U17-Trainer Christian Brand im Interview

„Die Haudrauf-Methode funktioniert nicht“

Werders U17-Trainer Christian Brand spricht im Interview mit dem WESER-KURIER über die Besonderheiten seiner Arbeit, pädagogisches Feingefühl und die Träume seiner Spieler.
22.06.2019, 10:46
Lesedauer: 6 Min
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„Die Haudrauf-Methode funktioniert nicht“
Von Olaf Dorow
„Die Haudrauf-Methode funktioniert nicht“
Frank Thomas Koch

Sie waren Bundesliga-Profi und sind jetzt Jugendtrainer. Könnte man sagen: Mehr gibt das Trainerkarussell gerade nicht her?

Christian Brand: Für den Job mit Werders U 17 habe ich mich sehr bewusst entschieden. Es war eine hoch intensive Zeit zuvor in Regensburg und Rostock. Zwar ist die Arbeit mit Profis prinzipiell fantastisch, weil man – anders als bei Jugendspielern, die ja noch in der Entwicklung sind – Spieler dabei hat, die auf dem Platz genau das umsetzen können, was man sich vorstellt. Aber physisch und psychisch ist das in der vierten beziehungsweise dritten Liga eine ungleich größere Herausforderung.

Sie standen im Abstiegskampf . . .

. . . ja, zweimal. Und danach bist du leer.

Ist Jugendtrainer dann weniger Stress? Oder einfach nur anderer Stress?

Nach Rostock und einer Auszeit von fünf ­Monaten habe ich mich gefragt: Was möchte ich machen? Ich bin Romantiker. Ich liebe das Spiel. Ich liebe die Kreativität. Ich liebe es, zu sehen, wie Spieler ihre Fantasie auf dem Platz ausleben und sich weiterentwickeln. Das gestalten zu können, ist mein Antrieb.

Der sich kaum verwirklichen lässt im Profibereich?

Florian Kohfeldt zeigt hier in Bremen, wie man auch mit schönem Fußball erfolgreich sein kann. Er hat mit seinem Konzept vom offensiven Fußball den Nerv der Mannschaft getroffen. Er hat erkannt, dass das mit der Mannschaft geht.

Und wenn das nicht geht, was man will?

In Rostock war mein erster Auftrag, mit einem bestehenden Kader die 3. Liga zu halten. Entsprechend habe ich die Mannschaft auf ‚Gut verteidigen und Umschalten‘ eingestellt. Freunde haben gesagt: Christian, du bist doch Offensiv-Trainer! Aber um den Klassenverbleib zu sichern, musste ich die sichere Variante wählen.

Und als der Klassenerhalt geschafft war?

Im Jahr darauf habe ich versucht, fußballerische Elemente reinzubringen. Das hat dann mal mehr, mal weniger geklappt.

Als Jugendtrainer sind Sie dann vorwiegend Entwicklungshelfer?

Auch Top-Stars wie Lionel Messi oder Kylian Mbappé können sich immer noch weiterentwickeln, besser werden und offen sein für neue Dinge. Im Profi- wie im Jugendbereich muss ich als Trainer dem Spieler aufzeigen und ihn davon überzeugen, dass er noch Potenzial besitzt.

Dennoch wird es Unterschiede geben. Was ist für Sie der größte?

Jugendliche haben viel, viel weniger Zeit zur Regeneration. Sie stehen auf, gehen zur Schule und haben einen unglaublich vollgepackten Tag. Extrem wichtig ist, dass man Jugendliche als Jugendliche begreift.

Was bedeutet?

Einem Profi sage ich: Wir üben heute diese oder jene Spieltaktik. Wir haben diesen oder jenen Matchplan. Ein Profi hat quasi nur den Auftrag, zum Stadion zu kommen und ab­zuliefern. Es ist ungleich anspruchsvoller, einen Jugendlichen mental auf einen Wettkampf vorzubereiten. Wie belastbar ist er heute? Wie viel Stress hält er aus? Was und wie viel kann ich ihm, damit er nicht über­fordert ist, an Anweisungen für sein Spiel mitgeben?

Sie haben 16-Jährige vor sich. Ertappen Sie sich bei einer Art Selektion: Der wird mal was, der nicht?

Es gibt im Jugendfußball dieses ungeheuer faszinierende Phänomen plötzlicher, extremer Entwicklungssprünge. Der eine 15-Jährige sieht wie ein 20-Jähriger aus. Der andere wie zwölf oder 13. Ich helfe den Jungs, die für sie jeweils richtige Strategie zu entwickeln: Wie komme ich als körperlich limitierter Spieler durch? Und ein groß Gewachsener muss begreifen: Größe allein wird nicht reichen.

Sind Sie mehr Pädagoge, als Sie es vor einer Profitruppe wären?

Alles steht und fällt damit, wie man den Menschen erreicht. Man muss die Spieler da abholen, wo sie sich gut fühlen. Ich glaube, Spieler sind heute reflektierter als früher und wollen auch mehr Input. Die Haudrauf-Methode funktioniert nicht mehr – weder im Jugend- noch im Profibereich.

Fußball ist ein Ergebnissport. Die drei Punkte stehen über der Kreativität. Wie bereitet man junge Spieler auf diese Kultur vor?

Es gibt Leute, die sagen: Im Nachwuchsfußball steht die Ausbildung der Spieler im Vordergrund, das Ergebnis ist nicht wichtig. Das stimmt nicht. Der Anspruch, einen Spieler zu formen, steht nicht im Widerspruch dazu, das Spiel gewinnen zu wollen. Ein Spiel zu gewinnen, ist Ausbildung. Dazu kommt: Der Fußball heute ist unglaublich physisch. Unglaublich schnell. Wenn ich die Jungs darauf nicht vorbereite, bin ich kein Ausbilder. Klar, sind die Jungs fokussiert. Sie wollen in dieses große Stadion. Aber genau deswegen ist es enorm wichtig, sie immer wieder darauf hinzuweisen, was im Profifußball funktioniert und was nicht. Sowohl mental als auch physisch und technisch-taktisch.

Sie müssen den Jungs aber auch sagen: Von Euch werden es nur die wenigsten schaffen in das große Stadion.

Das ist so. Aber das geht.

So einfach?

Ja, und ich sagen ihnen auch, dass es zur Verwirklichung des Traums auch hilft zu üben. Üben, üben, üben. Mozart, Bill Gates, Justin Bieber oder eben auch Lionel Messi und all die anderen Wahnsinnigen haben wahrscheinlich seit ihrem zweiten, dritten Lebensjahr unfassbar viel geübt und probiert. Zehntausend Übungsstunden machen den Meister. Talent ist nur ein verschwindend geringer Teil.

Geduld braucht man auch. Über die Jugend wird gern gesagt, sie habe keine.

Kann ich pauschal nicht beurteilen. Ich kann nur sehen, wie die Jungs hier bei Werder arbeiten, welche Opfer sie bringen. Sie investieren extrem viel. Aber ich sehe auch, dass es schwieriger geworden ist, den Fokus zu halten bei all den ablenkenden Netzwerken, Plattformen. Niemand sollte glauben, dass irgendeine App das Leben regelt oder den Traum vom Profifußball realisiert. Und spätestens wenn er die U 17 bei Werder hinter sich lässt, sollte jeder dieser Jungs wissen, dass sein Handeln immer eine Konsequenz erzeugt.

Die Nachwuchsarbeit in Deutschland galt lange als vorbildlich, zuletzt nicht mehr so.

Das sind Momentaufnahmen. Nur weil Deutschland bei der letzten WM sang- und klanglos ausgeschieden ist, sollte man nicht die gesamte Nachwuchsarbeit infrage stellen. Das ist Unsinn.

Das wird schon wieder?

Es gibt immer starke und weniger starke Jahrgänge. Wichtig ist, an seinem roten Faden festzuhalten. Der FC Barcelona sagt: Wir spielen so, das ist unsere Identität, unsere Haltung, unser Stil. Bei Ajax Amsterdam hat man das gerade ebenfalls gut beobachten können. Und bei Werder haben wir ja auch eine vereinsübergreifende Spielphilosophie – offensiv und attraktiv. An diesem Anspruch müssen sich alle Trainer hier messen lassen.

Sie waren zuletzt bei der U 17-EM in Irland. Was war Ihre Beobachtung?

Oberflächlich: Dort waren Spieler unterwegs, die mit Summen gehandelt werden, die Werder für Profis ausgibt. Für mich war in Irland aber ein anderer Umstand sehr auffällig.

Und zwar?

Bei fast allen Mannschaften waren die Spieler in den ersten sechs Monaten des Jahres geboren. Weil die einfach physisch stärker sind. Der sogenannte Relative-Age-Effekt. Ich habe zum Beispiel einen Spieler, der ist im Dezember 2002 geboren. Er hat fast ein Jahr körperlichen Rückstand zu einem, der im Februar geboren wurde. Die spielen aber beide in einer Mannschaft. Als Trainer muss ich erkennen: Ist es nur der Körper? Oder sind andere Faktoren limitierend? Und dann gibt es natürlich noch eine andere, seltene Kategorie: Spieler, bei denen ist es scheiß egal, wann sie geboren worden sind. Denn sie sind sowieso besser als alle anderen.

Herr Brand, was sagen Sie einem Jungen, der das Üben-Üben-Prinzip lebt und trotzdem hintendran hängt? Sagen Sie: Leb‘ Deinen Traum weiter?

Eine wichtige Eigenschaft ist Leidensfähigkeit. Dass du bereit bist zu scheitern. Wenn jemand unbedingt Profi werden will, heißt das ja noch lange nicht, dass er es auch schafft. Am Ende der U 17 muss ich dem ein oder anderen Jungen sagen: Ich glaube nicht, dass du eine Chance im Profifußball hast.

Was passiert dann? Ruft der Vater oder gar schon ein Berater an?

Nein. In den meisten Fällen hat sich das längerfristig abgezeichnet. Ich verkaufe keine Träume. Ich sage, wie ich das einschätze. Und das muss ja nicht immer richtig sein.

Zur Person

Christian Brand (47) spielte zwischen 1996 und 1999 für Werder ­Bremen sowie später für den VfL Wolfsburg und Hansa Rostock. Als Trainer arbeitet Brand in der Schweiz, in Regensburg und in Rostock, ehe er im Februar 2018 Werders U 17-Coach wurde.

Welche Ex-Spieler bei Werder arbeiten

Es hat bei Werder Tradition, dass viele Posten im Verein mit ehemaligen Spielern besetzt werden. Das war schon zu Zeiten von Otto Rehhagel der Fall und hat sich bis heute nicht geändert. Neben dem U 17-Trainer Christian Brand arbeiten bei Werder noch viele weitere Menschen, die früher schon in der Bundesliga für den Klub aufliefen. Zuallererst sind natürlich Aufsichtsratschef Marco Bode und Sportchef Frank Baumann zu nennen.

Tim Borowski, wie Baumann Double-Sieger von 2004, unterstützt Florian Kohfeldt als Co-Trainer des Bundesliga-Teams. Christian Vander ist Torwarttrainer. Auch im Nachwuchsbereich finden sich viele Fußballgrößen. Björn Schierenbeck fungiert als Direktor des Leistungszentrums, Thomas Schaaf als Technischer Direktor, Thomas Wolter als Sportlicher Leiter des Leistungszentrums. Den Co-Trainer-Posten bei der U 23 hat Mirko Votava inne, bei der U 17 arbeitet Cedrick Makiadi als Assistent. Hans-Jürgen Gundelach kümmert sich als Torwarttrainer um die Talente der U 13 und U 12. Als Scout für Werder tätig ist zudem Frank Ordenewitz.

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