Der Sieg auf Schalke in der Analyse

Starkes Pressing, einfacher Fußball

Werder findet gegen Schalke einen neuen Ansatz und definiert sich fast ausschließlich über das Spiel gegen den Ball. Trotz des klaren Sieges und drei Toren bleiben Zweifel an der Offensivkraft der Mannschaft.
27.09.2020, 11:39
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Stefan Rommel
Starkes Pressing, einfacher Fußball

Davy Klaassen agierte kampf- und lautstark auf der Acht.

nordphoto

Werder-Trainer Florian Kohfeldt hatte Änderungen angekündigt und setzte diese auch um. Gleich auf vier Positionen änderte sich die Startelf im Vergleich zum Berlin-Spiel. Niklas Moisander, Tahith Chong, Yuya Osako und Davie Selke rotierten raus, dafür begannen Milos Veljkovic, Jean-Manuel Mbom, Leo Bittencourt und Niclas Füllkrug. Auch Schalke-Trainer David Wagner nahm drei Wechsel vor. Für Suat Serdar, Amine Harit und Rabbi Matondo begannen Omar Mascarell, Nassim Boujellab und Benito Raman.

Die Bremer starteten gegen Schalke, das seit Monaten erhebliche Probleme im eigenen Ballbesitz und im Aufbauspiel hat, mit einer darauf angepassten Pressingidee. Kohfeldt ging weg vom Mitelfeldpressing im flachen 4-4-2 und ließ den Gegner deutlich früher anlaufen als noch im letzten Spiel gegen Hertha BSC. Dafür ordnete sich die Mannschaft auch etwas anders an und formierte sich gegen den Ball zu einem 4-3-2-1.

Das Pressing greift

Hinter Füllkrug als Störspieler agierten Bittencourt und Sargent als zwei Zehner in den Halbräumen und konnten Schalkes Innenverteidiger auch frontal anlaufen. Abgesichert wurden die Pressingspitzen von einem Dreierblock aus Mbom, Eggestein und Klaassen dahinter. Schalke baute meist mit dem abkippenden Mascarell in einer Dreierkette auf und sollte den vor der Abwehr postierten Bentaleb nicht direkt ins Spiel bringen können.

Füllkrug machte diesen direkten Passweg zu, Bittencourt und Sargent jene zu den Schalker Spielern Uth und Boujalleb in den Halbräumen. Der erzwungene Pass auf einen der - zudem auch noch zu tief stehenden - Außenverteidiger war das Signal für Werders kampf- und laufstarke Achter Klaassen und Mbom, sofort aggressiv ins Pressing und auf den ballführenden Gegenspieler aufzurücken. An dieser Stelle war es dann mit den Schalker Bemühungen, sauber und kontrolliert ins Übergangsdrittel zu kommen, auch schon vorbei.

Das mutige Nachschieben der Bremer Viererkette ließ die Falle zuschnappen und Schalke keinerlei Entfaltung. Ähnlich gestaltete sich das Bremer Gegenpressing: Vom zögerlichen Nachschieben aus dem Berlin-Spiel war nichts mehr zu sehen, jeder einzelne Spieler traute sich die nötigen Meter nach vorne zu machen und in die Aktion zu gehen, statt zu fallen und damit Raum in Ballnähe preis zu geben. Diese Gegenpressingmomente waren allerdings auch absolut notwendig. Denn so gut Werders Plan gegen den Ball aufging, so überschaubar blieben die Aktionen im eigenen Ballbesitz.

Kaum Positionsspiel

Werder wollte sich das hohe Aufrücken und Anschieben der Schalker Außenverteidiger in den Umschaltmomenten zunutze machen und den Raum im Rücken der Spieler auf den Flügeln so schnell wie möglich anspielen. Das führte einmal zu einer guten Konterchance durch Füllkrug, hatte aber auch den Nachteil, das teilweise sehr überhastet und mit einem langen Ball in die Tiefe gespielt wurde. Die meisten dieser Zuspiele versandeten im Nichts und mussten entsprechend wieder rückerobert werden.

Mit Füllkrug als herausragendem Kopfballspieler im Zentrum war die Möglichkeit gegeben, hoch und weit über das Schalker Pressing zu spielen und dann nach einer Ablage mit den einlaufenden Sargent oder Bittencourt in die Tiefe zu kommen oder, im schlechteren Fall, auf den zweiten Ball nachzurücken. Von diesen Sequenzen gab es für ein Spiel mit Bremer Beteiligung sehr viele, demnach viele Pressing- und Gegenpressingsituationen, viele Zweikämpfe und Fouls und so gut wie gar keinen Spielfluss. Der von Kohfeldt angekündigte Bremer (Offensiv-)Fußball blieb auch gegen Schalke als eine theoretische Variante in der Schublade. Der Pragmatismus siegte und machte das Bremer Offensivspiel teilweise schwer genießbar.

Vom Positionsspiel war jedenfalls fast gar nichts zu sehen, selten gab es Ballbesitzphasen über mehr als ein paar Stationen. Stattdessen eine latente Hektik in den Aktionen, hohe Bälle, Befreiungsschläge und im Zweifel klare Aktionen in der letzten Linie statt Vertikalpässe oder andribbelnde Innenverteidiger. Wenig überraschend, dass Werder nach schlecht verteidigten Standards zu seinen Toren kam.

Schalke steht sich selbst im Weg

Nach der Pause reagierte Wagner und stellte Salif Sane in der Innenverteidigung gegen Füllkrug, dazu kam Vedad Ibisevic im Angriffszentrum für den blassen Raman. Das hatte zwei positive Effekte für die Gastgeber: Füllkrugs Körperlichkeit in der Luft konnte Sane ganz anders entgegnen als der indisponierte Stambouli. Im Ballbesitz konnte Schalke nun aus dem Bremer Pressing auch mal mit einem hohen Ball in die Spitze agieren, den Ibisevic ganz anders festmachen konnte als in der ersten Halbzeit Raman.

Schalke variierte auch den tiefen Aufbau, Mascarell kippte nur noch hin und wieder ab und hielt sich stattdessen im Rücken des Bremer Dreier-Pressings auf, um über den Umweg über den Außenverteidiger so anspielbar zu sein. Schalke streute auf die höher aufrückenden Außenverteidiger auch mal Diagonalbälle ein und kam so schneller in Tornähe.

Die ersten 15 Minuten nach der Pause wurden zur besten „Fußball-Phase“ der gesamten Partie, weil Schalke tatsächlich zu so etwas wie einem Positionsspiel fand und Werder zwei, drei Mal richtig gut aufknacken konnte. Anders als die bis dato sehr effektiven Bremer vergab Schalke aber die an sich beiden besten Chancen der gesamten Partie fahrlässig und killte das Spiel beim ersten ordentlichen Bremer Konter durch den nächsten individuellen Fehler - bis dato war jeder Umschaltmoment der Gäste gleich beim ersten Pass in die Spitze auch schon wieder vorbei.

Ein Ausreißer?

Nach dem 0:3 erlahmte die Schalker Gegenwehr, auch vom Trainer kamen keine neuen Impulse in Form weiterer Wechsel oder einer grundlegenden taktischen Umstellung. Werder konnte aus seiner tieferen Position heraus und mit seiner Aggressivität alles vom eigenen Tor fernhalten und hätte in Überzahl auch zu Null spielen sollen. Das Gegentor mit dem Schlusspfiff und einem Spieler mehr auf dem Platz mag für den Spielausgang unerheblich gewesen sein. Es passte aber nicht zum Kontext der Verteidigungsleistung und wird ganz sicher noch Gegenstand einiger Gespräche der kommenden Woche sein.

Für die Partie gegen Schalke haben Kohfeldt und sein Trainerteam aber anders als in der Vorwoche nicht nur die richtigen Ideen entwickelt, sondern auch das passende Personal für ihren Spielansatz gefunden. Werder definierte sich nicht über Ballbesitz und sein Positionsspiel, sondern einen guten Pressingansatz und vergleichsweise „einfachen“ Fußball. Lediglich 35 Prozent Ballbesitz und eine unterirdische Passquote von 52 Prozent waren Ausdruck dieser Ausnahmekonstellation, die es in der Art wahrscheinlich nicht mehr geben wird. Jedenfalls würde das nicht zum von Kohfeldt propagierten Bremer Stil passen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+