Applaus statt Pfiffe für die Werder-Profis

Die geduldigsten Fans der Liga

Das Werder-Spiel gegen Mainz war schwer zu ertragen, und trotzdem hielten sich die Pfiffe im Stadion in Grenzen. Die Profis bekamen nach dem Abpfiff in der Ostkurve sogar Applaus.
19.12.2019, 09:04
Lesedauer: 2 Min
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Von Christoph Sonnenberg und Christoph Bähr
Die geduldigsten Fans der Liga

Zuspruch für die Werder-Profis: Nach dem 0:5-Debakel gegen Mainz bekamen Milot Rashica und Co. in der Ostkurve aufmunternde Worte und Applaus zu hören.

dpa

Als das Grauen vorbei war, stand Florian Kohfeldt für einen kurzen Moment alleine auf dem Rasen des Weserstadions. Der Werder-Trainer musste sich erst einmal sammeln und starrte ins Leere. Dann gab er das Signal an die Mannschaft: Alle ab in die Ostkurve zu den treuesten Fans. Nach einem desaströsen Spiel wie dem 0:5 gegen Mainz und einer insgesamt katastrophalen Saison kann solch ein Gang mit einem Pfeifkonzert und Beschimpfungen enden, doch Werder hat in puncto Fans noch immer ein Alleinstellungsmerkmal in der Bundesliga. Die Mannschaft bekam aufmunternden Applaus und tröstende Worte. „Dass die Fans noch positiv waren, ist unglaublich“, staunte Kapitän Niklas Moisander und gab zu: „Das hatten wir Spieler nicht verdient.“

Die Werder-Profis entschuldigten sich bei ihren Anhängern für die blutleere Vorstellung gegen Mainz. „Es ist eine sehr, sehr schwierige Situation für uns. Wir wollten ihnen zeigen, dass es uns leid tut“, sagte Moisander. Claudio Pizarro erklärte: „Es tut mir wirklich leid für die Fans, sie sind immer da und unterstützen uns immer.“

Mit dabei war auch Kohfeldt, den man sonst nicht in der Fankurve sieht. „Wenn es gut läuft, bin ich der Erste, der in der Kabine ist. Ich habe mich nie feiern lassen von den Fans“, betonte er. „Doch dieses Mal war es meine Pflicht, hinzugehen und mich dem zu stellen.“ Früher als Fan stand Kohfeldt noch selbst in der Ostkurve, inzwischen ist er Chefcoach seines Klubs, und er weiß: „Ich werde nicht mein Leben lang Trainer von Werder Bremen sein, aber ich bin eine lange Zeit meines Lebens in dem Verein.“

Absolute Identifikation

Auch wegen dieser absoluten Identifikation mit dem Verein genießt Kohfeldt bei vielen Anhängern trotz der anhaltenden Krise weiterhin Kredit. „Was ich in der Kurve mitgekriegt habe, ist, dass mich sehr viele Leute aufgefordert haben, weiterzumachen. Und genau das werde ich tun“, berichtete der Trainer.

Natürlich hatten nicht alle Fans im Stadion so viel Verständnis für den desolaten Auftritt wie die Anhänger in der Ostkurve. Nach dem frühen 0:1 standen noch alle geschlossen von ihren Plätzen auf und feuerten die Mannschaft an, als wäre sie gerade in Führung gegangen. Als es dann aber schnell 0:3 stand, gab es bei Rückpässen zum Torwart oder misslungenen Aktionen immer wieder Pfiffe. Das Pfeifkonzert zur Halbzeit fiel recht laut aus. „Das verstehe ich total. Ich hätte auch gepfiffen“, sagte Kohfeldt.

Was die Fans sagen

Im Laufe der zweiten Halbzeit verließen einige Hundert Zuschauer vorzeitig das Stadion, doch insgesamt gingen die Fans wirklich nachsichtig mit der Mannschaft um. Das Pfeifkonzert nach dem Schlusspfiff war vergleichsweise leise, ehe die Spieler in der Ostkurve sogar Applaus bekamen. Proteste am Stadion oder gar Sitzblockaden gibt es in Bremen ohnehin nicht. Das war nicht einmal in der Saison 2015/16 der Fall, als Werder sich erst am letzten Spieltag vor dem Abstieg rettete. „Damals hat man gesehen, wie leidensfähig die Bremer Fans sind. Ich glaube daher, dass die Stimmung jetzt nicht so schnell kippen wird“, sagte Ingo Lüttecke, Präsident des Fanklubs „Werderfreunde Emsland Süd“.

Für Ingo Kläner war das Verhalten der Fans „typisch Werder“. „Es gab in der Halbzeit und nach Ende des Spiels vereinzelte Pfiffe, aber der Zusammenhalt der Werder-Fans ist schon sehr stark“, betonte der Vorsitzende des größten Werder-Fanklubs „27801“. „Es ist bemerkenswert, dass selbst nach so einer Leistung die Spieler abgeklatscht werden. Da gibt es in der Bundesliga vielleicht noch ein, zwei andere Stadien, in denen so etwas vorkommt, mehr aber auch nicht.“ Natürlich seien die Fans von den jüngsten Ergebnissen maßlos enttäuscht, sagte Kläner. „Aber trotzdem stehen wir komplett hinter dem Trainer.“ Lüttecke äußerte sich genauso: „Wir haben den besten Trainer, den wir haben können.“

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