Die Taktik-Analyse zum Remis in Dortmund

Der „Werder-Fußball“ kippt das Spiel

Bei Borussia Dortmund ist die Bremer Mannschaft eine Halbzeit lang klar unterlegen, besinnt sich dann aber auf ihren typischen „Werder-Fußball“ und erarbeitet sich deshalb einen verdienten Punkt.
29.09.2019, 13:53
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Rommel
Der „Werder-Fußball“ kippt das Spiel
nordphoto

Werder-Trainer Florian Kohfeldt konnte im Vergleich zur Vorwoche wieder auf Nuri Sahin (nach dessen Sperre) und den genesenen Milot Rashica zurückgreifen. Beide durften von Beginn an ran und verdrängten Johannes Eggestein und Benjamin Goller auf die Bank. Der BVB wechselte sogar auf vier Positionen und überraschte durchaus: Raphael Guerreiro, Thomas Delaney und Paco Alcacer mussten auf die Bank, Mats Hummels war angeschlagen gar nicht im Kader. Dafür rückten Julian Weigl, Lukasz Piszczek, Mo Dahoud und Mario Götze in die Mannschaft, Dahoud und Götze feierten dabei ihr Startelfdebüt in dieser Saison. Lucien Favre blieb trotz aller Wechsel aber bei seiner angestammten 4-2-3-1-Grundordnung.

Zwei Zehner legen die BVB-Sechser lahm

Werders Überraschungseffekt war dagegen nicht personeller, sondern inhaltlicher Art. Kohfeldt schickte seine Mannschaft nicht wie vielleicht zu erwarten war in einer Dreierkette aufs Feld und auch nicht im 4-Raute-2, sondern versuchte es mit einem für Bremer Verhältnisse eher ungewohnten 4-3-2-1, was gerade im Spiel gegen den Ball schnell deutlich wurde. Werder setzte nicht wie in einigen der jüngsten Partien gegen den BVB auf eine zusätzliche Tiefensicherung mit Sahin als eine Art Libero, sondern konzentrierte sich mit seinen drei defensiven Mittelfeldspielern und den beiden Zehnern davor auf die Kontrolle des Zentrums.

Rashica und Leo Bittencourt hatten gegen den Ball die Aufgabe, sehr eng beieinander zu stehen und sich schnell um Dortmunds Schaltzentrale auf der Sechserposition zu kümmern. Sobald der BVB anspielte, orientierten sich beide Spieler an Dahoud und Axel Witsel und spielten im Übergangsdrittel fast in Manndeckung gegen die Dortmunder Doppel-Sechs. Dortmund sollte so erst gar keine Möglichkeit gegeben werden, durchs Zentrum oder die Halbräume zu kombinieren, stattdessen wurde der Gegner schnell auf die Flügel gelenkt.

Aus tieferer Position umschalten

Werder wollte den Ball also nicht im freien Feld, sondern Dortmund auf die Seiten lenken, um dort zuzuschnappen. Ein grundsätzlich nachvollziehbarer, aber eben auch gefährlicher Plan: Durch die natürliche Begrenzung auf dem Flügel bleibt dem Gegner weniger Platz zum Kombinieren, die Seitenauslinie ist wie der absolut zuverlässige zusätzliche Mitspieler. Andererseits aber ist der BVB gerade in diesen Situationen ganz besonders stark. Dortmund versucht dort immer mindestens Gleichzahl, im besten Fall Überzahl zu schaffen, um sich aus der Situation zu befreien und dann entweder direkt diagonal zum Tor zu ziehen oder aber auf die entblößte ballferne Seite zu verlagern.

Werders Offensivplan war in dem Punkt dem Dortmunder Vorhaben sehr ähnlich: Mit Verlagerungen auf den ballfernen Außenverteidiger, der immer hoch im Feld postiert war und stets auf dem Sprung, um dann mit Tempo nach vorne zu gelangen. Noch wichtiger waren aber die offensiven Umschaltmomente. Weil Bittencourt und Rashica nicht in vorderster Linie und damit unter dem direkten Zugriff der Dortmunder Innenverteidiger agierten, sollten beide aus einer tieferen Position nach eigenen Ballgewinnen schnell und ohne viel Schnörkel Richtung Tor ziehen.

Hakimi als Dampfmacher

So wie beim frühen Führungstor, als Rashica nach einem abgefangenen Einwurf sofort ins Tempo ging und nach zwei gewonnenen Zweikämpfen seiner Mitspieler erneut an den Ball kam. Die Bremer Idee mit dem verriegelten Zentrum hielt den BVB zwar aus der Spielfeldmitte weg und ließ auch kaum einmal einen Steckpass in den Strafraum zu, hatte aber auch ein paar unschöne Begleiterscheinungen: Werder bekam den Gegner auf die Flügel, bekam dort aber nicht den gewünschten Zugriff und hatte kaum Balleroberungen.

Witsel und Dahoud waren zwar kaum ein Faktor, dafür schoben aber die Außenverteidiger Piszczek und ganz besonders Achraf Hakimi unglaublich an. Hakimi hatte bis zur Pause unglaubliche 94 Ballaktionen und spielte 72 Pässe, am Ende waren es für den Außenverteidiger 150 Ballaktionen. Immer wieder rollten Dortmunder Angriffe über die linke Seite nach vorne, um dann auf der gegenüberliegenden Seite zu Ende gespielt zu werden.

Dortmunds ungewohnte Plan B

Dortmund wählte dabei die für diese Mannschaft eher untypische Alternative mit einigen Flanken aus dem Halbfeld und war damit gleich doppelt erfolgreich. Keine zwei Minuten nach dem Bremer Führungstor führte Michael Langs Stellungsfehler trotz Überzahl am eigenen Fünfmeterraum zum 1:1. Und kurz vor der Pause, als sich Dortmund vom linken Flügel zu leicht lösen konnte und Marco Friedl in eine Eins-gegen-Zwei-Unterzahlsituation zwang, kam die erforderliche Unterstützung - vermutlich durch Rashica, der einfach stehenblieb - nicht rechtzeitig. Thorgan Hazards Flanke ohne jeden Balldruck bekam die Bremer Strafraumverteidigung erneut trotz klarer Überzahl nicht verteidigt, Marco Reus traf zur Führung.

Werder hatte nach dem schnellen Ausgleich offenbar ein wenig Angst vor der eigenen Courage. Die Ballzirkulation war trotz des abkippenden Sahin im Dreieraufbau spätestens im Übergangsdrittel vorbei, die Gäste hatten kaum noch Ballbesitzphasen, die länger als 20 Sekunden andauerten. Die Mannschaft rückte bei eigenen Angriffen nicht mehr nach, spielte auch unter Druck nicht mehr ruhig und abgeklärt, sondern gab den Ball viel zu schnell wieder ab. Dortmund kontrollierte deshalb über eine halbe Stunde lang Ball und Gegner, hatte fast drei Viertel Ballbesitz und erstickte mit seinem guten Gegenpressing so gut wie jeden Bremer Konteransatz.

Der Ballbesitz als Bremer Problem

Das große Bremer Problem der ersten Halbzeit war - wie in den Wochen zuvor schon - trotz der beiden Gegentreffer nicht das Spiel gegen den Ball, sondern die Phasen im eigenen Ballbesitz. Das sollte sich nach der Pause grundlegend ändern. Werder wurde in allem mutiger, lief früher an, rückte beim Vordecken aggressiver raus und behielt vor allen Dingen den Ball wieder länger in den eigenen Reihen. Das führte zu mehr „Werder-Fußball“: Flach von hinten über Dreiecke herausgespielt, durch die Halbräume und dann in die Tiefe vors gegnerische Tor.

Der Ausgleich fiel allerdings nach einem Standard, bei dem Werder eine Blaupause zu Dortmunds Gegentor aus dem Köln-Spiel vor ein paar Wochen lieferte. Über eine Kopfballverlängerung am ersten Pfosten war Friedl am zweiten Pfosten gegen Dortmunds Raumverteidigung völlig frei und musste nach der einstudierten Variante nur noch einschieben. Werder machte nun anders als in der ersten Halbzeit nicht den Fehler und wurde zu verhalten, sondern blieb stets aktiv und damit gefährlich für die Borussia. Die wiederum hatte in der Folge zwar weiterhin etwas mehr Ballbesitz, Werder näherte sich aber in der Statistik immer weiter an und so entwickelte sich ein offenes Spiel mit einigen wilderen Phasen.

Kohfeldt bleibt bei der Mannorientierung

Es ging einige Male fast ohne Mittelfeld hin und her, was eher Werder schmeckte denn dem BVB. Der verlor sich mehr und mehr in Einzelleistungen und Dribblings, statt Werder weiter kontrolliert und geduldig auseinanderzuspielen. Erstaunlich oft trafen dabei einzelne Spieler die falsche Entscheidung und zogen das Tempo in Zonen an, die für Werder ungefährlich waren, statt die Angriffe besser vorzubereiten.

In der Schlussphase stellte Favre nach drei Wechseln auf ein 4-3-3 um, Kohfeldt konterte mit einem 4-2-3-1, um im Mittelfeld weiter Mann gegen Mann spielen zu können. Die systematischen wie personellen Änderungen Favres griffen anders als in den letzten Wochen aber kaum. Zwar hatten die Gastgeber noch zwei, drei richtig gute Möglichkeiten, echten Dauerdruck oder Durcheinander in der Bremer Defensive konnte Dortmund aber nicht erzeugen.

Werder machte in der Defensive sehr vieles richtig und trotzte so der Offensivkraft des Gegners in vielen Phasen des Spiels. Den einen Punkt verdiente sich die Mannschaft aber dank einer deutlichen Leistungssteigerung mit dem Ball in der zweiten Halbzeit - auf die sich auch in den kommenden Wochen, wenn dann hoffentlich noch weitere Verletzte zurückkehren, aufbauen lässt.

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