Werders Auftreten gibt Anlass zur Sorge Die Sehnsucht nach einem Neustart

Die Niederlage gegen Paderborn hat Werder schwer getroffen. Sportchef Frank Baumann wählte deutliche Worte, während Trainer Florian Kohfeldt die Winterpause herbeisehnt, auf ein Donnerwetter aber verzichtete.
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Die Sehnsucht nach einem Neustart
Von Malte Bürger

Ludwig Augustinsson sah zwar geschafft aus, aber nicht so, als hätte er soeben einen schmerzhaften Boxkampf hinter sich gebracht. Doch er fühlte sich so. „Das war ein Schlag in die Magengrube“, sagte der Schwede mit Blick auf den späten Eingriff des Video-Assistenten, der Werder gegen Paderborn eine Niederlage bescherte. Damit aber nicht genug. Es hatte da ja auch noch die Leistung zuvor gegeben, die nicht wirklich berauschend war. Augustinsson fand sie sogar richtig schlecht. „Das war ein heftiger Schlag ins Gesicht.“

Zumindest im übertragenen Sinne waren die Bremer also ziemlich zerbeult aus dem so enttäuschenden Spiel gegangen. Und Sportchef Frank Baumann legte gleich den nächsten verbalen Hieb nach. „Wenn man zu Hause gegen den Tabellenletzten verliert, ist das natürlich sehr bitter und enttäuschend. Aber das haben wir uns selbst zuzuschreiben“, setzte er an. „Wenn ich schon nicht den besten Tag habe, muss ich mich umso mehr hineinkämpfen. Das haben wir aber gerade zu Beginn des Spiels nicht gemacht.“

Gefährliche negative Ausreißer

Derartige Töne sind neu. Zwar hat Werder bekanntlich einige Zähler unnötig liegen gelassen, zumeist aber immerhin in puncto Einstellung und Auftreten gefallen. Die beiden jüngsten Heimspiele gegen Schalke und Paderborn offenbarten trotz des Zwischenhochs in Wolfsburg aber gefährliche Ausreißer in dieser Hinsicht. „Mir macht vor allem die Leistung Sorgen“, betonte Baumann. „Das ist etwas, was wir über die ersten zehn, zwölf Spiele nicht bemängeln konnten.“ Nun müsse man jedoch genau an diesem, wie der Werder-Sportchef es nannte, Hauptproblem arbeiten. „Wir sind letzte Woche in Wolfsburg ganz anders ins Spiel gegangen und dafür gelobt worden. Deswegen verstehe ich nicht, warum wir das dieses Mal nicht so auf den Platz gebracht haben.“

Die Antwort auf diese Frage, sie ließ sich unmittelbar nach dem Spiel nicht finden. Kapitän Niklas Moisander suchte im Gespräch mit den Journalisten ebenso erfolglos nach einer Begründung wie Ludwig Augustinsson. Und auch Trainer Florian Kohfeldt tat sich schwer. Stattdessen schlug er einen anderen Weg ein und formulierte bereits eine erste Hinrundenbilanz – kein allzu gutes Zeichen, wenn die erste Hälfte der Saison noch nicht einmal komplett absolviert ist. Doch zu offensichtlich ist die gesamte Schieflage. „Wir haben in dieser Hinrunde nie unseren Rhythmus gefunden“, sagte Kohfeldt. „Jetzt war da noch einmal eine Chance, wo wir uns mit einem Sieg eine kleine Schanze in Richtung Rückrunde hätten bauen können.“ Statt eines versöhnlichen Gleitflugs gab es jedoch den neuerlichen Absturz, um im Bilde zu bleiben. „Wir müssen jetzt durch die letzten drei Spiele des Jahres durch und richtig punkten. Danach müssen wir uns in der Winterpause sammeln und dann unseren Rhythmus finden.“

Sehnsucht nach einem Neustart

Im Moment jedenfalls stockt es mehr als dass es beschwingt. Die große Konstante ist die Inkonstanz, Selbstverständlichkeiten gibt es nicht. Schon kleinste Erschütterungen der Werder-Welt haben stattdessen große Auswirkungen und sorgen für reichlich Schwächephasen. Phasen, die in Wahrheit vielleicht gar keine Phasen mehr sind. Einen mentalen Knacks kann Florian Kohfeldt allerdings nicht erkennen. „Es ist ein fußballerisches Problem“, sagte er. „Wir müssen gewisse Dinge von Woche zu Woche neu machen, sie verändern. Wir haben einfach nicht diese Verlässlichkeit wie wir sie letztes Jahr hatten.“ Damals spielte Werder vielleicht nicht immer gut, schaffte es aber trotzdem dank eines gewissen Levels, gute Ergebnisse einzufahren. Nun aber gelingt das nicht, weshalb Kohfeldt Worte wiederholte, die zuvor Frank Baumann in ganz ähnlicher Form benutzt hatte. „Dann musst du dich noch einen Tick mehr reinwerfen und noch ein bisschen klarer in den Aktionen werden.“

Bei Werder regiert also ein wenig die Sehnsucht. Nach Punkten sowieso, nach Stabilität in den Leistungen ganz speziell. Und ein bisschen sehnen sie sich auch danach, dass diese verkorkste Hinrunde doch endlich ein Ende haben möge und ein Neustart mit dem Trainingslager auf Mallorca im Januar eingeleitet werden kann.

Ruhige Analyse statt Rundumschlag

Bis dahin will Florian Kohfeldt ruhig weiterarbeiten. Einen verbalen Rundumschlag vor der Mannschaft wird es nicht geben. Aus gutem Grund. „Der Moment war schon da“, sagte der Bremer Chefcoach. Wann genau, das wollte er nicht verraten. Der Nachgang des Schalke-Spiels dürfte allerdings kein allzu schlechter Tipp sein. „Was wir in der Kabine machen, bleibt auch dort“, sagte Kohfeldt trotzdem. Momentan seien eher andere Methoden gefragt. „Wir müssen das für die letzten drei Spiele jetzt gut analysieren und uns auf die einfachen Dinge besinnen“, sagte er. So jedenfalls, so soll es nicht weitergehen. „Aus meiner Sicht hatte das Spiel keinen Sieger verdient – und das allein sagt schon genug über unsere Leistung aus.“

Und urplötzlich wurde dann doch noch über dieses eine Wort gesprochen, das bisher nicht zum Vokabular der Bremer gehörte: Abstiegskampf. Zumindest halbwegs. „Es ist eine sehr schwere Phase und eine sehr schwere Saison. Unser Ziel muss es sein, sich so schnell wie möglich aus dem unteren Drittel zu befreien“, sagte Florian Kohfeldt. „Das Wort Abstiegskampf nehmen wir deshalb nicht so gerne in den Mund, weil wir eine Mannschaft sind, für die das Kämpfen, die Aggressivität und die Intensität selbstverständlich sein muss. Wir dürfen uns aber nicht nur darauf verlassen, denn dafür haben wir die Spieler gar nicht.“ Den jüngsten Beweis lieferte das Paderborn-Spiel.

Dreckige Schlachten sind also auch künftig unwahrscheinlich, stattdessen soll es eine besondere Mischung richten. „Wir müssen uns aus dieser Situation herausspielen und auch kämpfen“, sagte Florian Kohfeldt. „Deswegen ist das Wort Abstiegskampf für uns in der jetzigen Phase noch zu früh. Aber es ist eine extrem schwere Situation.“ Oder wie es Kapitän Niklas Moisander ausdrückte: „Ich glaube an die Mannschaft und unsere Qualität, aber wir müssen das jetzt auch auf den Platz bringen.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+