Ein Dilemma für Werder Die Crux mit der Klausel

Ausstiegsklauseln wie bei Max Kruse sind Standard im Fußballgeschäft. Für Werder sind diese vertraglichen Konstruktionen Fluch und Segen zugleich.
06.07.2017, 19:03
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Die Crux mit der Klausel
Von Christoph Sonnenberg

Vergangenen Sonntagabend klingelte das Handy von Claudio Pizarro. In der Leitung war Max Kruse, und Kruse hatte keine gute Laune. Es war der Tag, an dem Werder die Trennung von Pizarro bekannt gegeben hatte. Der Entschluss, den in der gesamten Mannschaft beliebten Stürmer auszusortieren, kam für Kruse überraschend und bei ihm gar nicht gut an. Nach und nach riefen weitere, mittlerweile ehemalige Mitspieler bei Pizarro an, um ihre Verwunderung auszudrücken. Alle im Team hätten ihn gerne ein weiteres Jahr dabei gehabt, Pizarro war beliebt und wurde bewundert.

Schlechte Laune innerhalb einer Mannschaft ist nie gut. Bei Kruse ist sie für Werder jedoch von deutlich größerer Bedeutung. Er ist der Schlüsselspieler im System, das Aushängeschild, die grüne Kirsche auf der weißen Sahne. Ein Spieler für den besonderen Moment, einer, für den die Menschen ins Stadion gehen, um seine Kunst zu bewundern.

Man mag sich die vergangene Saison ohne Kruse gar nicht vorstellen. 15 Treffer und sieben Vorlagen in nur 23 Spielen sind die Bilanz eines Topspielers. Kruse war es, der die Bremer im Schlussdrittel der Saison in Richtung internationalen Wettbewerb führte. Er zog die Fäden im Spiel, schoss Tore oder spielte Pässe in einer Art und Weise, die seine große Begabung belegten. Kruse ist ein Spieler, der den Unterschied macht, der eine Mannschaft auf ein anderes, ein höheres Niveau hebt. Aber Kruse besitzt auch eine Ausstiegsklausel in seinem bis 2019 laufenden Vertrag. Für festgeschriebene zwölf Millionen Euro kann er aus seinem Kontrakt herausgekauft werden. Es gibt im Umkehrschluss also keine Garantie, dass Kruse auch kommende Saison im Werder-Trikot aufläuft. Und das ist keine angenehme Situation.

Werder hat kaum Einfluss

Bestätigen will Sportchef Frank Baumann die Existenz der Klausel in Kruses Vertrag natürlich nicht. „Ich bin ganz entspannt“, sagt er ganz allgemein zur Situation. Einen Transfer Kruses schließt er grundsätzlich aber nicht aus. Er begrenzt jedoch die Verlockungen, denen Kruse erliegen könnte. „Max wird nur gehen, wenn es ein Topklub wie Liverpool oder Chelsea ist. Und sie ihn überzeugen, dass er sportlich eine Rolle spielt. Dann wird er das machen wollen.“ Einen Wechsel um des Geldes Willen schließt Baumann dagegen aus: „Max wird nicht zu Hoffenheim, Schalke, Everton oder Southampton gehen.“

Großen Einfluss hat Werder darauf aber nicht. Erfüllt ein Klub die finanziellen Bedingungen und einigt sich mit Kruse, muss Baumann tatenlos zuschauen. Neu wäre diese schmerzhafte Erfahrung nicht. 2015 zog Franco Di Santo am 25. Juli eine Ausstiegsklausel, um zu Schalke zu wechseln. Es war am Tag der Fans, als sein Abschied bekannt wurde, die Stimmung kippte schlagartig ins Negative. Der Tag, der als großes, buntes Fest geplant war, wurde zu einem Imageschaden.

Ausstiegsklauseln sind sehr individuell gestaltet. Bei Di Santo endete die Option auf einen Wechsel jeweils zum 30. Juli, viel Zeit blieb ihm im Sommer 2015 also nicht mehr. Werder kassierte immerhin sechs Millionen für einen Spieler, der zwei Jahre zuvor ablösefrei aus England gekommen war. Der Überraschungseffekt und die verbleibenden vier Wochen bis Transferschluss setzten den damaligen Manager Thomas Eichin gehörig unter Druck. Noch kurz zuvor hatte Di Santo dem Trainerstab seinen Verbleib versichert, jetzt musste schnellstmöglich Ersatz her. Ob Kruses Klausel zeitlich eingegrenzt ist, ist nicht bekannt.

Kruse sauer wegen Bruns

Es ist die Crux mit der Klausel. Mal eben kurz vor Saisonstart einen wichtigen oder gar den wichtigsten Spieler zu verlieren, ist nicht lustig. Die Stimmung in und um einen Verein ist von großer Bedeutung, aber fragil. Sie kann sportlich beflügeln, sie kann umgekehrt aber auch belasten. Besonders, wenn sie schnell von einem Extrem ins andere kippt. Tatsache ist aber, dass ein Klub wie Werder heutzutage keinen Spieler der Kategorie Kruse oder Serge Gnabry ohne Ausstiegsklausel bekommt. Baumann muss sie akzeptieren oder auf die Verpflichtung verzichten.

Gnabry war trotz des nur einjährigen Gastspiels ein sehr wichtiger Bestandteil der Mannschaft. Durch wichtige Tore, spektakuläre Dribblings oder Pässe spielte er sich und damit auch Werder in den Fokus. Mit seiner Nominierung vergangenen Herbst gab es endlich wieder einen Bremer Nationalspieler. Und nicht zuletzt blieben unter dem Strich drei Millionen Euro hängen. Für fünf Millionen wechselte er von Arsenal nach Bremen, acht Millionen musste Bayern laut Ausstiegsklausel zahlen. Für die sportlichen Ziele und die Stimmung wäre es aber ohne Zweifel besser gewesen, Gnabry hätte weiter für Werder gespielt.

Ein schlecht gelaunter Kruse ist also nicht gut für Werder, er ist wie ein leuchtend rotes Alarmsignal. Neben der Pizarro-Episode kommt nämlich eine weitere hinzu, die bei Kruse für Missfallen sorgte: Dass Alexander Nouri seinen Co-Trainer Florian Bruns aussortiert hat. Bruns war in der Mannschaft außerordentlich beliebt, mit Kruse spielte er drei gemeinsame Jahre für den FC St. Pauli. Die besondere Bindung wurde am letzten Spieltag beim 3:4 in Dortmund jedem deutlich. Am Freitag vor dem Spiel wurde die Mannschaft über das Ende von Bruns informiert. Als Kruse am Sonnabend zur zwischenzeitlichen 3:2-Führung traf, rannte er zur Trainerbank, um mit Bruns seinen Treffer zu bejubeln. Nouri blieb die Rolle des Zuschauers. Ein symbolisches Bild für die Stimmung zwischen Star und Trainer. Einen Symbolwert hätte auch ein vorzeitiger Abschied Kruses, aber keinen schönen für Werder.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+