Werders 0:4-Pleite gegen die Bayern Diagnose: "Zu ängstlich"

Sichtlich verärgert zog Werder-Kapitän Clemens Fritz nach der 0:4-Niederlage gegen Bayern sein Fazit - und fand deutliche Worte. Trainer Viktor Skripnik war allerdings "stolz" auf sein Team.
15.03.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Diagnose:
Von Timo Sczuplinski

Clemens Fritz musste lange überlegen. Der Abpfiff war gerade erst fünf Minuten her. Und so unmittelbar nach dem Spiel sagen wütende Bundesligaspieler manchmal Sachen, die sie so deutlich eigentlich gar nicht sagen wollten. Clemens Fritz sprach es dann aber doch einfach gerade heraus, was er dachte: „Ich glaube, wir hatten schon vor dem Spiel ’nen Kolben in der Hose“, sagte Werders Kapitän nach der 0:4-Niederlage im Weserstadion gegen den FC Bayern München.

Es gehe ihm „auf den Sack“, dass es am Ende doch wieder solch eine ähnlich hohe Niederlage geworden war, wie sie die Bremer in den vergangenen Jahren ständig von den Bayern verpasst bekamen. „Zu ängstlich“ seien sie in das Spiel gegangen, fand Fritz.

Diese Ängstlichkeit war genau das Gegenteil von dem, was die Bremer sich gegen den FC Bayern vorgenommen hatten. Mutig wollten sie sein; frech und selbstbewusst, so wie sonst auch in der Rückrunde, in der sie bis zu diesem Sonnabend genau so viele Punkte geholt hatten wie die Münchner (16). Der Vorsatz hielt etwa nur zehn Minuten. Zwar hatte Levin Öztunali gleich nach 41 Sekunden fast die Bremer Führung geschossen, und nur eine Minute später stand plötzlich Theo Gebre Selassie frei aber erfolglos vor dem Münchner Tor.

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Doch danach spürte man nur noch wenig vom Bremer Mut. Zwei Pässe hatten den Bayern gereicht, um unter Bedrängnis aus der eigenen Hälfte vor das Bremer Tor zu kommen, wo Thomas Müller im zweiten Versuch mit einem gefühlvollen Schlenzer den ersten Münchner Treffer beisteuerte (24.). Den Bremern gelang es nur noch selten, sich aus der bayrischen Umklammerung zu befreien. Die Gäste – immerhin ohne Arjen Robben, Franck Ribéry, Manuel Neuer und Xabi Alonso nach Bremen gereist, verblüfften mit ihrer Routine. Und als David Alaba vor der Pause mit einem weiteren sehenswerten Schlenzer, dieses Mal in den rechten Giebel, per Freistoß auf 2:0 erhöhte, wurde es im Weserstadion ziemlich still.

Hitzige Szenen

„Wenn das ein Bonusspiel sein sollte, dann musst du auch so spielen, als wäre es eins“, sagte Clemens Fritz. Ihre Zurückhaltung legten die Bremer erst im zweiten Durchgang ab. Vom mitunter langweiligen Kick der ersten 45 Minuten war nun plötzlich kaum noch etwas zu spüren. Passend zur Vorgeschichte dieses Nord-Süd-Duells gab es nun sogar Szenen, die eher an Eishockeyspiele erinnerten. Als Medhi Benatia erst Clemens Fritz foulte und einen Wimpernschlag später Sebastian Prödl eben jenen Benatia erwischte, gab es die erste von vier Rudelbildungen.

Später rauschte Zlatko Junuzovic in Bastian Schweinsteiger hinein, und wieder schubsten sich die Roten und die Grünen. Santiago Garcia und Thomas Müller fuchtelten umher und schrien sich an (Müller: „Wir haben uns gut unterhalten.“). Brust an Brust, Stirn an Stirn standen sich die Spieler nun gegenüber. Im Minutentakt ging das so. Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer musste sechs Gelbe Karten verteilen, verhinderte aber, dass aus es zu handfesteren Auseinadersetzungen auf dem Platz kam. „Das war noch harmlos, beim Eishockey hätte es eher was auf die Mappe gegeben“, sagte Fritz.

Der Funke war längst wieder auf das Publikum übergesprungen. Plötzlich sang das ganze Stadion – egal ober Bayer oder Bremer: „Ohne Schiri habt ihr keine Chance.“ Doch viel ließ sich der Schiedsrichter Kinhöfer an diesem Tag gar nicht zu Schulden kommen. Auch Thomas Eichin, der in der Woche vor der Partie noch an die Schiedsrichterschaft appelliert hatte, den Respekt vor den Bayern abzulegen, konnte keinen Schiri-Bonus für die Münchner entdecken. Werders Manager, der sich vor dem Spiel kurz mit Bayerns Sportchef Matthias Sammer die Hand reichte (Eichin: „Wir haben uns kurz begrüßt, das reicht dann auch.“) hatte nichts zu meckern – oder wollte einfach nicht.

Und das, obwohl es eine gravierende Fehlentscheidung gegen Werder gab. Als Fin Bartels nach einer Ecke ins Bayern-Tor traf (65.), pfiff Kinhöfer die jubelnden Bremer zurück. Er hatte ein Handspiel von Sebastian Prödl gesehen, allerdings auch das heftige Zerren an dessen Trikot durch Jérôme Boateng übersehen. Es gab Freistoß für Bayern, statt Tor oder Elfmeter für Werder. Einen Fehler, den der Unparteiische später zugab. „Das zu sehen, ließ meine Position und die meiner Assistenten nicht zu. Wenn wir die Fernsehbilder gesehen hätten, hätten wir auf Strafstoß entschieden“, sagte Kinhöfer. Werder hatte weitere Möglichkeiten, das Spiel noch einmal spannend zu machen. Doch entweder war Bayerns Torwart Pepe Reina bei einem kuriosen Weitschuss von Bartels zur Stelle. Oder Davie Selke ließ sich, wenn er denn mal gefährlich vor das Gäste-Tor kam, zu viel Zeit beim Abschluss.

Als Werder endgültig wieder an sich glaubte, machte Bayern kurzen Prozess, indem Lewandowski seine Saisontore zwölf und 13 schoss, was Werders Clemens Fritz schließlich so sehr ärgerte. Seinen Trainer Viktor Skripnik hatte die Höhe der Niederlage offenbar weniger stark beeindruckt. „Ich bin stolz auf dieses 0:4. Ich nehme diese Niederlage gerne mit“, sagte der Bremer Trainer.

Spielstatistik: Werder Bremen - Bayern München 0:4 (0:2)

Werder: Wolf - Gebre Selassie, Prödl, Vestergaard, Garcia (83. Sternberg) - Bargfrede, Fritz, Junuzovic, Öztunali (64. Hajrovic) - Bartels (90. Kroos) Selke
Bayern: Reina - Rafinha (84. Weiser), Benatia, Boateng (83. Dante), Bernat - Schweinsteiger - Müller, Götze (81. Lahm), Rode, Alaba - Lewandowski
Tore: 0:1 Müller (24.), 0:2 Alaba (45.), 0:3 Lewandowski (76.), 0:4 Lewandowski (90.)
Gelbe Karten: Prödl, Junuzovic, Garcia - Benatia, Rafinha, Boateng
Schiedsricher: Thorsten Kinhöfer (Herne)
Zuschauer: 41.000 (ausverkauft)
Ballbesitz in %: 28 - 72
Torschüsse: 6 - 13
gew. Zweikämpfe in %: 45,7 - 54,3
Fouls: 20 - 16
Ecken: 3 - 3

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