Die Säulen des Bremer Nachwuchskonzepts

Der Werder-Weg füllt sich mit Leben

Gegen Eintracht Frankfurt standen fünf Werder-Eigengewächse in der Startelf. Auch jenseits der eigenen Nachwuchsteams scheint das Bremer Jugendkonzept mehr und mehr zu fruchten.
28.01.2019, 20:42
Lesedauer: 4 Min
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Von Cedric Voigt

Es ist ein Stück Werder-Folklore: In Bremen, da werden „Stars gemacht und nicht gekauft“, wie es in der grün-weißen Hymne der Band „Afterburner“ heißt. Als „Werder-Weg“ wurde diese Philosophie eine Zeit lang gepriesen. Tatsächlich gehört die Entwicklung talentierter Nachwuchsspieler ein Stück weit zur Identität des Vereins – die großen Sponsoren sitzen anderswo, und wenn es schon nicht die Hochbegabten aus dem eigenen Leistungszentrum waren, so verstand man sich doch oft genug darauf, jungen Spielern eine Bühne zu bieten, die sich für größere Vereine empfehlen wollten.

Die Startaufstellung der Werderaner beim 2:2 gegen Eintracht Frankfurt ließ die Träume der Fußball-Romantiker dann tatsächlich ein Stück weit Wirklichkeit werden: Philipp Bargfrede, Max Kruse und Martin Harnik, 29, 30 und 31 Jahre alt, standen gemeinsam auf dem Platz mit dem 22-jährigen Maximilian Eggestein und seinem 20 Jahre alten Bruder Johannes. Allesamt kickten schon in der Jugend am Osterdeich. Es scheint sich eine Lücke geschlossen zu haben: Eine neue Generation Werder-Talente steht in den Startlöchern, die sich anschickt, die nie eingelösten Versprechen vorangegangener Jahrgänge vergessen zu machen.

Das Bremer Nachwuchskonzept steht dabei auf drei Säulen: Das Leistungszentrum bleibt immens wichtig. 32 Millionen Euro möchte Werder in einen Neubau in der Pauliner Marsch investieren, um nicht nur konzeptionell, sondern auch infrastrukturell eine Ausbildung auf Profi-Niveau zu gewährleisten. Daneben haben die Bremer Scouts ein Auge auf talentierte Spieler, die sich über den Umweg der eigenen U23 den letzten Schliff auf dem Weg in die Bundesliga holen sollen. Und schließlich ist Werder mittlerweile auch dazu bereit, Millionensummen in Perspektivspieler zu investieren.

Der eigene Nachwuchs

Das Herzstück der Bremer Talententwicklung ist noch immer der eigene Nachwuchs. Die besten Werbeträger für das Ausbildungskonzept heißen Eggestein: Maximilian ist bereits Leistungsträger, Johannes auf dem besten Weg in die Stammelf. Beide sollen zeitnah ihre Unterschrift unter neue Verträge setzen. „Werder hat ganz gute Chancen“, deutete Maximilian Eggestein die bevorstehende Verlängerung nach dem Frankfurt-Spiel bereits an.

Den talentierten Brüdern nachfolgen könnten Luca Plogmann und Manuel Mbom. Nachwuchs-Keeper Plogmann gab im Hinspiel gegen Frankfurt bereits sein Bundesliga-Debüt, Mbom schnupperte kurz vor Weihnachten gegen Borussia Dortmund bereits an seiner ersten Kader-Nominierung. Beide Talente gehören dem 2000er-Jahrgang an, haben also noch Zeit, sich zu entwickeln. Regelmäßige Einsätze in den deutschen U-Nationalteams und die silberne U17-Fritz-Walter-Medaille für Mbom 2017 machen Hoffnung auf mehr.

Die früh Entdeckten

Nicht minder wichtig sind jene Spieler, die Werder aus anderen Nachwuchsabteilungen abwirbt, um sie über den Zwischenschritt der U23 zu Bundesliga-Spielern zu formen. Jan-Niklas Beste soll so einer werden: Der offensivstarke Linksverteidiger und U-Nationalspieler stieß vor der Saison von Borussia Dortmund zum SV Werder und eroberte sich umgehend einen Stammplatz in der Bremer Zweitvertretung.

Auch international sind die Werder-Scouts im Einsatz: Mit erst 18 Jahren ist Josh Sargent nicht nur sechsfacher A-Nationalspieler der USA, sondern bekommt nach einigen Einsätzen in der U23 nun auch seine Minuten für Werder in der Bundesliga. Sportchef Frank Baumann ist zuversichtlich, dass Sargent, der noch einen Vertrag bis 2021 besitzt, in den kommenden Jahren „ein noch wichtigerer Bestandteil“ werden könne, als er es jetzt schon sei.

Dem Trend voraus

Spieler wie Jadon Sancho und Reiss Nelson zeigen, dass inzwischen immer mehr Bundesligisten auch den englischen Talente-Markt entdecken. Eine Entwicklung, die 2016 noch ein Stück entfernt schien. Schon damals aber verpflichtete Werder Milos Veljkovic aus der Jugend der Tottenham Hotspur. Heute ist der 23-Jährige serbischer Nationalspieler. „Grundsätzlich ist das natürlich ein Markt, wo man auch hinschaut“, erklärt Baumann. Allerdings müsse man sich „gezielt umschauen“, schließlich seien die Top-Talente „häufig sehr teuer“.

Die mutigen Investments

Dabei ist es auch für Werder inzwischen nicht mehr unüblich, siebenstellige Beträge in Perspektivspieler zu investieren. Eine Million Euro soll der 18-jährige Romano Schmid gekostet haben, ein österreichischer Kreativspieler, dem großes Talent nachgesagt wird. Baumann möchte den Youngster bis 2020 in die niederländische Eredivisie verleihen, doch noch hat sich kein Klub gefunden, der sowohl Bedarf als auch das nötige Kleingeld hat. „Deswegen kann es sein, dass es auch außerhalb von Holland weitergeht“, bestätigt Baumann – notfalls auch bei der U23.

Kein Leihkandidat ist hingegen Felix Beijmo. Der 20-Jährige Rechtsverteidiger kostete etwa drei Millionen Euro Ablöse – und müsse „weiter um seine Chance kämpfen“, erklärt Baumann. „Eine Perspektive zeigen wir ihm in jedem Training auf.“ Spielpraxis scheint bei Beijmo hinter der persönlichen Entwicklung, die man sich vom Schweden erhofft, zurückzustehen – eine Strategie, die im Anschluss an das Winter-Trainingslager mit dem Spieler besprochen worden sei.

Härtefall Friedl, Beispiel Rashica

Marco Friedl taucht zumindest regelmäßig im Werder-Kader auf. Zu Einsätzen kommt die Leihgabe des FC Bayern aber selten. Der Status des Österreichers ähnelt dem des gleichaltrigen Beijmo – aber auch Friedl möchte man bei Werder fest verpflichten, womöglich auch mit Blick auf die Nachfolge von Abwehrchef Niklas Moisander.

Ein Beispiel dafür, dass diese Art und Weise der Nachwuchsförderung durchaus funktionieren kann, findet sich bei Werder in den eigenen Reihen: Vor Jahresfrist lotste man Milot Rashica für eine Ablöse von sieben Millionen Euro von Vitesse Arnheim nach Bremen. Zum Stammspieler entwickelte sich der Kosovare erst im Dezember. Der 22-Jährige musste gezielt an seinem Defensivverhalten arbeiten – und scheint nun bereit, den neuen Bremer Jugendstil mitzuprägen.

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