Kohfeldt gehen die Lösungen aus

Die große Ratlosigkeit

Florian Kohfeldt will mit aller Macht gegen die Werder-Krise ankämpfen. Wie genau er das tun wird, wusste der Trainer nach der Pleite gegen Mainz aber noch nicht. Seine Möglichkeiten sind arg begrenzt.
18.12.2019, 12:19
Lesedauer: 4 Min
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Die große Ratlosigkeit
Von Christoph Bähr
Die große Ratlosigkeit

Wirkte nach der 0:5-Pleite gegen Mainz völlig konsterniert: Florian Kohfeldt.

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Normalerweise braucht Florian Kohfeldt nach dem Abpfiff eines Spiels nur wenige Minuten, dann analysiert er das Geschehen auf dem Platz messerscharf und erläutert die taktischen Besonderheiten - selbst nach bitteren Niederlagen. Am Dienstagabend nach dem 0:5 gegen Mainz war jedoch alles anders. Es war zweifellos die bislang schlimmste Pleite unter Kohfeldt, und sie hatte sogar historische Ausmaße. Noch nie hatte Werder in einem Heimspiel mit 0:4 zur Pause zurückgelegen. Und höher verloren als am Dienstag haben die Bremer in ihrer Bundesliga-Geschichte im Weserstadion erst zweimal. Nach dieser denkwürdigen Schmach saß auf dem Podium des Medienraums ein komplett konsternierter Cheftrainer, der keinen Hehl aus seiner Ratlosigkeit machte. „Ich muss eine Nacht darüber schlafen. Ich kann noch nicht erklären, was in der ersten Halbzeit passiert ist“, gab Kohfeldt zu.

Er hatte vor dem Spiel den Abstiegskampf ausgerufen, hatte versucht, mit kämpferischer Rhetorik seine Spieler aufzurütteln und sie aufgefordert, „das eigene Tor mit ihrem Leben zu verteidigen“. Dann begann die Partie gegen Mainz, und seine Mannschaft scheute von Beginn an die Zweikämpfe. Niklas Moisander sagte: „Wir als Spieler müssen uns schämen. Das hatte nichts mit der Taktik und nichts mit dem Trainer zu tun. Wir haben auf dem Platz nichts gebracht, keine Zweikämpfe gewonnen. Da war keine Aggressivität.“

So weit hatte der Kapitän das Geschehen treffend analysiert, doch die entscheidende Frage konnte auch er nicht beantworten: Warum nur hatte Werder solch einen mutlosen Auftritt hingelegt? Spielte die Mannschaft etwa gegen den Trainer? Die selbstkritischen Aussagen von Moisander und Leo Bittencourt stehen dieser Vermutung entgegen. „Wir müssen uns bei allen Fans im Stadion entschuldigen und vor allem auch bei unserem Trainer. Der hat das ganz und gar nicht verdient, was wir abgeliefert haben“, betonte Bittencourt. Auch Kohfeldt glaubt nicht, dass Absicht hinter der desolaten Vorstellung steckte: „Sie wollten auf jeden Fall, aber sie haben es nicht auf den Platz gebracht.“

Die Angst spielt mit

Eher schon wirkte die Mannschaft hoffnungslos verunsichert und ängstlich. Aus den vergangenen zwölf Ligaspielen holte Werder nur einen Sieg - erst schleichend und dann immer schneller wurde aus dem selbst ernannten Europacupanwärter ein Abstiegskandidat. Beim 0:1 gegen Paderborn, beim 1:6 in München und jetzt beim 0:5 gegen Mainz präsentierte sich das Team in einem jämmerlichen Zustand. All die Misserfolge hinterließen unweigerlich Spuren in den Köpfen der Spieler. Ihre Angst, Fehler zu begehen, war geradezu greifbar. Und natürlich führte der krampfhafte Versuch, bloß nichts falsch zu machen, dazu, dass sie besonders viel falsch machten. „Das 0:1 und 0:2 gegen Mainz sind sehr schnell gefallen. Dann sind wir momentan mental nicht in der Lage, noch zu versuchen, das Spiel zu gewinnen“, sagte Moisander.

In der zweiten Halbzeit in München und im ganzen Spiel gegen Mainz fügten sich die Bremer wehrlos in ihr Schicksal. Dieser Fatalismus erinnerte viele Fans auf erschreckende Weise an die Endphasen unter Kohfeldts Vorgängern Alexander Nouri, Viktor Skripnik und Robin Dutt. Führungsspieler wie Moisander oder Davy Klaassen schafften es nicht, die Teamkollegen wachzurütteln. Sportchef Frank Baumann fand ungewöhnlich deutliche Worte für die Mannschaft: „Vor dem Spiel und in der Halbzeit schreien sich die Jungs an, dass die Wände wackeln. Sie pushen sich und motivieren sich, aber dann ist es ein Alibi-Gekicke. Ich muss mich nicht drinnen anschreien und draußen alles über mich ergehen lassen.“

Grenzenloses Vertrauen

Wie lassen sich die verunsicherten Spieler dazu bringen, sich auf dem Platz wieder zu wehren? Die Zeit drängt, schon am Sonnabend steht das Spiel in Köln an. Will Werder Weihnachten nicht auf dem Relegationsrang oder einem Abstiegsplatz verbringen, muss beim direkten Konkurrenten gepunktet werden. Die Option, durch einen neuen Trainer einen Impuls an die Mannschaft zu senden, fällt weg. Auf die Frage, ob sich etwas an seinem grenzenlosen Vertrauen in Florian Kohfeldt geändert habe, antwortete Frank Baumann nur: „Nein.“

Direkt nach der Klatsche gegen Mainz sprach der Sportchef mit dem Cheftrainer über die Trainerfrage, die sich in Bremen weiterhin nicht stellt. Kohfeldt berichtete: „Frank hat mir klar gesagt, dass das überhaupt kein Thema für ihn ist. Auch auf Strecke.“ Soll heißen: Selbst wenn Werder in Köln die nächste Pleite kassieren sollte, würde es mit Kohfeldt weitergehen. Der Trainer selbst will auf keinen Fall aufgeben und betonte: „In mir hat dieser Tag eine unfassbare Wut ausgelöst. Ich werde mit allem, was ich habe, kämpfen, um das wieder in die richtige Richtung zu lenken. Ich werde garantiert nicht weglaufen.“

Kohfeldts Kampfeswille ehrt ihn, aber wie genau er bis zum Köln-Spiel gegen die Krise ankämpfen kann, wusste er am Dienstagabend selbst noch nicht. Nach dem Darüberschlafen werde er mit Baumann die Situation analysieren, mit den Spielern sprechen und dann Schlüsse daraus ziehen. Eines war für Kohfeldt schon klar: „Wir werden ganz sicher nicht einfach so weitermachen.“

Keine Alternativen

Allerdings sind dem Trainer weitestgehend die Hände gebunden. Taktisch hat er zuletzt schon alle möglichen Formationen ausprobiert. Vor allem aber fehlen ihm die personellen Alternativen, was vor allem an der Verletzungsmisere liegt. Gegen Mainz wechselte Kohfeldt erst den formschwachen Johannes Eggestein ein und später dann die Oldies Claudio Pizarro und Fin Bartels, die beide nicht fit für 90 Minuten sind. Ansonsten saßen auf der Bank noch die zuletzt wenig überzeugenden Abwehrspieler Marco Friedl und Christian Groß, Youngster Benjamin Goller sowie U19-Stürmer Nick Woltemade.

Bis zum Köln-Spiel könnte von den Verletzten allerhöchstens Philipp Bargfrede zurückkehren, dafür fehlt aber Leo Bittencourt gelbgesperrt. Kohfeldt bleibt somit wohl kaum etwas anderes übrig, als in Köln erneut auf die Spieler zu vertrauen, die gegen Mainz auf ganzer Linie versagten. Ihnen bis Sonnabend wieder Selbstvertrauen einzuimpfen dürfte selbst für den besten Mentaltrainer der Welt ein Job mit höchstem Schwierigkeitsgrad sein. Für Frank Baumann kommt diese Aufgabe aber gar nicht in erster Linie dem Trainer zu, sondern den Spielern selbst. „Jeder Einzelne ist gefordert, sich körperlich, athletisch, mental in die Verfassung zu bringen, dass wir in Köln ein anderes Gesicht zeigen“, forderte der Sportchef. „Die Spieler müssen sich über gelungene Aktionen und gemeinsames Auftreten das Selbstvertrauen holen.“ Für Werder ist zu hoffen, dass das am Sonnabend klappt und der Mannschaft nicht wieder ein frühes Gegentor jeglichen Mut raubt.

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