Füllkrugs Weg zu alter Stärke Der Zauberer

Niclas Füllkrug ist auf dem besten Weg zurück zu alter Stärke, er begeistert sogar als Vorbereiter. Florian Kohfeldt überrascht diese Qualität nicht - wohl aber die Geschwindigkeit der Rückkehr aufs Topniveau.
07.09.2019, 13:48
Lesedauer: 5 Min
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Von Jean-Julien Beer

Es gibt Szenen im Fußball, die kann man sich gar nicht oft genug ansehen. Auch bei Werders Heimsieg gegen Augsburg gab es einen solchen Moment, und zwar schon lange bevor der junge Josh Sargent bei seinem Traumtor mal kurz den Messi spielte. Es lief erst die sechste Minute im Weserstadion, als der Ball – noch hinterm Mittelkreis – zu Niclas Füllkrug kam. Werders Torjäger war natürlich viel zu weit weg vom gegnerischen Strafraum, um selbst gefährlich zu werden. Was also tun? Er entschied sich, und das muss im Bruchteil einer Sekunde passiert sein, mal eben einen Pass für alle Fußball-Lehrbücher zu spielen: Ohne den Ball zu stoppen, schaufelte – oder besser: streichelte Füllkrug ihn über vier Augsburger hinweg in die Tiefe, exakt in den Lauf von Yuya Osako, der ihn zur Bremer 1:0-Führung ins Tor schoss. Die Fans sprangen jubelnd auf, und viele fragten sich nach der ersten Freude verblüfft: Wer hat denn diesen Pass gespielt?

Es geschah so schnell und war so elegant, dass man auf Füllkrug nicht unbedingt gekommen wäre. Er ist ja kein Thiago oder Coutinho. Er kam im Sommer vom Absteiger Hannover. Und zauberte jetzt einen Pass auf den Rasen, den sich unter der Woche mehr als 100.000 Menschen bei Youtube noch einmal anschauten.

„Unglaublicher Instinkt“

An der Seitenlinie klatschte ein Mann sehr zufrieden Beifall: Florian Kohfeldt. Dieser Füllkrug ist vor allem sein Spieler, er hat sehr früh sehr viel auf ihn gesetzt, als sich andere aus der Branche nach dem dritten Knorpelschaden des Stürmers längst zurückgezogen hatten. Werders Trainer aber sah die Chance, hier einen Spieler bekommen zu können, der ohne seine Knieprobleme längst für einen zweistelligen Millionenbetrag zu irgendeinem Champions-League-Klub gewechselt wäre. Genau diese Klasse ließ Füllkrug gegen Augsburg aufblitzen, bei seinem ersten Startelf-Einsatz im Weserstadion in dieser Saison. Sein Pass: genial. Sein Laufpensum: enorm. Seine Zweikampfstärke: überdurchschnittlich.

„Ich bin nicht überrascht, weil ich seine grundsätzlichen Fähigkeiten genau so eingeschätzt habe“, sagt Kohfeldt, „Niclas Füllkrug hat im vorletzten Jahr ans Tor zur Nationalmannschaft geklopft, nach seinem überragenden Jahr in Hannover. Auch da habe ich ihn schon intensiv beobachtet und bei weitem nicht nur an den Toren gemessen.“ Füllkrug sei zwar primär ein Spieler, der „einen unglaublichen Instinkt und Zug zum Tor“ habe, erklärt der Trainer, aber trotzdem könne Werders neuer Angreifer noch sehr viel mehr: „Er sucht zwar oft selbst den Abschluss und ist sicher kein klassischer Spielmacher, aber wie man beim Tor von Osako gesehen hat, ist er immer in der Lage, diesen letzten Pass zu spielen.“

Lob an medizinische Abteilung

Einen Spieler mit einem solchen Repertoire für nur 6,3 Millionen Euro bekommen zu haben, dazu im besten Alter von gerade einmal 26 Jahren, geht als höchst lukratives Preis-Leistungs-Verhältnis durch. Vor zwei Jahren noch wollte Borussia Mönchengladbach 20 Millionen für Füllkrug bezahlen, doch dann gab es wieder Probleme mit den Knien. Drei Knorpelschäden musste der Angreifer bereits überstehen, links wie rechts. Tückische Verletzungen, die viele Klubs abschrecken. „Aber für mich war das ein typischer Werder-Transfer“, erklärt Kohfeldt, „wir haben für gutes Geld einen Spieler bekommen, der zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft gehörte und der trotzdem noch entwicklungsfähig ist. Es war kein komplett risikoloser Transfer, aber ganz ohne Risiko bekommen wir einen solchen Spieler eben nicht nach Bremen.“

Seit dem Trainingsstart Ende Juni wurde Füllkrug behutsam aufgebaut, nachdem er zuvor in Hannover wegen der schweren Verletzung lange ausgefallen war. Auch Kohfeldt ist positiv überrascht, „in welcher Geschwindigkeit er diese Form nun wieder gefunden hat. Das Knie war zwar vom ersten Tag der Vorbereitung an kein Problem mehr, er ist gesund zu uns gekommen. Trotzdem mussten wir eine fast achtmonatige Ausfallzeit aufarbeiten„, erklärt der Coach. “Er hat es schnell geschafft, sich wieder in diese Spielform zu bringen, die ihn eigentlich vor etwa zwei Jahren ausgezeichnet hat. Da muss ich unsere athletische und medizinische Abteilung loben, wie wir das alle gemeinsam gesteuert haben.“

Mannschaftsdienlich statt egoistisch

Am ersten Spieltag gegen Düsseldorf kam Füllkrug von der Bank und hätte fast noch das Spiel gedreht, in Hoffenheim spielte er erstmals von Beginn an und schoss sofort sein erstes Tor. Und nun die starke Vorstellung gegen Augsburg. „Jetzt“, schwärmt Kohfeldt, „ist er auf einem sehr, sehr guten Niveau.“ Auch Füllkrug selbst ist überzeugt, dass seine Kraft bereits für 90 Minuten reichen würde. Er ist eh kein Freund von Ein- oder Auswechslungen, ein Vollblut-Stürmer wie er will immer spielen. Gerade jetzt, wo er bei Werder in einer Mannschaft mitwirkt, die immer nach vorne spielen möchte. „Unser Zusammenspiel nach vorne klappt bereits sehr gut“, freut sich Füllkrug, „wir hatten in allen Spielen viele Torschüsse und viele Flanken.“ Etwas präziser könnten dies Vorlagen vielleicht noch zu ihm in den Strafraum fliegen, merkt er an, „weil wir vorne jetzt Stürmer haben, die den Strafraum besetzen, das war ja letzte Saison bei Werder noch nicht so extrem.“

Gegen Augsburg hießen diese Stürmer Sargent und Füllkrug, dahinter dirigierte Doppeltorschütze Osako die Angriffe. „Wir drei haben vorne sehr gut harmoniert“, sagt Füllkrug, „die Abstimmung war gut, wir hatten immer die Box besetzt, sind gut nach außen ausgewichen. Unser Offensivspiel war insgesamt ganz gut.“ Es passt zu ihm, dass er oft von „Wir“ redet und sehr selten von „Ich“, er ist ein sehr mannschaftsdienlicher Akteur; vor allem, wenn er in der Startelf steht. Seinen Sensationspass auf Osako zur frühen Führung kommentiert er mit einem kurzen Lächeln, fast schon beiläufig: „Es hatte mit einem eigenen Tor diesmal irgendwie nicht klappen wollen. Deshalb freue ich mich darüber, dass ich wenigstens ein Tor vorbereiten konnte. Ich habe die ganzen letzten Jahre immer auch einige Tore vorbereitet.“ Diese Entwicklung vom Zentrumsstürmer zum Rundum-Fußballer war Claudio Pizarro schon früh in diesem Sommer aufgefallen. Der Oldie spielte schon mit dem jungen Füllkrug bei Werder zusammen, bevor der in der Liga auf Wanderschaft ging. „Die Jahre haben Niclas gut getan“, lobt Pizarro, „er hat sich sehr gut entwickelt und ist nun ein richtig kompletter Angreifer.“

Pause zur rechten Zeit

Das sieht auch Kohfeldt so, denn neben dem Zug zum Tor und den Passqualitäten bringt Füllkrug noch ein wichtiges Element für den Werder-Fußball ein: „Er ist sehr aktiv gegen den Ball, im Gegenpressing und auch im Anlaufen aus der Ordnung – und somit von den Grundlagen her ein ziemlich kompletter Stürmer.“ Und auch im Kopf ist er sehr stabil und auf dem Weg zum Führungsspieler. Nach dem verpatzten Saisonstart mit null Punkten aus zwei Spieler war es Füllkrug, der vor dem Augsburg-Spiel zur Mannschaft sagte: „Ich bin sicher, dass wir dieses Spiel gewinnen.“ Woher seine Überzeugung kam? „Ich bin durch die Niederlagen kein Stück unruhig geworden. Natürlich ist es blöd, wenn du die ersten zwei Spiele verlierst, aber ich weiß doch, was wir können.“

Seit dem Augsburg-Spiel wissen auch immer mehr Fans, was Füllkrug so alles kann. Damit er diese Form konservieren kann, die ihn vor zwei Jahren zum Fast-Nationalspieler machte, kommt ausgerechnet die Länderspielpause wohl gerade recht. „Die Pause wird ihm gut tun“, sagt Kohfeldt, „er wird gezielt arbeiten und Kraft aufbauen – und dann ist er komplett drin in dieser Saison.“ Spielt Füllkrug nur annähernd so weiter, wird er automatisch zu Werders Königstransfer in diesem Sommer. Sollte er demnächst wieder 20 Millionen und mehr wert sein, hätte Werder alles richtig gemacht. Sportlich und wirtschaftlich.

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