Stefan Reuter im WESER-KURIER-Interview

„Die Preise müssen realistisch sein“

Stefan Reuter ist Manager von Werders Gegner FC Augsburg und weiß also, warum Michael Gregoritsch nicht in Bremen landete. In unserem Interview spricht er über den geplatzten Deal und seinen Ruf in der Branche.
31.08.2019, 12:02
Lesedauer: 8 Min
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„Die Preise müssen realistisch sein“
Von Malte Bürger
„Die Preise müssen realistisch sein“
dpa

Mögen Sie eigentlich Überraschungen?

(lacht) Das kommt immer auf die Überraschung an. Grundsätzlich sorgen wir mit dem FC Augsburg natürlich gern für positive Überraschungen.

In den letzten Tagen ist Ihnen das ganz gut gelungen. Die Transfers von Stephan Lichtsteiner, Tin Jedvaj und Felix Uduokhai hat man Ihrem Verein nicht unbedingt zugetraut.

Das zeigt die Entwicklung, die wir in den letzten Jahren genommen haben. Vor vier oder fünf Jahren wäre so etwas sicherlich noch nicht möglich gewesen.

Das bundesweite Echo, das diese Verpflichtungen hervorgerufen hat, dürften Sie sicherlich wohlwollend registriert haben. Wie sehr gefällt es Ihnen, dass nun gesagt wird, dass beim FC Augsburg etwas passiert?

Bei uns passiert seit Jahren etwas. Wir gehen Schritt für Schritt, versuchen weiter stabil zu wachsen und ein gesunder Verein zu sein. Da haben wir aber noch viel aufzuholen. Wir haben in den letzten Jahren viel in die Infrastruktur stecken müssen, weil es den FC Augsburg in den Jahren, in denen die anderen Bundesligisten in die Nachwuchsleistungszentren, Stadien und Trainingsmöglichkeiten investiert haben, im bezahlten Fußball noch nicht gab. Dieser Prozess läuft noch, aber wir sind auf einem sehr guten Weg, auch was die Rahmenbedingungen angeht Erstligabedingungen zu haben.

Jetzt können Sie es ja zugeben. Eigentlich wollten Sie doch nur Werder ein bisschen ärgern, weil hier gerade die Verteidiger ausgehen…

Uns haben Martin Hinteregger und Kevin Danso verlassen, Jeffrey Gouweleeuw ist noch verletzt – von daher wollten wir unbedingt auf dieser Position etwas machen. Es ist nun einmal nicht ganz so einfach, Spieler dazuzubekommen, die einen besser machen und bezahlbar sind. Daher müssen wir ab und zu kreativ sein und Lösungen finden wie eine Leihe.

Sie haben in der Defensive nachgebessert, allerdings eben erst sehr kurzfristig. Kann das wirklich gut gehen? Ist die Gefahr nicht zu groß, am Anfang zu viele Punkte nicht zu holen?

Wir haben an diesen Transfers bereits seit längerer Zeit gearbeitet. Aber diese ließen sich erst jetzt realisieren. Wir holen nicht einfach einen Spieler dazu, nur um den Kader breiter zu machen. Wir wollten Qualität dazu holen – und da braucht man manchmal Geduld, bis sich Möglichkeiten ergeben. Wenn ein Felix Uduokhai beispielsweise beide Saisonspiele in Wolfsburg gemacht hätte, dann hätten wir sicherlich keine Chance auf eine Verpflichtung gehabt.

Auch wenn die Tabelle noch keinen allzu großen Wert hat: Ist die Bedeutung des Spiels gegen Werder dennoch eine besondere, eben weil beide Mannschaften nicht optimal gestartet sind?

Es ist tatsächlich noch sehr früh in der Saison und der Umbruch bei uns war so groß wie noch nie. Dass da nicht alle Automatismen sitzen, ist normal. Natürlich versucht man aber auch zu punkten, wenngleich ich noch das Spiel aus der Rückrunde im Hinterkopf habe, als wir in Bremen eine ganz bittere Niederlage haben einstecken müssen (Werder gewann im Februar mit 4:0, Anm. d. Red.).

Spielt die damalige Partie wirklich noch eine Rolle oder ist sie eigentlich abgehakt, weil es die erwähnten großen Veränderungen im Kader gab und zudem der Trainer getauscht wurde?

Man weiß einfach, was auf einen zukommen wird. Die Stimmung ist gut, die Fans stehen wie eine Eins hinter ihrer Mannschaft und schieben das Team an. Aber natürlich hat es viele Veränderungen bei uns gegeben, deswegen konzentrieren wir uns auf das Hier und Jetzt, versuchen das Beste aus der Situation herauszuholen und in Bremen zu punkten.

Sie haben das Bremer Publikum gelobt. Woran denken Sie als Erstes, wenn sie das Wort Werder hören? Sie verfügen schließlich über einen großen Erfahrungsschatz als Spieler und als Verantwortlicher.

Vor allem daran, dass da eine geschlossene Einheit zu erkennen ist. Dass die Mannschaft auch in schwierigen Situationen eine super Unterstützung hat. Dort gibt es ein Gemeinschaftsgefühl, an dem wir in Augsburg natürlich auch permanent arbeiten.

Der Name Stephan Lichtsteiner ist bereits gefallen und hat ein Stück weit Signalwirkung. Seit dem Aufstieg im Jahr 2011 geht es für Ihren Klub schließlich in erster Linie immer nur gegen den Abstieg. Ist das auf Dauer nicht unheimlich ermüdend?

Es ist sicherlich herausfordernd, aber es ist die Realität. Das Schöne ist, dass die Menschen hier in Bayerisch-Schwaben diesen Realitätssinn auch haben. Solange wir eines der niedrigsten Budgets haben, ist der Klassenerhalt immer ein riesiger Erfolg. Nur wir haben in all den Jahren die Erfahrung gemacht, dass es eine gute Mischung innerhalb des Kaders braucht. Da sind die erfahrenen Spieler, die Topprofis, die schon viel erlebt haben und auch über den Charakter verfügen, dies an junge Spieler weiterzugeben und mit ihrer Professionalität Vorbild zu sein und zu coachen. Da haben wir mit Stephan Lichtsteiner natürlich einen sehr wichtigen Spieler geholt. Wir haben viele junge Spieler verpflichtet, aber eben auch den einen oder anderen Erfahrenen.

Das klingt alles sehr entspannt. Gibt es so etwas wie Gelassenheit im Abstiegskampf?

Gelassenheit ist das sicher nicht, aber eben Realitätssinn. Es wird uns immer wieder treffen, dass wir eine Phase haben, in der es schwierig ist und wir vielleicht die Ergebnisse nicht haben. Aber dann ist es sehr entscheidend, dass du konzentriert und geschlossen bleibst und immer an dich glaubst. Es ist uns schon bewusst, dass wir auch für positive Ausreißer in der Liga sorgen können, genau das ist der Reiz für uns. Die letzte Saison war extrem schwierig, sie hat allen Beteiligten viel Kraft und Energie gekostet. Jetzt versuchen wir, wieder in Fahrt zu kommen, den Schwung zu kriegen und mit Spaß, Freude und Leichtigkeit in der Bundesliga dabei zu sein.

Und für Sie geht es um eine persönliche weiße Weste. Wenn man Ihre Vita sieht, abgestiegen sind Sie noch nicht.

Nein, bin ich tatsächlich noch nicht. Ich hoffe, dass mir diese Erfahrung erspart bleibt. Eine andere Erfahrung würde ich dagegen noch machen – aber das ist in dieser Saison leider wieder nicht drin: Ich möchte einmal in Berlin dabei sein und den Pokal gewinnen. Das ist mir nie vergönnt gewesen.

Das lässt sich aber vielleicht verschmerzen, wenn man sieht, was Sie sonst alles gewonnen haben.

Ja, aber ich hoffe trotzdem, dass wir da gemeinsam mal dran arbeiten, den Pott vielleicht doch mal zu gewinnen.

Sie haben als Spieler für diverse Topklubs gespielt und etliche große Titel gewonnen. Wie groß ist Ihre Sehnsucht nach diesen Sphären?

Es macht unheimlich viel Spaß in Augsburg, es ist ein tolles Arbeiten hier. Wir sind sehr geschlossen, haben kurze Entscheidungswege, einen kleinen Mitarbeiterkreis und dadurch einen sehr familiären Charakter. Das schätze ich, mag ich – und deshalb fühle ich mich unheimlich wohl in Augsburg.

Wäre Ihr Managerleben nicht trotzdem ein wenig leichter, wenn man nicht immer auf jeden Cent achten muss?

In jedem Verein hat man vorgegebene Rahmenbedingungen und muss immer schauen, dass man aus den eigenen Möglichkeiten das Maximum herausholt. Sobald man bei einem Topklub mal zwei Spiele in Folge verliert, ist sofort die Krise da. Das ist auch nicht einfach. So haben wir eben auch schwierige Phasen, die wir Gott sei Dank in den letzten Jahren geschlossen und gemeinsam super gemeistert haben. Wir hoffen, dass es so weitergeht, unser ganz großes Ziel ist es natürlich, auch ein zehntes Jahr in Folge erste Liga zu spielen. Und jedes Jahr in der ersten Liga macht uns stabiler, gibt uns die Möglichkeit zu wachsen.

Gibt es eigentlich Tage, an denen Sie ihr Telefon verfluchen, weil es während der Transferphasen fast pausenlos klingelt?

Das gehört zu meinem Job einfach dazu. Heutzutage ist man halt immer und überall erreichbar. Das hat Vorteile, weil man nicht immer vor Ort sein muss, sondern auch am Telefon sprechen kann. Aber natürlich fällt es schwerer abzuschalten. Mir hilft es, wenn ich locker Sport treibe, mal irgendwo auf den Berg gehe und entspannt ohne Telefon essen gehen kann. Das sind die Momente, die mir guttun. Wichtig ist ein guter Schlaf – und toi, toi, toi, den habe ich. Das ist das Wichtigste für die Regeneration.

In diesem Sommer ging es öffentlichkeitswirksam unter anderem um die Personalien Philipp Max und Michael Gregoritsch. Wieso haben Sie diesen geldbringenden Transfers einen Riegel vorgeschoben?

Was heißt „Riegel vorgeschoben“. Wenn marktgerechte, konkrete Angebote vorliegen, dann beschäftigen wir uns damit und setzen uns auch mit den Spielern an einen Tisch. Wenn es eine Möglichkeit gibt, Lösungen zu finden, die alle mitgehen, dann findet so etwas statt. Wir haben ja auch den einen oder anderen Abgang gehabt. Das zeigt, dass wir durchaus sprechen und es nicht immer kategorisch ausschließen. Aber der Zeitpunkt muss passen, und man braucht natürlich einen Ersatz. Und die Preise müssen realistisch und marktgerecht sein.

Im Fall von Gregoritsch war von einer kolportierten Ablöse von 13 bis 15 Millionen Euro zu lesen, bei Max sollen es 20 Millionen Euro gewesen sein. Sind das realistische Preise?

Das sind nie Preise, die von uns genannt wurden. Wir nennen keine Zahlen, sondern werden mit jedem Klub, der sich konkret meldet und eine Offerte abgibt, Kontakt aufnehmen, in die Gespräche gehen oder eben sagen, dass wir das nicht für marktgerecht halten. Dann hat sich das erledigt und sollte auch von den anderen Vereinen respektiert werden.

Wegen Michael Gregoritsch hatte sich Werder gemeldet.

Wir waren mal im Austausch. Die Bremer finden den Spieler grundsätzlich interessant, aber es kam zu keiner Einigung.

Vielleicht auch deshalb, weil die Summen, die durch die Medien geistern, ein Stück weit abschreckend wirken?

Das müssen Sie die Werderaner fragen, was da die Gründe waren. Von mir kommen diese Zahlen nicht.

Sie gelten als harter Verhandlungspartner. Genießen Sie diesen Ruf?

Nein. Aber es ist doch normal, dass wir keinerlei Anlass sehen, Qualität günstig abzugeben oder zu verschenken. Auch wir sehen doch, wie schwierig es ist, Ersatz zu bekommen, der bezahlbar ist. Von daher muss es einfach marktgerechte Preise geben. Bei uns gibt es aber auch keine Entscheidungen, die nur eine Person trifft. Es ist ein kleiner Kreis, der da zusammensitzt, eine gemeinsame Entscheidung trifft und diese auch vertritt.

Zurück zum Spiel am Sonntag: Wir haben über die jeweiligen Situationen in den Abwehrreihen von Werder und Augsburg gesprochen. Im Grunde ist doch alles bereitet für ein torreiches Spiel am Sonntag, oder?

Wir versuchen natürlich, mehr Stabilität in unsere Mannschaft zu bringen, denn wir haben schon einige Gegentore bekommen (sechs in der Liga, zwei im Pokal; Anm. d. Red.). Daran wird intensiv gearbeitet, unser Ziel ist es, wesentlich kompakter aufzutreten.

Sehen Sie aber umgekehrt auch einen Angriffspunkt beim Gegner? Man verliert vielleicht nicht gleich den Respekt, aber die Einstellung könnte vor einer eigentlich schwierigen Auswärtspartie dennoch eine andere sein.

Es wird sicherlich keinen Gegner in der Bundesliga geben, vor dem wir keinen Respekt haben. Wir haben es ja im Pokal wieder erlebt, dass ein unterklassiger Gegner an einem Tag über sich hinauswachsen kann und wir unsere Topleistung, zu der wir grundsätzlich in der Lage sind, nicht abrufen. Und dann reicht es einfach nicht. Wir als FC Augsburg müssen sehr konzentriert und fokussiert in die Spiele gehen. Vor den Bremern haben wir natürlich großen Respekt – auch wenn sie jetzt den einen oder anderen Verletzten haben. Werder hat über Jahre gezeigt, welche Klasse es hat.

Stefan Reuter (52) ist als Spieler mit Deutschland 1990 Weltmeister und 1996 Europameister geworden, hat mit Borussia Dortmund die Champions League und den Weltpokal gewonnen und hielt fünfmal die Meisterschale in die Höhe. Seit Dezember 2012 ist er Geschäftsführer Sport bei Werders nächstem Gegner FC Augsburg.

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