Sieg gegen Hannover in der Analyse Die Richtung stimmt wieder

Gegen Hannover hat Werder teilweise fulminanten Fußball gespielt. Das klare 4:0 darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Werder nicht über 90 Minuten stabil funktionierte.
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Von Stefan Rommel

Der erste Saisonsieg fühlte sich für Werder Bremen an wie eine Befreiung und in der Tat entdeckte die Mannschaft gegen Hannover 96 lange vermisste Qualitäten wieder. Dass das Ergebnis aber zu hoch ausfiel und Hannover keineswegs vier Tore schlechter war, darf bei aller Euphorie nicht unter den Tisch fallen.

Werder-Trainer Florian Kohfeldt vertraute bei seiner Heimspielpremiere der Mannschaft, die zwei Wochen zuvor unglücklich in Frankfurt verloren hatte. In einer 4-1-4-1-Anordnung mit dem Ball bildeten Theo Gebre Selassie, Milos Veljkovic, Niklas Moisander und Ludwig Augustinsson die Viererkette, davor agierte Philipp Bargfrede auf der Sechs, flankiert von Maximilian Eggestein und Thomas Delaney. Fin Bartels und Zlatko Junuzovic übernahmen auf dem Papier den Part auf den Flügeln und Max Kruse den Job der einzigen Spitze im Zentrum.

Hannover hatte mit mehreren Ausfällen zu kämpfen. Keeper Philipp Tschauner und Defensivallrounder Waldemar Anton fielen aus, dazu musste der angeschlagene Ilhas Bebou auf der Bank Platz nehmen. Insgesamt baute Coach André Breitenreiter seine Mannschaft zum Teil notgedrungen auf fünf Positionen um, vertraute aber auf das bewährte 4-3-1-2 mit einer angedeuteten Mittelfeldraute.

Werder lässt sich nicht aus der Ruhe bringen

Wie zu erwarten, versuchte Hannover die Bremer Anordnung im Spiel gegen den Ball zu spiegeln. Die daraus folgenden Mannorientierungen sollten Werder die Passoptionen rauben und durch die Raute der Weg ins Zentrum versperrt werden. Die etwas überraschende Rochade des eher defensiv ausgerichteten Marvin Bakalorz auf die Zehnerposition sollte im Spiel gegen den Ball Werders Schaltzentrale Bargfrede aus dem Spiel nehmen.

Werder ließ sich von Hannovers Verteidigungsmechanismen aber nicht aus der Ruhe bringen und zeigte sich gut vorbereitet. Kaum ein Aufbau erfolgte hektisch oder mit einem langen Ball über das Pressing der Gäste, sondern immer mit dem Vorhaben eines kontrollierten Ballvortrags. Werder machte sich die relativ eng stehenden Achter des Gegners und deren Durchschieben auf die Außenverteidiger Gebre Selassie und Augustinsson zu Nutze und suchte im Übergangsdrittel den Weg über die Flügel.

In der Anfangsphase gelang es immer wieder Druck über die Seiten aufzubauen. Die ungemein beweglichen und lauffreudigen Delaney und Eggestein unterstützten auf den Flügeln, wo sich Werder durch ein gutes Positionsspiel immer wieder so aufstellte, dass über kurze Pässe sauber und flach kombiniert und so der Raum im Rücken der Hannoveraner Außenverteidiger angespielt werden konnte. Zuerst hatte Hannover große Probleme mit Werders linker Angriffsseite, weil Klaus nicht gut auf die Laufwege der Bremer reagierte und Sorg oft alleine ließ. Überhaupt klappten die Übergaben bei den Gästen nicht gut. Werder riss Hannover mit seinem Positionsspiel immer wieder auseinander und öffnete Räume, 96 kam oft einen Schritt zu spät und brachte nur selten Druck auf den Ball.

Werder presst früh und aggressiv

Was wie schon in Frankfurt auffiel: Werder beorderte bei eigenem Ballbesitz und auch in den Umschaltaktionen wieder deutlich mehr Spieler mit in den jeweiligen Angriff. Die Konterabsicherung soll über eine gute Struktur rund um den Ball und damit kurzen Wegen ins Gegenpressing erfolgen und nicht mehr zwingend durch viele Spieler gewährleistet werden, die sich aus dem Angriff rausnehmen und stattdessen tief positioniert restverteidigen. Entsprechend gut waren das Nachrücken und die Strafraumbesetzung durch Bremer Spieler.

Die vielen Positionswechsel brachten Hannover phasenweise gehörig durcheinander, teilweise hatte Werder sechs Spieler im Angriffsdrittel positioniert - allerdings wurden die Angriffe deshalb nicht dogmatisch und mit Gewalt nach vorne durchgezogen. Fand Werder keinen direkten oder machbaren vertikalen Weg durch die Abwehr der Gäste, wurde aus den engen Situationen rausverlagert und der Angriff eben 15, 20 Meter weiter hinten neu gestartet. Kruse war in diesen Situationen als Raumöffner besonders auffällig.

Mitte der ersten Halbzeit dominierte Werder immer mehr und kam innerhalb von zehn Minuten zu sieben Torschüssen. Allerdings fehlten die ganz großen Chancen aus dem freien Spiel, wirklich gefährlich wurde es nach Umschaltmomenten und einem Standard. Eine halbe Stunde funktionierte auch das Spiel gegen den Ball tadellos.

Werder presste den Gegner früh und aggressiv im 4-4-2, mit Delaney neben Kruse in der ersten Linie, die Hannover gerne schon in deren Abwehrdrittel anliefen. Wenn sich Schwegler zwischen die beiden Innenverteidiger fallen ließ, um mit einer Überzahlsituation gegen die beiden Bremer Angreifer aufzubauen, schob Junuzovic mit nach vorne und glich die nummerische Unterlegenheit einfach wieder aus. So hatte Werder sowohl die Gegenspieler als auch die Passwege gut verteidigt. Hannover konnte im Mittelfeld kaum einmal Räume so öffnen, dass direkt auf einen der Angreifer durchgespielt werden konnte.

So mussten die Gäste oft den schnellen Weg auf die Außen suchen, die dann von Gebre Selassie und Augustinsson früh gestellt wurden und der Angriff so in der Regel wieder beendet war, noch ehe er begonnen hatte. Auch hier wieder auffällig: Werder verteidigte in allen Zonen nach vorne, ohne Angst vor einem Fehler. Das klappte fast immer gut, nach einer halben Stunde konnte Hannover aber eine enge Situation am linken Flügel gut lösen, schnell verlagern und kam nach Sorgs scharfer Hereingabe und Veljkovic‘ Querschläger beinahe zur Führung. Die gelang wenig später dann aber doch Werder, wenig überraschend nach einer Umschaltaktion.

Nach dem Wechsel stellte Hannover um auf eine Dreierkette, zumindest trieb sich Albornoz permanent im Mittelfeld rum und ließ Sané als halblinken Innenverteidiger zurück. Zehn Minuten bekam Hannover besseren Zugriff auf Werder, die Chancen zum Ausgleich hatten damit aber nur am Rande zu tun. Zuerst erwischte Hannover die Gastgeber das erste (und auch einzige) Mal bei einer Umschaltaktion, Harnik vergab die Möglichkeit aber ebenso fahrlässig wie kurz danach Sané, als der fünf Meter vor dem Tor nach einer Ecke völlig unbedrängt aufs Tor köpfen durfte.

Wie Effizienz geht, zeigte dann Werder. Innerhalb von vier Minuten überrumpelte Kohfeldts Mannschaft den Gegner nach Ballverlusten im Mittelfeld. Einer, wie beim 1:0, nur bedingt erzwungen - der andere durch ein gutes Pressing und einen stark geführten Zweikampf tatsächlich proaktiv provoziert. Mit den ersten beiden Schüssen überhaupt in der zweiten Halbzeit entschied Kruse die Partie nach nicht einmal einer Stunde.

Werder bestätigt Ansätze aus Frankfurt-Spiel

Hannovers Umstellung auf zwei Stürmer war wie vieles andere auch in der letzten halben Stunde nur noch zweitrangig. Werder wich auch nach dem klaren Vorsprung nicht zurück, sondern hielt den Druck hoch und die Gäste ständig unter Stress. Hannovers Mannschaft konnte sich nicht so recht entscheiden, ob es 30 Minuten lang um Schadensbegrenzung gehen oder vielleicht noch das eine oder andere Tor herausspringen sollte. Entsprechend zweigeteilt agierte die Mannschaft in vielen Aktionen und musste sogar noch ein viertes Gegentor hinnehmen.

Werder hat die Ansätze aus dem ersten Spiel unter Kohfeldt in Frankfurt bestätigt und sich in einigen Dingen weiter verbessert: Die Intensität ist höher, das Spiel ist aktiv gestaltet und hat nur wenige reaktive Phasen. Das Positionsspiel wirkt flüssiger, demnach steigt auch die Passquote. Die Mannschaft verteidigt überall auf dem Feld mutig nach vorne und geht bei seinen Konteraktionen mehr Risiko. Was unweigerlich dazu führt, dass Bartels und Kruse phasenweise wieder so wirken wie in der formidablen Rückrunde und aus sauber herauskombinierten Abschlusssituationen auch die entsprechende Effizienz an den Tag legen.

Dass das alles in einem 4:0-Erfolg mündete, hatte aber auch mit anderen Faktoren zu tun: Werder hatte in den Knackpunktmomenten auch das nötige Glück auf seiner Seite (bei Veljkovic‘ Querschläger) oder konnte sich auf einen erneut starken Jiri Pavlenka (bei Harniks Chance) verlassen. In einigen Szenen wurde im Spiel mit dem Ball im Hinblick auf mögliche Folgeaktionen geschludert, etwa in der Staffelung, um danach schnell ins Gegenpressing zu kommen. Ein besserer Gegner als Hannover an diesem Tag nutzt das dann wohl anders aus.

Die Gäste luden Bremen stattdessen zu den ersten drei Toren förmlich ein, die gravierenden und ungewöhnlich leichten Fehler in der Vorwärtsbewegung waren tödlich für den Aufsteiger, der in der Summe eines seiner schlechtesten Saisonspiele absolvierte - und in der Form für nochmals verbesserte Bremer letztlich leicht zu schlagen war.

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