Kohfeldt kämpft und spaltet die Fans Die schwierige Trainerfrage

In vielen Klubs der Bundesliga wäre das Trainerteam wohl längst entlassen, der Manager wohl gleich dazu. Bei Werder hält man zusammen. Die Frage ist: Was könnte ein neuer Coach verändern?
03.02.2020, 10:10
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer

Dieses Auswärtsspiel in Augsburg führte Florian Kohfeldt vor Augen, wie extrem sein Wirken bei Werder Bremen bewertet wird. Vor dem Anpfiff belagerten Fotografen den jungen Trainer am Spielfeldrand, wie das immer passiert, wenn ein Coach vermeintlich kurz vor dem Aus steht. So entstehen die berühmten letzten Bilder. Nach dem Abpfiff, als das nächste Spiel mit 1:2 völlig verdient verloren war, erlebte Kohfeldt das Gegenteil. Eine TV-Journalistin begrüßte ihn tatsächlich mit diesem Satz zum Interview: „Es tut mir so leid, dass ihr wieder verloren habt.“ Das würden die 17 anderen Bundesligatrainer in dieser Situation auch gerne mal erleben.

Kohfeldts Anteil an Werders Krise zu bewerten, ist schwierig und funktioniert nicht mit Schwarz-Weiß-Malerei. Je weiter man sich dieser Tage von Bremen entfernt, desto klarer wird der Trainer als Schuldiger gesehen. Wo die Punkte ausbleiben, ist ja immer der Trainer schuld, das ist die oberflächliche Logik des Geschäfts. Im Verein selbst wird das anders gesehen, Sportchef Frank Baumann stärkt Kohfeldt demonstrativ den Rücken. „Es ist normal, dass sich Medien, Fans und das Umfeld jetzt Gedanken machen“, sagt Baumann, „wir kennen und sehen aber doch alle die Gründe, warum es so schwer ist, auf dem Feld eine gute Formation zu finden. Es fehlen immer in einem anderen Mannschaftsteil die Spieler. Wir haben volles Vertrauen zu Florian Kohfeldt. Wir werden weiter daran arbeiten, mit ihm aus dieser Situation herauszukommen.“

Trainerdiskussion gewinnt an Wucht

Kohfeldts leidenschaftliches Plädoyer in eigener Sache („Zurücktreten wäre weglaufen. Und ich werde niemals weglaufen!“) macht deutlich, dass er sich selbst nicht als Teil des Problems sieht, sondern als treibende Kraft bei der Lösung. Nach der Niederlage in Augsburg, der zweiten im dritten Rückrundenspiel, gewinnt die Diskussion um den Trainer jedoch an Wucht, vor allem auch unter den Fans. Die Kohfeldt-Frage spaltet den Anhang, wobei aber noch nicht klar ist, ob der Riss genau durch die Mitte geht oder eher am Rande verläuft. Jedenfalls formiert sich in den nicht immer sozialen Netzwerken der Hashtag #teamkohfeldt, es sind Unterstützer, die Kohfeldts zuvor glänzende Erfolge bei Werder nicht auf dem Altar einer dramatischen Verletzungssituation opfern wollen. Ihnen stehen Fans gegenüber, die das erschreckend schwache Offensivspiel und die Formschwäche vieler Spieler am Trainer festmachen, auch aus Sorge um einen Absturz in der Zweitklassigkeit.

Die Trainerfrage könnte für Werders Verantwortliche in den kommenden Wochen zur Belastungsprobe werden. Vor der Saison wurde die gemeinsame Zusammenarbeit aus guten Gründen bis 2023 ausgeweitet. Es gibt und gab starke Beziehungen im harten Profi-Geschäft, die im schlimmsten Fall auch einen gemeinsamen Ab- und Wiederaufstieg aushielten: Mainz und der junge Klopp zum Beispiel, auch Freiburg und Christian Streich. Beide Vereine fuhren damit besser als der HSV oder der VfB Stuttgart, die in blanker Panik inzwischen reihenweise die Trainer wechselten und dadurch jede Identität verloren.

Kohfeldt hat viele Optionen probiert

Ein neuer Trainer hätte bei Werder nämlich auch keine gesunden Außenverteidiger zur Verfügung, keine Alternativen im Mittelfeld und keinen besseren Torhüter. Deshalb lohnt eine genauere Betrachtung. Ein neuer Trainer könnte auf die Winterneuzugänge Vogt und Selke setzen – das macht Kohfeldt aber auch. Ein neuer Coach könnte mal einen jungen Spieler reinwerfen – auch das machte Kohfeldt gerade mit Woltemade. Man könnte den im Abstiegskampf völlig untauglichen Osako endlich auf die Bank setzen. Macht Kohfeldt nun seit Wochen. Der neue Trainer hätte in Augsburg wohl ein kompaktes 5-4-1-System gewählt, um die flügelstarken Gastgeber irgendwie zu hemmen. Er hätte dann wohl auf ein 3-5-2 umgestellt, um die Außen noch besser zu doppeln. Und am Ende sicherlich ein 4-4-2 gewählt, um wenigstens das zwischenzeitliche 1:1 ins Ziel zu retten. All das hat Kohfeldt aber auch gemacht. Und dann entsteht aus einem Werder-Abstoß (!) der Augsburger Siegtreffer.

Es ist und bleibt eine schwierige Diskussion. Natürlich hat Kohfeldt seine Spieler nicht angewiesen, jeden zweiten Pass zum Gegner zu spielen und eher langsam hinterher zu laufen, aber er muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass es seine Spieler sind, die so agieren. Doch wo der Gegner einen Alfred Finnbogason einwechselt und so das Spiel massiv verändert, hätte jeder Trainer bei Werder auch gerne solche Einwechselmöglichkeiten. Es gibt sie aber nicht.

Es gibt Gründe für Optimismus

„Es gibt nur zwei Möglichkeiten“, resümiert Vizekapitän Davy Klaassen nun, „wir geben auf. Oder wir machen weiter.“ Bei Werder hat man sich auf allen Ebenen fürs Weitermachen entschieden, und Baumann nimmt nun die Spieler in die Pflicht. „Das Kämpfen ist nur die Basis. Wir müssen unser Spiel verbessern“, sagt der Sportchef, „die Mannschaft will, es liegt nicht am Einsatz. Aber wir sind nicht clever und nicht mutig genug. Das werfe ich der Mannschaft vor. Wir müssen das schnellstmöglich verändern – sonst wird es schwer, Spiele zu gewinnen.“ Die Gesamtsituation sei „dramatisch“, aber man habe auch nie gesagt, „dass wir locker aus dieser Situation herauskommen. Es wird schwer bis zum Ende. Aber wir müssen jetzt liefern.“

Was Kohfeldt so zuversichtlich macht, liefern zu können und mit Werder erneut die Wende im Abstiegskampf zu schaffen, ist der Blick in die nahe Zukunft. „Der Hauptgrund, der mich optimistisch stimmt, ist, dass wir hoffentlich zeitnah wieder agieren können und nicht mehr reagieren müssen.“ Er meint damit die Rückkehr der verletzten Außenverteidiger Theo Gebre Selassie und Ludwig Augustinsson, und damit ein Ende dieses Domino-Effektes, immer wieder Spieler auf ungewohnte Positionen verschieben zu müssen. „Das Thema wird uns aber noch zwei Wochen begleiten“, mahnt Kohfeldt, „und wir dürfen diese Spieler nach den Verletzungen auch nicht zu früh reinschicken, wir spielen ja jetzt schon wieder mit Spielern, die nicht auf dem Fitnessstand sind, dass ich sie gerne 90 Minuten spielen lasse.“ So ist das bei Werder im Februar 2020. Und der Ausgang ist völlig offen. Für die Fans. Und für alle Beteiligten. Sicher ist nur: Die meisten dieser Probleme könnte auch ein anderer Trainer nicht lösen.

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