Zurückgeblättert: 20. Januar 1969

„Die besten Chancen nicht genutzt“

Seit 1963 spielt Werder in der Bundesliga, mehr als fünf Jahrzehnte, in denen sich im Fußball, bei Werder und in der Berichterstattung viel verändert hat. Mein Werder zeigt die Originaltexte und Zeitungsseiten.
22.01.2019, 12:01
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Von mw
„Die besten Chancen nicht genutzt“
Archiv Weser-Kurier

Der WESER-KURIER schrieb am 20. Januar 1969:

„Wenn wir etwas Glück gehabt hätten„, behauptete Werders Mannschaftsführer Heinz Steinmann hinterher, „es wären rund ein halbes Dutzend Tore für uns gefallen!“- „Wenn wir etwas Glück gehabt hätten„, mutmaßte einige Minuten später der Kaiserslauterner Trainer Egon Piechaczek, „wären wir mit einem Unentschieden nach Hause gefahren!“ Einer von beiden, so scheint es, verfälschte hier die Tatsachen ein wenig.

Doch der Schein trügt: Weder Heinz Steinmann noch Egon Piechaczek sagten die Unwahrheit. Denn wenn der 1. FC Kaiserslautern in der letzten Minute des Bundesligaspiels gegen Werder, als Geisert frei vor Bernard stand, das Schußglück gehabt hätte, das den Bremern 89 Minuten lang so gefehlt hatte — die Begegnung wäre tatsächlich 2:2 ausgegangen. So jedoch blieb es beim 2:1 für Werder und damit bei einem Ergebnis, das nicht im entferntesten ausdrückt, wie überlegen Werder vor 11.500 Zuschauern spielte.

Der 1. FC Kaiserslautern war offensichtlich mit dem Vorsatz nach Bremen gekommen, um jeden Preis ein Werder-Tor zu verhindern und damit einen Punkt mitzunehmen. Den Beweis dafür, daß ihnen selbst ernsthaft an einem Treffer gelegen war, blieben die Gäste zumindest bis zur Pause schuldig. Denn bis dahin waren sie kaum einmal über die Mittellinie gekommen, was sich unschwer mit einem Blick auf das Spielfeld feststellen ließ: Im und um den Strafraum der Pfälzer glich der Platz einem frisch gepflügten Acker, während der Rasen auf der anderen Seite bis dahin kaum Beschädigungen aufwies.

Daß beim Schlußpfiff der gesamte Platz ein geradezu trostloses Bild bot, dürfte der Beweis dafür sein, daß sich auch nach dem Seitenwechsel wenig am Spielgeschehen änderte. Egon Piechaczek hatte eine Entschuldigung für die mangelnde Angriffslust seiner Schützlinge bereit: »Wir mußten solch ausgezeichnete Spieler wie Rumor und Windhausen ersetzen„, erläuterte er. .Da blieb uns nichts anderes übrig, als mit acht Mann zu verteidigen!“ Bis zur Pause schien der Plan der Gäste aufzugehen, was jedoch weniger an der guten Abwehrleistung der Pfälzer als vielmehr an der kaum glaublichen Unsicherheit der Bremer beim Ausnutzen ihrer Chancen lag.

Es begann mit Görts, der bereits in der vierten Minute aus wenigen Metern freistehend über das Tor köpfte. Und wollte man alle weiteren großen Werder-Chancen aufzählen — es bedürfte etlicher Absätze. Daher nur noch das „Prunkstück" der verpaßten Gelegenheiten: Bernd Rupp trat in der 28. Minute einen Ball über das Tor, der ohne sein Zutun vermutlich den Weg ins Netz gefunden hätte. Doch, wie so oft bei ähnlichen Spielen, fielen die Tore in Situationen, in denen niemand damit rechnete: In der 46. Minute nahm Görts einen Höttges-Freistoß direkt an und setzte ihn ins Netz, fünf Minuten später machte Geisert es ihm nach: Einen von Friedrich kurz angehobenen Ball jagte er unter die Latte, Werder-Torwart Bernard war von der eigenen Mauer die Sicht versperrt gewesen.

Noch überraschender fiel das Siegtor für Werder: In der 58. Minute gab Max Lorenz aus rund 20 Metern einen Schuß ab, der keine Gefahr für den ausgezeichneten Schlußmann Stabel zu bedeuten schien. Doch Geisert fälschte den Ball so unglücklich ab, daß Stabel keine Chance hatte. Tore also, die — gemessen an den vielen großen Chancen — eigentlich nicht zu fallen brauchten, die jedoch für Werder mehr als verdient waren. Denn den Bremern ist nach diesem Spiel außer ihrer Unsicherheit im Abschluß nichts vorzuwerfen — so überzeugend war die Mannschaftsleistung. Es ist sicherlich nicht einfach, gegen eine solch massive Abwehr wie die der Pfälzer so viele Chancen herauszuspielen — daß Werder es dennoch schaffte, ist der beste Beweis für die Stärke der Bremer.

Drei Spieler trugen vor allem dazu bei: Ole Björnmose, Horst Höttges und Bernd Schmidt. Der Däne war gegenüber den letzten Monaten kaum wiederzuerkennen: Er war ständig in Bewegung, nach den ersten geglückten Aktionen stellte sich das alte Selbstbewußtsein wieder ein, er gewann fast alle Zweikämpfe und schlug serienweise Musterpässe. „Im Mittelfeld fühle ich mich wohler", begründete er seinen unerwarteten Leistungsanstieg. Vielleicht sollte Trainer Langner zumindest in Heimspielen die gegen Kaiserslautern gewählte Angriffsformation beibehalten, denn Görts bewies, daß er sich auch gegen eine dichte Abwehrkette als Mittelstürmer durchzusetzen weiß, woran Björnmose zuletzt meist scheiterte.

Auch der Schachzug, Höttges im Mittelfeld gegen den Pfälzer Spielmacher Friedrich zu stellen, war ein voller Erfolg. Von Friedrich war 90 Minuten lang nichts zu sehen, während Höttges unermüdlich das eigene Spiel ankurbelte. Und dabei fand er oft wirkungsvolle Unterstützung in Bernd Schmidt, der Schütz in der Abwehr hervorragend vertrat und bei seinen Vorstößen ausgezeichnete Szenen hatte. Trainer Langner wäre schlecht beraten, würde er Schmidt nach der Genesung von Schütz wieder aus der Mannschaft nehmen. Da auch die Verteidiger Piontek und Lorenz, so oft es die Situation erlaubte, nach vorne „marschierten", war die Bremer Überlegenheit während des gesamten Spiels so drückend, daß die Mannschaft an diesem Tage sogar die wenig überzeugenden Leistungen von Rupp, Ferner und Zebrowski verkraften konnte.

Diese Mannschaftsleistung, verbunden mit der Formsteigerung von Björnmose und Schmidt, sollte die Bremer wieder etwas optimistischer in die Zukunft blicken lassen — der Abstiegszone sind sie zumindest vorerst entronnen. Davon war auch Trainer Piechaczek nach dem Schlußpfiff überzeugt: „Wir steigen nicht ab — aber Werder auch nicht", prophezeite er.

Werder Bremen: Bernard, Piontek, Höttges, Schmidt, Steinmann, Lorenz, Zebrowski (70. Schweighöfer), Ferner, Görts, Björnmose, Rupp.

1. FC Kaiserslautern: Stabel, Koppenhöfer, Schwager, Klein, Diehl, Geisert, Friedrich, Hansing, Hasebrink, Rehhagel, Kentschke.

Schiedsrichter: Voß (Angelmodde).

Zuschauer: 11.500.

Tore: 1:0 Görts (46.), 1:1 Geisert (51.), 2:1 Lorenz (53.).

Das hochauflösende PDF der Original-Zeitungsseite gibt es hier (bei iOS den Link länger gedrückt halten).

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