Bestandsaufnahme zu Werder Die Konkurrenz im Check

Bremen. Wie sieht es eigentlich anderswo in der Bundesliga aus, bei Mannschaften, mit denen sich Werder vergleichen lassen muss? In Frankfurt, in Freiburg, in Hannover, Leverkusen oder Hamburg? Eine Bestandsaufnahme.
28.02.2013, 05:00
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Von Marc Hagedorn und Patrick Hoffmann

Bremen. Sollte jemand auf die Idee kommen, das "Werder-Wort" dieser Saison wählen zu lassen, dann hat er eine große Auswahl: "Geduld", "Umbruch", "Neuaufbau" – diese Vokabeln fallen regelmäßig, wenn Trainer, Vereinsführung und Spieler versuchen, die aktuelle Situation der Werder-Mannschaft zu erklären. Wie sieht es eigentlich anderswo in der Bundesliga aus, bei Mannschaften, mit denen sich Werder vergleichen lassen muss? In Frankfurt, in Freiburg, in Hannover, Leverkusen oder Hamburg? Eine Bestandsaufnahme.

Elf Mannschaften stehen in der Bundesliga-Tabelle vor Werder. Einige davon gehören wie selbstverständlich dorthin: die Bayern und Borussia Dortmund. Andere zählen ebenfalls seit ein paar Jahren zu den etablierten Klubs der Liga: Bayer Leverkusen, Hannover 96, Schalke 04. Vereinen wie Borussia Mönchengladbach, dem Hamburger SV oder dem VfB Stuttgart gelingt es mal mehr, mal weniger gut, sich in der oberen Hälfte einzurichten. Dazu kommen Jahr für Jahr Überraschungsmannschaften, diesmal Aufsteiger Eintracht Frankfurt und der SC Freiburg.

Folgt man den Worten von Thomas Schaaf, dann müssen sich die Fans von Werder Bremen offenbar auf eine längere Phase im Mittelfeld der Tabelle einrichten. Mit dem Hinweis auf die Jugend der Mannschaft und auf das Ausmaß des Kaderumbaus wirbt der Werder-Trainer unermüdlich um Geduld. Tatsächlich hat Werder von den Teams in dieser Analyse die jüngste Mannschaft (siehe Statistik). Selbst die Profis des SC Freiburg bringen mehr Bundesligaspiele zusammen als die Bremer. Andererseits: Bei Werder stehen immer noch 13 Nationalspieler unter Vertrag, die es zusammen auf 232 Länderspiele bringen; das sind 80 mehr als bei Leverkusen, mehr als doppelt so viele wie bei Eintracht Frankfurt und dreimal so viele wie in Freiburg. Was läuft bei den übrigen Klubs anders?

So richtig traut man beim Hamburger SV dem Braten noch nicht. Zwar steht die Mannschaft von Thomas Fink auf Platz sechs, aber ob man tatsächlich internationales Format besitzt, das fragt man sich in Hamburg nahezu Woche für Woche wieder, so auch jetzt gerade nach der jüngsten 1:5-Pleite bei Hannover 96. Dabei ist die Situation beim HSV vergleichbar mit der von Werder. Vor zwei Jahren vollzog man den großen Schnitt: Teure (Alt-)Stars wie Frank Rost, Ruud van Nistelrooy, Mladen Petric, Joris Mathijsen, Ze Roberto oder Paolo Guerrero mussten gehen. Der Klub verpasste sich einen Sparkurs. Als der sportliche Erfolg jedoch ausblieb, ging der Verein wieder ins Risiko. Nach einem Fehlstart mit drei Niederlagen in Folge investierte der HSV über 20 Millionen in die Neuzugänge Rafael van der Vaart, Petr Jiracek und Milan Badelj. Kritiker nennen die Abkehr vom Sparkurs "Harakiri". "Europa und der HSV – das passt noch nicht", sagt HSV-Idol Sergej Barbarez. Allerdings: Wenn die Bundesliga-Saison jetzt zu Ende wäre, spielte der HSV in der Europa League.

Vom Umbruch dürften sie auch beim Werksklub unterm Bayer-Kreuz reden – tun sie aber nicht. Zwar hat Bayer Leverkusen im Sommer die Nationalspieler und langjährigen Bundesligaprofis Rene Adler, Michael Ballack, Tranquillo Barnetta und Eren Derdiyok verloren, sprich die Erfahrung aus über 200 Länder- und fast 700 Bundesligaspielen. Trotzdem läuft es bei Bayer rund. Durch eine kluge Transferpolitik hat es Leverkusen erstens geschafft, die Abgänge zu kompensieren und zweitens eine junge Mannschaft mit Zukunft aufzubauen: Die Innenverteidiger Ömer Toprak und Philipp Wollscheid sind beide 23 und kamen von kleinen Klubs wie Freiburg (Toprak) und Nürnberg (Wollscheid). Von der Ersatzbank aus Stuttgart holte man Torwart Bernd Leno (20), aus der zweiten Reihe von Real Madrid Außenverteidiger Daniel Carvajal (21). Gemeinsam mit den Nationalspielern Lars Bender (23), Andre Schürrle (22) und Gonzalo Castro (25) bilden sie das Gerüst einer zukunftsfähigen Mannschaft.

Wie bei jedem Aufsteiger war es im Sommer auch bei Eintracht Frankfurt. Das einzige Ziel lautete: Klassenerhalt. Inzwischen ist die Mannschaft von Trainer Armin Veh dabei, die Rolle von Mönchengladbach aus der Vorsaison zu übernehmen: Frankfurt ist auf Champions-League-Kurs. Die Eintracht verfügt über keinen Superstar. Im Gegenteil: Diejenigen Spieler, die das Frankfurter Spiel entscheidend prägen, kommen aus der zweiten Liga. Ähnlich wie bei Bayer Leverkusen haben die Frankfurter Macher ein sehr gutes Gespür auf dem Transfermarkt entwickelt. Kevin Trapp ist einer der besten Torhüter der Liga, er kam von Absteiger Kaiserslautern. Außenverteidiger Bastian Oczipka, mit acht Vorlagen einer der besten Flankengeber der Liga, holte Frankfurt von der Leverkusener Auswechselbank. Stefan Aigner (7 Tore + 7 Vorlagen) und Takashi Inui (5+6) hatten bis dahin im Unterhaus beim VfL Bochum (Inui) und 1860 München (Aigner) gespielt. Gepaart mit einem stabilen System und dem herausragenden Alexander Meier (zwölf Tore) reicht das, um in dieser Spielzeit ein ganzer heißer Tipp für die Champions-League-Ränge zu sein.

Alles staunt derzeit über den SC Freiburg. Platz fünf in der Liga, dazu der Einzug ins Halbfinale des DFB-Pokals. Und die junge Mannschaft spielt seit Monaten so konstant, dass fast schon ein bisschen in Vergessenheit geraten ist, dass die Freiburger im Januar 2012 als sicherer Absteiger aus der Bundesliga galten. Nach dem 17. Spieltag der vergangenen Saison war der Sportclub Tabellenletzter, mit viel zu wenig Punkten (13) und viel zu vielen Gegentoren (39). Der Verein reagierte auf ungewöhnliche Art: Der langjährige Leiter der Freiburger Fußballschule (Christian Streich) wurde zum Cheftrainer befördert, der mit Abstand erfolgreichste Stürmer (Papiss Demba Cissé) verkauft, Trainer (Marcus Sorg) und Mannschaftskapitän (Heiko Butscher) entlassen sowie zahlreiche etablierte Profis aus dem Kader gestrichen (Felix Bastians, Yacine Abdessadki, Maximilian Nicu). Stattdessen bekamen etliche Nachwuchsspieler ihre Chance, sicherten Freiburg nach einer überragenden Rückrunde den Klassenerhalt und dürfen jetzt sogar von einer Teilnahme am Europapokal träumen. Beim 3:2-Sieg in Bremen vor knapp drei Wochen kamen übrigens sechs Spieler für die Freiburger zum Einsatz, die in der eigenen Fußballschule ausgebildet wurden: Torwart Oliver Baumann, Matthias Ginter, Oliver Sorg, Daniel Caligiuri, Christian Günter und Johannes Flum. Bei Werder waren es zwei: Torwart Sebastian Mielitz und Özkan Yildirim.

Für den Klubchef von Hannover 96, Martin Kind, hat es in der Bundesliga lange Zeit nur ein Vorbild gegeben: Werder Bremen. Inzwischen ist die Kopie besser als das Original, zuletzt hat sich 96 zweimal nacheinander für die Europa League qualifiziert. Verantwortlich dafür ist das Duo Slomka/Schmadtke, das seit drei Jahren hervorragende Arbeit leistet und dabei ein bisschen an das frühere Bremer Erfolgsduo Schaaf/Allofs erinnert. Sportdirektor Jörg Schmadtke hat unbekannte Profis wie Didier Ya Konan (kam von Rosenborg Trondheim), Mohammed Abdellaoue (Valerenga Oslo) und Mame Diouf (Manchester United) verpflichtet. Und er hat ein Auge für talentierte deutsche Fußballer wie Manuel Schmiedebach (Hertha BSC), Lars Stindl (Karlsruher SC) und Andre Hoffmann (MSV Duisburg).

Trainer Mirko Slomka versteht es zudem, auch aus dem bereits vorhandenen Personal immer noch ein bisschen mehr herauszuholen, etwa bei Jan Schlaudraff, Sergio da Silva Pinto oder Mario Eggimann. Das zahlt sich jetzt aus: Der Klub ist mit seinen Erfolgen weiter gewachsen und lockt nun auch Spieler, die noch vor zwei Jahren einen weiten Bogen um 96 geschlagen hätten: Szabolcs Huszti kam von Zenit St. Petersburg zurück nach Hannover. Und Johan Djourou kickte kürzlich noch beim FC Arsenal. Kommentar Seite 2

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