Werder Bremen Die junge Mannschaft braucht viel Zeit

Bremen. Marko Arnautovic hat mit seinem Tor gegen Hoffenheim in letzter Minute eine Niederlage verhindert. Werders spätes Glück kann aber das Grundproblem nicht überdecken. Wie viel darf man von Werders junger Mannschaft eigentlich erwarten?
13.02.2012, 05:00
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Die junge Mannschaft braucht viel Zeit
Von Marc Hagedorn

Bremen. Marko Arnautovic hat mit seinem Tor gegen Hoffenheim in letzter Minute eine Niederlage verhindert. Werders spätes Glück kann aber das Grundproblem, den fehlenden Spielwitz, nicht überdecken. Die Frage in diesen Wochen des Bremer Umbruchs lautet deshalb: Wie viel darf man von Werders junger Mannschaft eigentlich erwarten?

Fast immer ist die Fragerunde im Presseraum des Weserstadions mit Klaus Allofs nach Werder-Heimspielen für die Journalisten eine recht ergiebige Angelegenheit. Der Werder-Boss erklärt dann seine Sicht auf die Dinge, manchmal spricht er in diesem überschaubaren Kreis Klartext, manchmal liefert er hilfreiche Hintergründe für eine Analyse. Nachdem Werder am Sonnabend 1:1 gegen 1899 Hoffenheim gespielt hatte, wollte der Meinungsaustausch aber nicht in Schwung kommen.

Zunächst hatte ein Reporter gefragt, wie erschrocken er, also Klaus Allofs, denn von der spielerischen Darbietung der Mannschaft gewesen sei. "Erschrocken bin ich von den Erwartungen", sagte Allofs nur und ließ dabei im Unklaren, ob er die Erwartungen der Reporter oder die Erwartungen der Zuschauer meinte, die zur Halbzeit, da lag Werder 0:1 zurück, herzhaft gepfiffen hatten. Als absoluter Stimmungstöter erwies sich wenig später die Anschlussfrage nach der Leistung von Mehmet Ekici. Als "grausam" beschrieb sie ein Journalist; eine Einschätzung, die Allofs nun überhaupt nicht gefiel. Sehr bald löste sich der Journalistenpulk daraufhin auf, man fand diesmal einfach nicht zusammen.

Diese Episode illustriert eine zentrale Frage in Bremen: Was darf man von dieser Werder-Mannschaft in dieser Saison eigentlich erwarten? Werders Sportliche Leitung um Klaus Allofs und Cheftrainer Thomas Schaaf steht in diesen Monaten vor einer äußerst anspruchsvollen Aufgabe: Schaaf soll die Mannschaft erneuern, gleichzeitig muss diese Mannschaft mitten im Umbruch aber die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb schaffen. Denn nur dort, in Europa, verdient Werder das Geld, das der Klub in dieser Saison nicht mehr hat beziehungsweise dringend benötigt, um im Sommer Leistungsträger wie Tim Wiese, Claudio Pizarro oder Clemens Fritz halten zu können.

Sieben Spieler jünger als 23

Werder, so erscheint es, wählt dafür einen radikalen Weg. Werder hatte gegen Hoffenheim die jüngste Bremer Bundesligamannschaft aller Zeiten auf dem Platz. Sieben von elf Spielern waren 23 Jahre oder jünger. So sieht man zurzeit deutlich, was Werder hat - Potenzial, Talent -, aber auch, was Werder nicht hat. Im Duell zweier gleichstarker Mannschaften fehlte den Bremern am Sonnabend jemand, der den Unterschied ausmachen kann. Überragende Leute wie Naldo (verletzt) und Claudio Pizarro (gesperrt) waren verhindert. Von wem also durfte man Großtaten erwarten? Von Florian Hartherz, 18 Jahre, drei Bundesligaspiele? Von Niclas Füllkrug, 19 Jahre, zwei Bundesliga-Einwechselungen? Von Zlatko Junuzovic, der noch keine zwei Wochen ein Bremer ist? Oder von Francois Affolter, dessen erster Monat in der neuen Stadt und der neuen Liga auch längst noch nicht rum ist? Sie können keine Heilsbringer sein. Vermutlich erinnerte sich daran auch irgendwann das Publikum, denn in der zweiten Halbzeit honorierten die Zuschauer das stete Bemühen der Spieler und sahen über gewisse Unzulänglichkeiten vor allem im Spielaufbau hinweg.

Werder setzt auf junge Spieler. Das ist grundsätzlich ein Weg, der Sympathien garantiert. Allerdings beflügelt die Entwicklung, wie sie anderswo Teenager wie Mario Götze, Julian Draxler, Sven und Lars Bender machen, die Phantasie: Könnte, so die stille Hoffnung in Bremen, könnte nicht auch ein Hartherz, ein Trybull, ein Füllkrug oder ein Affolter so ein Bender oder Draxler werden? "Ich weiß, dass heute immer alles ganz schnell gehen muss", sagt Schaaf dazu, "man will junge Spieler sehen, die ein Spiel hinlegen, als ob sie 60 Länderspiele gemacht haben." Solche Spieler hat Werder aber nicht. Vielleicht in ein, zwei Jahren. Diese Saison, an deren Ende Werder tunlichst unter den besten sechs Klubs der Liga stehen sollte, endet aber schon in drei Monaten, Anfang Mai.

Außerdem ist Werder nicht Nürnberg, Köln oder Mainz, wo eine Europapokalteilnahme kein Muss, sondern eher der unerwartete Zusatzgewinn ist. Die bemerkenswerte Bremer Verjüngungskur erzählt deshalb auch nur die halbe Wahrheit. Denn tatsächlich stehen im Werder-Kader immer noch 17 aktuelle und ehemalige Nationalspieler, die allesamt auch einen gewissen Anspruch an sich haben. Für Tim Wiese beispielsweise ist das internationale Geschäft ein Muss. Nach dem 1:1 gegen Hoffenheim wollte der Torwart selbst die Champions League nicht abschreiben. "Ich erinnere mich daran, dass wir vor zwei Jahren schon mal 15 Punkte Rückstand hatten und es noch geschafft haben", sagte er.

Der eigene Anspruch, die eigene Einschätzung und die äußere Wahrnehmung - deckungsgleich ist das zurzeit nicht. Was ist denn mit Spielern wie Mehmet Ekici los? Müsste er inzwischen nicht langsam mal zeigen, was er wirklich kann? Müsste Marko Arnautovic nach eineinhalb Jahren in Bremen mittlerweile nicht weiter sein? Bleibt Markus Rosenberg auf ewig ein Stürmer, der zwischen Phasen der Produktivität (fünf Tore, vier Vorlagen) und Phasen des Abtauchens pendelt? Wann erweitert Philipp Bargfrede sein Repertoire als Zerstörer vor der Abwehr? Wann kriegt Marko Marin die Kurve? Es passt - bei allem guten Willen - im Moment vor allem im Bremer Offensivspiel noch nicht viel zusammen. "Natürlich erwarten wir mehr", sagt Schaaf, "aber das betrifft alle Spieler, nicht nur Mehmet Ekici."

Schaaf wirbt um Geduld

Der Werder-Trainer wirbt deshalb um Geduld. Die Mannschaft, so sagt er, arbeite hart, mache Fortschritte und zeige deutlich, dass sie etwas verändern wolle. Werder, das hatte Schaaf in einem Interview mit "ran.de" erst kurz vor der Spiel noch einmal bekräftigt, "steht für einen bestimmten Fußball, für Offensive und Spektakel". Der Trainer muss es perspektivisch gemeint haben, denn tagesaktuell trifft es die Einschätzung von gestern Vormittag besser. Da sagte Schaaf nach dem Training: "Wenn man davon ausgehen will, dass wir jeden Gegner an die Wand spielen - das können wir noch nicht." Klaus Allofs sagte am Sonnabend noch: "Ein fünfter Platz ist ein guter Platz und besser, als viele in Bremen es wahrhaben wollen."

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