Werder Bremen Die Gefahr der ständigen Rückstände

Bremen. Die Aufholjagd zum 3:2 gegen den 1. FC Köln lässt die Fans feiern. Werders Profis aber ahnen: Ewig geht das Bremer Stehaufmännchenprinzip nicht gut. Pizarro und Fritz warnen vor der Gefahr der ständigen Rückstände.
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Die Gefahr der ständigen Rückstände
Von Thorsten Waterkamp

Bremen. Die Aufholjagd zum 3:2 gegen den 1. FC Köln lässt die Fans feiern. Werders Profis aber ahnen: Ewig geht das Bremer Stehaufmännchenprinzip nicht gut. Pizarro und Fritz warnen vor der Gefahr der ständigen Rückstände.

Thomas Schaaf hat einen Traum. Er sieht sich dann auf seinem Platz auf der Ersatzbank sitzen, zurückgelehnt und tiefenentspannt nahe am Ruhepuls, und schaut seiner Mannschaft beim Fußball zu. Die raue Wirklichkeit sieht anders aus in dieser Saison: Thomas Schaaf steht in seinem abgekreideten Arbeitsbereich vor der Bank, er schreit, gestikuliert, schimpft, flucht und treibt seinen Herzrhythmus in kardiologisch bedenkliche Höhen, als gäbe es kein Morgen. "Ich möchte", seufzte er am Sonnabend, "mal wieder eine klare Kiste erleben."

Diesen Gefallen tut ihm seine Mannschaft in dieser Saison aber einfach nicht. Wieder ist sie am Sonnabend in Rückstand geraten, zum neunten Mal im zwölften Spiel. Wieder ist sie einen Schlingerkurs gefahren, extremer als in den Partien bisher. Und wieder hat sie ein Spiel gedreht, in einer beeindruckenden und für alle (so sie nicht Thomas Schaaf heißen) äußerst unterhaltsamen Manier. Aber: So laut wie am Sonnabend waren die warnenden Stimmen bislang auch noch nicht.

"Es nervt einfach nur", fluchte Torwart Tim Wiese nach dem 3:2 gegen Köln, während draußen im Stadion das Bremer Publikum immer noch im Adrenalin der Aufholjagd badete und seine Helden im Drehen und Wenden - allen voran den dreifachen Schützen Claudio Pizarro - feierte. 0:2 lautete diesmal der Rückstand, den Wiese verfluchte - eine neue Qualität des notorischen Hinterherlaufens. Zwei Treffer mussten sie bisher noch nicht aufholen.

Gegen eine Mannschaft wie den 1. FC Köln ist es so gerade eben noch einmal gut gegangen. Kapitän Clemens Fritz ahnt aber, auf welche Zwangsläufigkeit seine Mannschaft unwiderruflich zusteuert. "Wir müssen vorsichtig sein", mahnt Fritz, "irgendwann gehen die Dinger, die jetzt reingehen, an den Pfosten." Das ahnt auch Claudio Pizarro, dessen Versuche am Sonnabend eben noch nicht am Aluminium, sondern im Kölner Tor endeten. Der Aufwand, den Werder nach einem Rückstand betreiben muss, sei sehr hoch, er koste jedes Mal unglaublich viel Kraft. "Wir haben ein großes Herz und wir laufen sehr viel. Diese Kraft wird uns irgendwann fehlen", erklärt Pizarro. Und dann - das ist die logische Konsequenz - ist die schöne Geschichte vom Bremer Stehaufmännchen vorbei. Mit absehbaren Folgen für die Lage in der Liga.

23 Punkte hat Werder bisher geholt, allein 16 davon nach einem Rückstand. "23 Punkte, das ist eine Menge", weiß Klaus Allofs. Doch Werders Chef weiß auch: "Das hängt an einem seidenen Faden, Woche für Woche. Das kann schnell in eine andere Richtung ausschlagen." Und die Spiele gegen vier Klubs aus der aktuellen Top sieben der Liga kommen erst noch. Erst in Mönchengladbach (4.) am nächsten Spieltag in zwei Wochen, dann gegen Stuttgart (7.), dann bei den Münchner Bayern (1.) und zum Abschluss der Hinrunde auf Schalke (5.). Nur der vorletzte Spieltag verspricht eine ruhigere Aufgabe mit dem Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg (13.) - eine eher trügerische Ruhe.

So geht es trotz des Sieges wieder einmal um die Qualität der Mannschaft. "Keine Frage", antwortet Allofs, "das ist eine große Qualität, 0:2 zurückzuliegen und dann das Spiel zu drehen." Ewig darauf verlassen kann, will und darf sich Werder jedoch nicht. "Wir wissen, dass sich die Mannschaft immer noch im Aufbau befindet", sagt Allofs, "aber ein bisschen mehr Souveränität wäre schon gut. Wir müssen endlich mal aufpassen."

Und so schön, so spektakulär solche Spiele wie gegen den 1.FC Köln auch sind - für Thomas Schaaf sind sie Gift. "Ich als Trainer muss da so nicht haben", betont er. Einen "langweiligen Sieg" wolle er endlich einmal sehen, einen Sieg, bei dem er sitzen bleiben, sich zurücklehnen, ganz entspannt zuschauen kann. Ein schöner Traum.

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