Mit Psychotricks zum Sieg gegen Bayern Die Macht der Gedanken

16 Pflichtspiele am Stück hat Werder gegen die Bayern verloren, 8:59 lautet das Torverhältnis in dieser Zeit. Trotzdem hat Werder am Sonntag eine Chance. Der Profi-Coach Stefan Kloppe erklärt, warum.
18.01.2018, 13:17
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Die Macht der Gedanken
Von Marc Hagedorn

"Also", sprach Thomas Delaney vor dem ungleichen Duell zwischen Werder und dem FC Bayern. „So wie ich das sehe, gibt es zwei, drei Wege, um in ein Spiel zu gehen. Du kannst sagen: Ich will gewinnen, ich spiele auf Sicherheit, stehe tief, und am Ende habe ich 0:1 verloren und bin halbwegs glücklich, weil es nur ein 0:1 war. Oder du probierst es, indem du nach vorne gehst. Dann verlierst du vielleicht 0:4, aber du hast es versucht. Ich würde immer diesen Weg bevorzugen. Und dann gewinnst du vielleicht auch das eine von 17 Spielen.“ Und dann lachte Thomas Delaney.

Das mit den 17 Spielen sagte Delaney nicht zufällig. Werder hat inzwischen 16 Pflichtspiele in Folge gegen die Bayern verloren. Seit einem 0:0 im September 2010 lauteten die Ergebnisse: 1:2, 1:3, 1:4, 1:2, 0:2, 1:6, 0:7, 2:5, 0:6, 0:4, 0:1, 0:5, 0:2, 0:6, 1:2, 0:2. Das summiert sich auf ein Torverhältnis von 8:59. Dass Werder am kommenden Sonntag damit der krasse Außenseiter sein würde, war Delaney klar. Aber erst im Gespräch mit den Journalisten hatte Delaney von den exakten Ausmaßen der Bremer Niederlagenserie erfahren. Es sagt einiges über den Typen Thomas Delaney aus, dass er für Spiel 17 trotzdem nicht den Glauben an eine Werder-Überraschung verloren hat.

Stefan Kloppe gefällt so eine Einstellung. Der 35-Jährige aus Achim ist ein ehemaliger Handball-Nationalspieler, mit dem SC Magdeburg hat er vor 15 Jahren die Champions League gewonnen. Stefan Kloppe nennt sich heute Sports Coach. „Ich helfe Athleten und Trainer, bessere Athleten und Trainer zu sein; der Athlet oder Trainer zu sein, der sie sein wollen“, sagt er. Dass Delaney Werders Horror-Serie gegen die Bayern im Detail nicht kennt, überrascht Kloppe nicht. „Sportler ticken so. Es reicht, zu wissen, wer der Goliath und wer der Underdog ist. Profis haben per se ein Selbstbewusstsein. Sie wissen in diesem Fall: Wir können Fußball spielen.“ Und das ist auch gut so, sagt Kloppe.

Den Status quo in Frage stellen

Wenn Werder am Sonntag in München spielt, dann ist das für Kloppe keine aussichtslose Mission. „Sportler, vor allem die ganz Großen, stellen den Status quo in Frage“, sagt er, „sie finden sich nicht damit ab, dass die Dinge so sind, wie sie sind.“ Erwartbar wäre am Sonntag die 17. Werder-Niederlage in Folge. Kloppe kontert: „Wer sagt denn, dass das wieder so sein muss?“

Die Sportgeschichte ist voll von Ereignissen, die alle Welt überrascht haben. „Kaiserslautern wurde 1998 als Aufsteiger Deutscher Meister“, sagt Kloppe, „Griechenland war 2004 Europameister. Wie wahrscheinlich war das? Aber es ist passiert.“ Spieler und Trainer können Außergewöhnliches schaffen, wenn sie ein paar Dinge tun und ein paar Dinge lassen. Davon ist Kloppe felsenfest überzeugt.

Lassen sollten die Spieler tunlichst, sich mit dem Gegner zu vergleichen. Bei den Bayern stehen 16 A-Nationalspieler im Kader, bei Werder sind es weniger, zehn. Die Bayern-Profis haben über 1000 Champions-League-Spiele absolviert, die Werder-Profis kommen gerade einmal auf knapp 100, aber auch nur, wenn man die Qualifikationsspiele zur Gruppenphase mitrechnet. Laut Kloppe sollten die Werder-Profis daran aber keinen Gedanken verschwenden. „Wir kennen das aus unserem eigenen Leben. Immer wenn wir uns mit anderen vergleichen, werden wir jemanden finden, der besser ist“, sagt Kloppe, „der einzige Weg, sich zu vergleichen, ist: sich mit sich selbst von früher zu vergleichen. Wenn Sportler diesen Schalter umlegen, dann geht es bei ihnen richtig ab.“

Früher, das könnte demnach bei Werder die Vor-Kohfeldt-Zeit sein. Bis Mitte der Hinrunde spielte Werder vorsichtig, machte sich klein, gewann von den zehn Bundesligaspielen unter Alexander Nouri keines. Verglichen damit haben die Werder-Profis heute gute Gründe, sich für erstarkt zu halten. Von den letzten acht Bundesligaspielen haben sie nur drei verloren. Sie spielen nach vorne, sie schießen wieder Tore.

Lob für Kohfeldt

Florian Kohfeldt hat Anfang der Woche erklärt, wie er sein Team auf das Bayern-Spiel vorbereitet. Bis Donnerstag, so führte der Werder-Trainer aus, konzentriere sich die Mannschaft nur auf sich, auf ihr Spiel, auf die Entwicklung ihres Spiels. Erst ab Freitag würde der Gegner, würden die Bayern dann „mittrainieren“. „Das finde ich geil“, sagt Kloppe, „ich bin ein Fan davon, sich auf seine Stärken zu fokussieren. Ich kenne das aus meiner Zeit als Handballer in Magdeburg: Da haben wir uns auch erst ab Wochenmitte mit dem Gegner beschäftigt. Wir hatten immer ein größeres Ziel als den nächsten Gegner im Blick: nämlich uns als Team zu entwickeln. Wenn Kohfeldt das bei Werder auch so macht, dann spricht das für Selbstvertrauen.“

Überhaupt ist die Macht des Trainers ein nicht zu unterschätzender Faktor. Viktor Skripnik neigte öffentlich gern dazu, Niederlagen oder Misserfolge mit Worten wie „So ist Fußball“ zu erklären. Alexander Nouri sprach häufig von „Demut“ und setzte in der ersten Phase dieser Saison auf „safety first“. Kloppe sagt: „Trainer müssen dieses ,Es-ist-nicht-möglich' verwandeln in ein ,Warum-denn-nicht!' Trainer müssen die Limitierung in den Köpfen der Spieler aufbrechen.“

Kloppe arbeitet dabei gern mit einer 3-B-Kettenformel, wie er sie nennt: Behauptung. Begründung. Bekräftigung. „Du behauptest: Es ist möglich. Wir schaffen das. Du musst es dann begründen, damit die Spieler es auch glauben können und nicht sagen: Was labert der denn da? Sondern sagen: Der hat ja recht. Also: Weil wir stark sind. Weil wir gut trainiert haben. Weil wir gute Zweikämpfe führen. Wenn du das als Spieler hörst, wächst der Glaube an dich. Und dann bekräftigst du das: Wir können es schaffen.“

Also, die 100-Euro-Frage zum Abschluss: Schafft Werder es am Sonntag, erstmals seit acht Jahren wieder gegen die Bayern zu punkten? Stefan Kloppe sagt: „Ich wüsste nicht, warum nicht!“

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