Die Lehren aus dem Test gegen Everton

Die eine Null beruhigt, die andere nicht

Werder bleibt in der Vorbereitung ungeschlagen. Beim 0:0 im Test gegen Everton wurde aber deutlich, dass Niclas Füllkrug besser bedient werden muss. Daran soll bis zum Pokalspiel gegen Atlas gearbeitet werden.
04.08.2019, 12:21
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer
Die eine Null beruhigt, die andere nicht
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Nach seinem ersten Spiel als neuer Kapitän wischte sich Niklas Moisander zufrieden den Schweiß von der Stirn. „Es war sicher kein Topspiel von uns, aber das ging auch nicht nach der harten Woche im Trainingslager“, sagte Werders Abwehrchef nach dem 0:0 im letzten Test gegen den FC Everton. Auch mit der Binde am Arm agierte Moisander so, wie man ihn kennt: zuverlässig, ballsicher und abgeklärt. In ihm drin aber, verriet er, sah es diesmal schon ein wenig anders aus: „Es war ein sehr schönes Gefühl, ein bisschen anders als sonst. Ich freue mich einfach, für diesen großen Verein als Kapitän zu spielen.“

Vor allem aber freute es ihn, dabei nicht verloren zu haben. Wieder nicht. Florian Kohfeldt hatte dieses neue Werder-Gefühl im Trainingslager vor der Mannschaft thematisiert. „Jungs, wir verlieren nicht mehr!“, sagte der Trainer und verwies auf alle Testspiele in diesem Sommer und auf das Saisonende, als die Bremer auch gegen spielstarke Gegner wie RB Leipzig und Hoffenheim gewannen und gegen Borussia Dortmund ein Unentschieden erreichten. Kohfeldt leitet daraus ein neues Selbstverständnis ab, so nach dem Motto: Selbst wenn es mal nicht optimal läuft, muss uns erst einmal einer schlagen.

„Es ist wichtig, nicht zu verlieren“

Everton war exakt so ein Spiel. Werder war erkennbar müde nach der harten Trainingswoche in Grassau, und der starke Gegner aus der Premier League war unangenehm zu spielen, wuchtig, schnell und am Ball teils genial. „Es war ein guter letzter Test, weil wir nicht verloren haben“, betonte Moisander deshalb, „es ist einfach wichtig in einer Saisonvorbereitung, dass du nicht verlierst. Und auch wenn uns die Frische fehlte, haben wir gegen die guten und sehr schnellen Angreifer von Everton trotzdem die Null gehalten“. Und es stimme schon, pflichtete der Kapitän seinem Cheftrainer bei, „wir haben jetzt dieses Selbstvertrauen, das in solchen Spielen schaffen zu können“.

Und das mit einer Viererkette, die zum Start der Vorbereitung niemand so vorausgesagt hätte. Neben Moisander verteidigte Christian Groß zentral in der Viererkette, der routinierte Kapitän der Bremer U23 erledigte diese Aufgabe auch gegen Everton vor der imposanten Kulisse von 30.166 Zuschauern nicht schlecht. Vor allem in der Defensive war das über weite Strecken mehr als solide, im Spiel nach vorne merkt man dem 30-Jährigen unter Druck natürlich an, dass er gewöhnlich nicht gegen englische Topteams aufläuft, sondern in der Regionalliga. Wegen der verletzten Sebastian Langkamp und Milos Veljkovic muss Groß seit Wochen bei den Bundesliga-Profis aushelfen. „Er war auch gegen Everton wieder sehr sicher“, lobte Moisander seinen Nebenmann, „er hat es schon die ganze Vorbereitung überragend gemacht und immer durchgespielt. Er ist super fit. Ein guter Spieler, er kann das auch im Pokal machen.“

Auch im Pokal hinten mit Groß?

Es ist nämlich durchaus möglich, dass zum Pflichtspielstart am kommenden Sonnabend gegen Delmenhorst exakt die Viererkette aus dem Everton-Test aufläuft: mit Moisander und Groß in der Mitte, flankiert von Theo Gebre Selassie rechts und Marco Friedl links. „Diese Viererkette würde mich nicht nervös machen“, sagte Kohfeldt mit Blick auf das Erstrunden-Duell im Weserstadion gegen Atlas Delmenhorst, „wenn wir mit dem jetzigen Kader so zusammenbleiben, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Kette so bleibt.“ Nur ein plötzlicher Neuzugang für die Abwehr oder eine völlig problemlose Trainingswoche des immer noch überlasteten Ludwig Augustinsson könnten daran wohl etwas ändern.

Der Test gegen Everton am „Tach der Fans“ genoss aber nicht nur wegen der Abwehr besondere Bedeutung, sondern auch wegen Niclas Füllkrug. Der neue Torjäger ist am ersten Bundesligaspieltag gegen Fortuna Düsseldorf nach seiner langen Verletzungspause eher noch kein Startelf-Kandidat, wie Kohfeldt bereits durchblicken ließ. Eine Woche zuvor gegen Oberligist Delmenhorst stehen seine Chancen aber gut, auch deshalb durfte Füllkrug gegen Everton von Beginn an spielen und wurde erst in der zweiten Halbzeit durch Josh Sargent ersetzt. Gegen Delmenhorst erwartet Kohfeldt natürlich ein sehr einseitiges Spiel mit viel Ballbesitz. „Da müssen wir die Box gut besetzen“, sagte der Trainer und meint damit den gegnerischen Strafraum, „das kann für Füllkrug und für Sargent sprechen“. Gegen Everton wurde in der ersten Halbzeit jedoch ein grundsätzliches Problem deutlich: Mehrfach lief sich Füllkrug im Strafraum in aussichtsreicher Position frei und wartete darauf, einen Ball versenken zu können. Jedoch: Es kam kein Ball. Füllkrug haderte auf dem Feld ein wenig damit, ein beherzter Weitschuss blieb so seine einzige und damit beste Torchance.

Kohfeldt kündigt Torschusstraining an

Natürlich fiel das auch Kohfeldt auf, der nach dem Spiel dazu erklärte: „Es ist schon so, dass sich die anderen noch daran gewöhnen müssen, dass wir jetzt so einen Spieler in der Box haben. Nichts gegen Max Kruse, aber der hätte da vorne nie gestanden. In dem Fall müssen sich unsere Außenverteidiger und auch Yuya Osako noch daran gewöhnen, die Bälle vorne im richtigen Moment rein zu spielen.“ Am Mittwoch, so kündigte Kohfeldt an, werde das ein großes Thema im Training sein. Schließlich soll gegen Delmenhorst kein Werder-Stürmer vergeblich auf Bälle warten, ganz gleich, ob Füllkrug oder Sargent im Strafraum lauern. Ohnehin soll es nach den intensiven mannschaftstaktischen Blöcken im Training nun vermehrt um das gehen, was gegen Everton noch fehlte und gegen Delmenhorst oder eine Woche später gegen Düsseldorf nicht fehlen darf: um Tore. „Am Dienstag und am Mittwoch werden wir im Training viele Torabschlüsse haben“, frohlockte Kohfeldt, „danach werde ich für mich entscheiden, wer im Angriff gegen Delmenhorst beginnt.“

Die Antwort wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Füllkrug heißen, auch wenn Sargent im zweiten Durchgang gegen Everton einen starken Eindruck hinterließ, aber wie auch Osako oder Milot Rashica in diesem Spiel einfach nicht den Ball über die Torlinie brachte. Im entscheidenden Moment war Evertons Keeper Jordan Pickford zu reaktionsschnell.

Jetzt der „Ernstfall“ gegen Atlas

Auch Moisander vermisste im Bremer Angriffsspiel „etwas die Schärfe“. Doch so sehr ihn die Null in der Defensive freute, so wenig besorgte ihn die Null im Sturm. „Die Abläufe vorne sind gut drin“, lobte der Kapitän pflichtbewusst, „die Tore kommen mit der notwendigen Frische“. Auch Kohfeldt bewertete den letzten Test deshalb „tendenziell positiv“. Und jetzt komme „der Ernstfall“, das Flutlichtspiel im DFB-Pokal gegen Atlas Delmenhorst. „Wir werden das angehen wie ein Bundesligaspiel“, kündigte der Trainer an. Für den Gegner bedeutet das nichts Gutes. Für die Zuschauer hingegen schon.

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