicht hat dabei schon oft gelächelt. Das defensive hat das eine oder andere Mal zu viel geweint. Unser Thema heißt also Balance. Wir haben eine Mannschaft mit einer großen Offensivpower und einem leidenschaftlichen Umschaltspiel nach vorne. Oft hat diese Leidenschaft und Jugendlichkeit zu einer gewissen Naivität in der Verteidigung geführt. Wir arbeiten sehr intensiv an unserer defensiven Stabilität, ohne dabei unsere offensive Spielidee aufzugeben. Das ist eine komplexe Aufgabe.

Auf ein weiteres 5:4 oder 4:4 zwischen Werder und 1899 brauchen die Leute nicht zu hoffen am Sonnabend?

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich dachte auch in der letzten Rückrunde immer wieder einmal, dass die Zeit der ungewöhnlichen Ergebnisse vorbei ist und dann kam es doch wieder anders. Ich glaube, die Leute können sich in jedem Fall auf eine enge Partie freuen. Bremen ist ja ebenfalls eine Mannschaft, die mit großer Leidenschaft spielt. Sie tritt gut organisiert, aggressiv und mutig auf.

Gehört zu dem neuen, stabileren Hoffenheim auch, dass Sie vom Image des Retortenklubs wegwollen, dass Ihnen immer noch anhängt?

Hoffenheim ist mit keinem anderen Verein in der Bundesliga vergleichbar. Der Weg der TSG war einmalig. Als Klub einer ganzen Region sind wir einmalig, unsere Gesellschafter- und Partnerstruktur bleibt einmalig. Die konsequente Ausrichtung auf die Zukunft ist ebenfalls besonders. Ich habe das Gefühl, dass mehr und mehr Leute dies auch so wahrnehmen und wissen, wofür wir stehen.

Wofür stehen Sie denn?

Wir wollen uns in erster Linie über den Fußball definieren. Wir wollen einen bestimmten Charakter in unserem Spiel haben. Zudem wollen wir unsere hervorragende Nachwuchsarbeit weiter ausbauen. Wir sind Deutscher Meister in der U 19 und haben in kurzer Zeit viele Talente zu Bundesliga-Spielern entwickelt. Es ist kein Zufall, dass wir auch in dieser Saison den jüngsten Kader von allen haben. Und wir wollen so auftreten, wie wir sind. Das heißt, mutig und innovativ, aber auch bodenständig, bescheiden und dankbar dafür, welche Möglichkeiten wir hier haben. Wir wissen genau, wer das alles ermöglicht hat.

Gehört zu Ihrem Weg trotzdem die weitere Abnabelung von Ihrem Mäzen und Förderer Dietmar Hopp (dem SAP-Milliardär, d. Red.)?

Ich kann da nur für die Zeit sprechen, in der ich gemeinsam mit Markus Gisdol in der sportlichen Verantwortung bin. Wir spüren hier ein außerordentlich großes Vertrauen. Wir dürfen gestalten. So, wie wir es nach bestem Wissen und Gewissen für richtig halten. Ich kann Ihnen sagen: Nichts anderes wollte oder will Dietmar Hopp. Er will eben nicht im Tagesgeschäft Einfluss nehmen. Es geht dabei gar nicht um eine zu verkündende Emanzipation. Wir wollen den Klub gemeinschaftlich mit den Gesellschaftern und der Geschäftsleitung in eine Richtung bringen, die zu uns passt. Die Akzeptanz spürt man dabei auch an der wachsenden Fanbasis sowie an der generellen Unterstützung in der Region.

Werden Sie auch auswärts bald mehr Fans haben?

Davon bin ich absolut überzeugt. Wir sind jetzt im siebten Jahr in der Bundesliga. Die Zahl der Fans und Unterstützer wächst von Jahr zu Jahr. Zuhause ist unsere Südkurve, in der die Fans stehen, immer voll. Auswärts werden es zwar nicht in Tausender-Schritten mehr, aber doch peu à peu. Beim Pokalspiel in Hamburg (beim Oberligisten USC Paloma siegte 1899 mit 9:0, d. Red.) hatten wir trotz der Entfernung und der Tatsache, dass am Sonntag gespielt wurde, immerhin 500 Leute dabei. Das war bemerkenswert.

In Ihrer Südkurve soll beim 2:0 gegen Augsburg schon gerufen worden sein: Deutscher Meister wird nur die TSG.

(lacht) Tja, ich muss schon sagen, dass unsere Fans über einen ausgezeichneten Humor verfügen und ein gutes Gefühl für Ironie.

Werden die das auch in der 90. Minute im Weserstadion rufen?

Wie auch immer es kommen mag, so bin ich sicher, dass die Tabelle des ersten und zweiten Spieltags am 34. keinen Bestand haben wird. Wir treten an und wollen eine gute Leistung zeigen – und dann sehen wir mal, was rauskommt.

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