Pavlenka so stark wie lange nicht

Die Rückkehr des Kraken

Gegen Frankfurt zeigte Jiri Pavlenka gleich mehrere starke Paraden und auch in den Spielen zuvor hielt er so gut wie lange nicht. Der 28-Jährige ist wieder in der Lage, Werder wichtige Punkte zu retten.
02.11.2020, 16:30
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Die Rückkehr des Kraken
Von Malte Bürger
Die Rückkehr des Kraken

Und wieder fest zugepackt: Jiri Pavlenkas Formkurve zeigt stark nach oben, schon mehrfach verhinderte er ein Bremer Gegentor.

nordphoto / Bratic

Mit den Statistiken bei Torhütern ist das ja so eine Sache. Da kann der Wert eines Keepers richtig toll sein, obwohl er lediglich ein paar zentrale Kullerbälle auf sich zukommen sah, während die Konkurrenten bei anderen Klubs reihenweise spektakuläre Paraden zeigen mussten, um einen Gegentreffer zu verhindern. Somit taugen die nackten Zahlen der Datenerhebung meist nur selten dazu, die wahre Klasse der Schlussmänner einzuschätzen. Sie sind eine Spielerei. Jiri Pavlenka darf sich nach sechs Spieltagen beispielsweise freuen, dass er 72,4 Prozent der Schüsse auf sein Tor abwehren konnte. Bislang flog der Ball dabei 29 Mal in seine Richtung, acht Mal musste er ihn aus dem Netz fischen.

Kein schlechter Wert, ein ligaweites Ranking ist aber auch deshalb windschief, weil viel davon abhängt, was die Abwehrspieler zulassen. Manuel Neuer gilt gemeinhin als die beste Nummer eins der Welt, weil er in den mitunter recht wenigen Momenten, in denen er gefordert ist, stets stark hält. Gelingt ihm genau das jedoch nicht, rutscht er automatisch auch im Vergleich mit den Torhüterkollegen ab, weil er dann nur noch wenige Gelegenheiten hat, um sich auszuzeichnen. Schwer beschäftigte Schlussleute segeln zwar häufiger durch den Fünfmeterraum, allerdings ist bei ihnen wiederum die Wahrscheinlichkeit auch höher, dass irgendwann ein Ball den Weg ins Tor findet.

Probleme mit dem Ball am Fuß

Vor allem in der vergangenen Saison hat Werder allerlei Schüsse oder Kopfbälle zugelassen, da wurde es dann auch für Jiri Pavlenka schwer. Gerade dann, wenn auch die eigene Form nicht die optimalste ist. Nach zwei richtig guten Jahren, in denen er im Eiltempo nach seinem Wechsel aus Prag an die Weser zum Publikumsliebling avancierte, sollte im Sommer 2019 auch Pavlenka den nächsten Entwicklungsschritt machen. Doch wie beim Rest der Mannschaft ging dieser Plan nicht auf. Die Idee war, den tschechischen Nationalkeeper spielerisch noch besser einzubinden, mit dem Ball am Fuß hatte Pavlenka allerdings so seine Probleme. Immer wieder segelten Abschläge ungenau ins Seitenaus oder direkt zum Gegner. Mehr und mehr schwand die Sicherheit, worunter auch seine eigentlich starke Arbeit auf der Linie litt. Lange Zeit „gewann“ Pavlenka keine Punkte mehr für die Bremer, sondern rutschte gemeinsam mit ihnen dem Abstieg entgegen.

Erst die Coronapause sorgte für eine Verbesserung. Im Frühjahr deutete Pavlenka bereits an, auf einem guten Weg zu sein, seit der Sommervorbereitung ist er endgültig wieder auf einem konstant guten Niveau unterwegs. Auch, weil er sich erst einmal wieder mehr aufs Wesentliche konzentrierte. Lediglich beim Saisonauftakt gegen die Hertha (1:4) leistete er sich einen kleinen Patzer, nach dem er ehrgeizig zugab: „Für mich ist klar, dass ich den Ball bei meiner Qualität halten muss.“

Der Kopf ist frei

Das ist ihm danach ziemlich gut gelungen. Seit dem Berlin-Spiel rettete Pavlenka gleich mehrfach in ganz wichtigen Situationen. Gegen Bielefeld, in Freiburg, gegen Hoffenheim und zuletzt in Frankfurt. Vor dem Abseitstor der Gastgeber hatte er bereits stark reagiert, kurz vor der Pause versperrte er ­Daichi Kamada bei einer großen Chance den Weg. Später lenkte er einen Kopfball von Andre Silva aus der Gefahrenzone, ehe er in der Nachspielzeit noch ein Eigentor von Niklas Moisander verhinderte. Werders Torwart hält wieder wie eine Eins, verhindert wieder Niederlagen. Auch seinetwegen sind die Bremer seit fünf Spielen ungeschlagen.

„Es war vor allem der Klassenerhalt, der mir ein positives Gefühl gegeben hat“, sagte Pavlenka erst kürzlich im Interview mit dem WESER-KURIER. „Ich war sehr glücklich, danach drei Wochen freizuhaben. So konnte ich den Kopf freibekommen. Das war gut und auch nötig. Ich bin einfach sehr froh, dass wir weiter in der Bundesliga dabei sind. Aber wir müssen demütig sein und weiter so hart arbeiten.“

Konzentrierte Vorbereitung

Jiri Pavlenka tut dies fast jeden Tag. Gemeinsam mit Torwarttrainer Christian Vander feilt er an seinem Können. „Pavlas hat sehr konzentriert in der Vorbereitung gearbeitet, ist in einer sehr guten Verfassung“, lobte jetzt auch Chefcoach Florian Kohfeldt seinen Mann zwischen den Pfosten. Die vielen guten Paraden lenken zudem ein bisschen davon ab, dass den Abstößen noch immer die nötige Genauigkeit fehlt. Trotzdem erkennt Kohfeldt auch diesbezüglich einen Aufwärtstrend: „Das Spiel mit dem Ball wird besser, er ist da sehr solide.“ Zwar sei dies zuletzt gegen Eintracht Frankfurt nicht so zu sehen gewesen, aber zuvor gegen die TSG Hoffenheim habe Werder viel „mutiger im Spiel hinten heraus“ agiert, sagte Kohfeldt.

Und viel wichtiger: Die Bremer verteidigen mittlerweile besser. Obwohl die jeweiligen Gegner nicht nur reichlich individuelle Klasse mitbrachten, sondern auch allerlei Ballbesitz hatten, wussten sie mit dieser Überlegenheit nur wenig anzufangen. Werders neue Kompaktheit hilft natürlich auch Jiri Pavlenka. Die Zahl der Gefahrensituationen, die er zu meistern hat, hat sich minimiert. Das Stresslevel während einer Partie ist gesunken, der 28-Jährige strahlt zudem wieder deutlich mehr Souveränität aus, wenn ein hoher Ball in den Strafraum fliegt. All das führt dazu, dass Pavlenka momentan schwerer zu bezwingen ist. Lediglich die Null stand erst einmal in dieser Saison, aber am Ende ist auch das wieder nur eine Torhüter-­Spielerei.

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